Die Russen kommen - DER SPIEGEL
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LITERATUR Die Russen kommen

Der in Weimar lebende Lyriker Wulf Kirsten überrascht mit brillanter Prosa - Erinnerungen an eine sächsische Dorfkindheit im Krieg und danach.
• aus DER SPIEGEL 3/2001
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Undramatischer kann ein Buch kaum beginnen. »Der Hof« ist das erste Kapitel überschrieben, und gleich im ersten Satz wird offenbart, dass der Hof »gar keiner war« - kein Bauernhof nämlich, sondern nur der kleine Platz zwischen einem bescheidenen Haus und einem Schuppen, wo der Ich-Erzähler vor fast einem Menschenalter als Kind die ersten Entdeckungen machte.

Und auch das vornehmste Anwesen in Klipphausen, nahe bei Meißen, ist in Wahrheit kein voluminöses »Schloss«, wie es im Dorf genannt wird, immerhin aber Wohnsitz alteingesessenen Adels. Dort, »auf den Elbhöhen im Dresdner Hinterland«, leben zwei alte Damen, die titelgebenden Prinzessinnen, die hier eigentlich nur eine Nebenrolle spielen - auch wenn ihr geheimnisvoller Krautgarten die Phantasie der »Häuslerskinder« beflügelt, weil er unerreichbar ist, »von einer hohen, glatt verputzten Mauer umgeben, die sich nicht übersteigen« lässt**.

Wulf Kirsten, 66, war eines dieser Häuslerskinder. In Klipphausen ist er geboren und in bäuerlicher Umgebung aufgewachsen, dort lebte er auch nach dem Krieg, bis

es ihn 1957 zu einem Studium nach Leipzig zog. Danach arbeitete er unter anderem als Lektor in Weimar, wo er heute noch wohnt. Mittlerweile ist Kirsten ein renommierter Lyriker, der mit Gedichtbänden wie »Die erde bei Meißen« (1986), »Stimmenschotter« (1993) oder »Wettersturz« (1999) viel Beachtung und Anerkennung gefunden hat.

Es ist eine Kindheit im Krieg und kurz nach dem Krieg, von der er nun als Erzähler berichtet: seine eigene Kindheit, ganz unverblümt. Das Zentrum der Geschichte, auf das Kirsten in kreisenden, behutsamen Erzählbewegungen hinzielt, ist der Tag des Übergangs, des Kriegsendes: In Klipphausen war das der 7. Mai 1945.

In den meisten der mehr oder weniger autobiografischen Erinnerungen an die Nazi-Zeit, von denen es in der deutschen Literatur, auch als Roman, jede Menge gibt, wird dieser Moment als eine Art Schlusspunkt geschildert. Es gibt dagegen nur wenige Texte, die sich ganz auf die Schrecken dieser Zäsur, diese andere große Wende in der deutschen Geschichte einlassen.

Christa Wolf, fünf Jahre vor Kirsten in Landsberg an der Warthe geboren, hat vor Jahren einen derartigen Versuch unternommen: »Blickwechsel« (1970) heißt die kurze Erzählung, die aus der Sicht eines jungen Mädchens vom Vormarsch der Sowjet-Truppen im Osten Deutschlands berichtet - und eben doch nicht richtig. Denn erzählt wird von der Flucht Richtung Westen, bloß weg von den »asiatischen Horden«, wie die Erwachsenen sagen: »Die Russen schneiden doch allen Frauen die Brüste ab!«

Das war immerhin die Andeutung dessen, wovon zu erzählen zu Zeiten der DDR kaum denkbar war: Die Vergewaltigungen und Plünderungen durch die Rote Armee waren für die dort lebenden Schriftsteller ein Tabu - in der Wolf-Erzählung ist das daher auch nur kurz angeschnitten und zur Not als Gräuel- und Nazi-Propaganda, als Gerede der Flüchtenden zu interpretieren.

Kirsten muss solche Rücksichten nicht nehmen - und doch vermeidet er alles, was das nun Erzählbare zu deutlich und effekthascherisch in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen lässt er den Leser zunächst ausgiebig und geduldig an der Dorfkindheit teilhaben, stimmt ihn ein, erkundet mit Kinderaugen den kleinen Weltausschnitt - wie das hohe Roggenfeld, das später manchem als Zufluchtsort dienen wird.

Dann heißt es: »Die Russen kommen!« Und auch wenn die Kinder doch nicht mehr, wie geplant, zur Panzerabwehr eingesetzt werden (was das Dorf vor der Zerstörung bewahrt), bleibt das ein Schreckensruf: so verstört, wie die Erwachsenen sich geben. Genau erinnert sich Kirsten an die unheimlichen Geräusche jener Nacht, in der sich die Dorfbewohner in einem Kellergewölbe versteckt halten, an das dumpfe »Knirschen und Malmen« der nahenden Panzer - und an die Gerüche ("Kartoffelmuff und Rübenmoder").

Die Einnahme des Dorfes fällt für die Sowjet-Soldaten mit dem Kriegsende zusammen: Es wird gefeiert, getrunken, geplündert und fast doch noch das ganze Dorf in Brand gesteckt, als Freudenfeuer gedacht. Besonnene fallen ihren Kameraden im letzten Moment in den Arm.

Was nicht zu verhindern ist während der »Russentage": Ein 17-jähriges Mädchen, Lottchen, wird so oft vergewaltigt, dass der Vater ihr »in seiner Verzweiflung die Pulsadern aufschnitt« - danach bringt der Mann auch seine Frau und sich selbst um. »Was im Dorf einem Einzelnen widerfuhr im Guten wie im Bösen, war immer dem ganzen Dorf geschehen«, schreibt Kirsten, »und also ortsbekannt.«

Behutsamer und deutlicher als der Lyriker es tut, lässt sich von jenen Maitagen kaum erzählen, »als die eine Barbarei nahtlos durch eine andere abgelöst wurde«. Der jugendliche Anführer der Hitlerjugend jedenfalls, zu der auch Wulf Kirsten einst gehörte, wird später Karriere machen: als Offizier bei der Volkspolizei und Ausbilder junger Polizisten.

Doch das deutet der Erzähler nur noch an, die Gründung der DDR ist für ihn ein Datum, »das in meiner Erinnerung keinerlei Spuren hinterlassen hat«.

VOLKER HAGE

* Auf dem Marktplatz von Frauenburg (Ostpreußen).** Wulf Kirsten: »Die Prinzessinnen im Krautgarten. EineDorfkindheit«. Ammann Verlag, Zürich; 240 Seiten; 36 Mark.

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