AFFÄREN Die russische Methode
Der nachfolgende Krimi spielt in der Wirklichkeit, und er ist noch nicht zu Ende. Schauplatz: die Rubljowka. Nicht die schönste, aber die wichtigste Straße Russlands.
Umgeben von Kiefernwäldern haben sich Moskaus Reiche und Mächtige ein gutgeschütztes Refugium geschaffen. Immer höhere Mauern schirmen die Luxuswelt vor der verarmten Umgebung ab. Und immer wieder bahnten, wo Anlieger ihr Holzhaus samt Grundstück nicht verkaufen wollten, Brandstifter Investoren den Weg.
Heute wohnen an der Rubljowka Leute wie der Milliardär Roman Abramowitsch oder der Chef des Inlandsgeheimdienstes; der prominenteste Anwohner jedoch heißt Wladimir Putin, Russlands Präsident. Viele seiner Nachbarn sind Millionäre, und viele von ihnen sind sehr schnell sehr reich geworden. Alles ganz legal, versteht sich.
Im Bewusstsein des Volkes wurde die Rubljowka zur Schandmeile und zum Sinnbild für die Entfremdung zwischen oben und unten. Alexander Prochanow, Chefredakteur der radikalen Moskauer Wochenzeitung »Sawtra«, bündelte den Zorn in die Worte: Wer Russland retten wolle, müsse »die Rubljowka bombardieren«.
Das dürfte schwierig werden. Denn die Rubljowka ist auch die wohl am besten bewachte Straße Russlands. Unzählige Polizisten, Bodyguards und Geheimdienstleute patrouillieren in der Gegend und verscheuchen Fremde. Wer eine Kamera dabeihat, kann schnell im Knast landen; die russischen Gesetze gelten in dieser Hinsicht als recht auslegungsfähig.
Eine mutige Regisseurin aus Köln hat es jetzt dennoch geschafft, einen spannenden Kino-Dokumentarfilm über die Chaussee und ihre Bewohner zu drehen. »Rubljowka - Straße zur Glückseligkeit« ist das subtile, entlarvende Porträt einer Oberschicht, die alles kaufen kann: Zobelpelze, Villen, Verkehrsregeln.
Richtig auf Touren allerdings kommt die Geschichte um »Rubljowka« erst jetzt, nach Ende der Dreharbeiten. Denn einige Menschen haben offenbar kein Interesse daran, dass der Film im Kino und später im Fernsehen laufen wird. Man kann den Eindruck bekommen, dass sie ihn verhindern wollen, mit russischen Methoden.
Es ist ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite stehen die Macher von »Rubljowka": Irene Langemann, 48, eine in Sibirien geborene Regisseurin und Dokumentarfilmerin, die seit 1990 in Deutschland lebt, sowie Langemanns Gatte, der Produzent Wolfgang Bergmann, 61, Leiter der kleinen Kölner Filmproduktionsfirma Lichtfilm. Ihre Kontrahenten gehören zu den Reichen und Mächtigen in Russland; sie verfügen offenkundig über gute Verbindungen in die Staatsbürokratie, zu angesehenen Institutionen wie der New Yorker Guggenheim Stiftung oder möglicherweise auch zu nicht ganz so angesehenen wie dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB.
Rückblende: Im Winter 2005 begann Regisseurin Langemann mit den Vorbereitungen für ihre Dokumentation. Vor Ort stellte sich heraus, dass diese nur der Kreml-Kommandant genehmigen konnte. Außerdem brauchte Langemann die Erlaubnis vom FSB, von der Verkehrspolizei sowie die Unterschriften von zwölf Generälen des Föderalen Schutzdienstes FSO. Ach ja, und für Ausländer sei grundsätzlich nichts zu machen. In ihrer Not gaben sich Langemann und ihre russischen Kollegen schließlich als rein russisches Team aus.
Es sollte sich lohnen: Ab Mai 2006 kann Langemann, allerdings ständig belästigt von Offiziellen, nicht nur auf der Straße drehen. Sie gewinnt auch das Vertrauen einiger Anwohner der Rubljowka.
Eine arme, alte Frau ist darunter, die ihre Vertreibung fürchtet, vor allem aber selbstbewusste Menschen, die dem Kamerateam sichtbar stolz die Segnungen des Kapitalismus Moskauer Prägung vorführen. Langemann und ihr Team filmen etwa eine Pelzdesignerin und ihre verwöhnten Kundinnen, Jugendliche voller Standesdünkel, die mit Geländefahrzeugen um die Wette rasen, sowie einen Makler, der die Vorzüge seines Reviers lobt: Hauspreise bis zu 20 Millionen Dollar auf einer »Insel im Lande mit eigenen Gesetzen«. Auch »jetzige Politiker« gehörten zu seiner Kundschaft - obwohl sie sich von ihren bescheidenen Gehältern eigentlich keine Villen leisten könnten.
Als besonders kameraverliebt erweist sich Janna Bullock, Kunstmäzenin, Philanthropin und millionenschwere Gründerin der RI Group, einer Immobilien-Investmentfirma mit Büros in Moskau, New York, Paris und London.
Regisseurin Langemann filmt Frau Bullock - mit deren Einverständnis, betont Langemann -, wie diese selbstverliebt ihre disneylandartige Villa vorführt, wie sie das Kindermädchen zu einem Ausflug nach Paris einlädt, wie sie im Fond ihrer Limousine per Handy mit einem Geschäftspartner verhandelt, wie sie in einem Büro ihre Mitarbeiter ermahnt, weil sich ein Bauprojekt zu verzögern droht. »Man sagte mir, alle seien schon umgesiedelt, aber da schleichen noch das Finanzministerium und die Steuerinspektion herum. Alle wollen dieses Grundstück«, sagt Bullock. Dann ist die Rede von 70 Prozent, die eine Bank zuschießen will, 140 Millionen Dollar.
Es ist eine seltsame Welt, die Langemann in »Rubljowka« präsentiert, ein Paralleluniversum, das moderne Russland in Potenz, die schwierigen Drehbedingungen ein Indiz für den schlechten Zustand der Pressefreiheit. Ein Film, der möglichst viele Zuschauer erreichen sollte, in Deutschland, vor allem aber in Russland.
Im Sommer dieses Jahres begann die PR-Tour für »Rubljowka«. Nach der Premiere beim Filmfest München reiste Langemann Anfang September zu einem Festival nach Perm im Ural. Langemanns russische Aufnahmeleiterin verteilte DVDs des Films an einige Protagonisten. Auch Janna Bullock soll eine erhalten haben.
Produzent Bergmann und sein deutscher Verleih, die Ein-Mann-Firma GMfilms, bereiten derweil den deutschen Kinostart vor. Viel Geld kann man mit Polit-Dokumentationen normalerweise nicht verdienen. Mehr als 10 000 Kinozuschauer gelten als Erfolg. Den Großteil des Budgets tragen meist staatliche Förderanstalten und Fernsehsender, in diesem Fall die Filmstiftung NRW, der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und der WDR. Knapp 50 000 Euro hat Bergmann zudem aus eigener Tasche beigesteuert.
Umso erfreuter reagiert er, als ein Moskauer Geschäftsmann namens Alexander Esin Interesse an »Rubljowka« bekundet. Esin, der sich als Kunstsammler und Direktor der Firma Art PR International vorstellt, wolle einen Dokumentarfilmkanal gründen; dafür sei der Film ideal.
Bergmann, Regisseurin Langemann und Esin verabreden sich für den 24. September im Restaurant Käfer am Frankfurter Flughafen; auch Nicolas Iljine, Vertreter der Guggenheim Stiftung in Europa, offenbar ein Bekannter Esins, stößt zu der Runde.
Nun will Kunstfreund Esin, ein Mann in edlem Anzug und mit penibel gepflegten Fingernägeln, sogar den Weltvertrieb für »Rubljowka« übernehmen. Welche Rechte noch zu haben seien, will er wissen.
Bergmann und Langemann sind misstrauisch, doch Esin bietet viel Geld, 50 000 Euro - »so viel hätte mir sonst nie jemand gezahlt«, sagt Bergmann. Einige Tage später ist der Deal perfekt, im Hotel Frankfurter Hof wird ein Vertrag unterschrieben: Für 50 000 Euro erhält Esin das Recht, »Rubljowka« an Kinoverleiher und TV-Sender in aller Welt weiterzuverkaufen. Ausnahme: Deutschland, Österreich, Schweiz und Frankreich; die Rechte für diese Länder hat Bergmann bereits anderweitig vergeben.
Trotzdem kommt es in den folgenden Tagen zu merkwürdigen Anrufen: Ein deutscher Berater kontaktiert im Auftrag Esins den deutschen Verleih GMfilms und den RBB, um deren Rechte zurückzukaufen, vergeblich. Beim WDR behauptet ein Anrufer mit russischem Akzent, Regisseurin Langemann habe sich durch Lügen bei den Protagonisten des Films eingeschlichen. Wer hinter dem Anruf beim WDR steckt, ist unbekannt.
Am 26. Oktober - »Rubljowka« lief gerade mit großem Erfolg bei der Viennale in Wien - treffen sich Langemann und Bergmann wieder mit Esin auf dem Frankfurter Flughafen. Bei einer Suppe im Restaurant Käfer hätten sie sich zunächst locker auf Englisch unterhalten, erinnert sich Langemann, »über Esins jüngste Vergnügungen in Nachtclubs zwischen Paris und Moskau«. Das Geplänkel passt zu dem Eindruck, den der reiche Russe bei vorherigen Treffen auf sie gemacht hatte: ein gutgelaunter Playboy, der durch die Welt reist. Plötzlich wechselt Esin jedoch ins Russische, wirkt angespannt und kurz angebunden. Bergmann, der kein Russisch spricht, kann den Dialog zwischen Esin und Langemann nur noch beobachten.
Die Regisseurin schildert die Situation wie folgt: Esin holte ein Blatt Papier hervor, zog Spalten darauf - und sprach von einem »positiven« und einem »negativen« Weg. Der positive: Er erhalte alle Rechte an »Rubljowka« - und werde im Gegenzug drei geplante Filme Langemanns co-produzieren und sie bei den Dreharbeiten in Russland unterstützen, auch mit seinen guten Kontakten zur Polizei. Der negative Weg: Falls er nicht alle Rechte an »Rubljowka« erhalte, werde er alle Verträge juristisch genau prüfen lassen. Die »Co-Produktionen« und »Unterstützung« auf dem Papier strich Esin durch.
Langemann berichtet: »Er verwandelte sich in eine kalte Schlange, guckte mich mit einem scharfen Blick an und sagte: ,Sie wissen gar nicht, wie schwierig es in Russland geworden ist mit Drehgenehmigungen.'« Seine Augen seien nur noch ein Spalt gewesen: »Ich habe mich bedroht gefühlt.« Das Auftreten Esins vergleicht Langemann mit KGB-Agenten, die sie einst im Hotel Moskwa als Informantin anwerben wollten und massiv bedrängten.
»Ich habe inzwischen den Eindruck, dass er kein Privatier ist, sondern dass eine größere Struktur hinter ihm steht«, sagt sie. Bestärkt fühlt sie sich dadurch, dass Esin später in E-Mails sowohl an Lichtfilm als auch an einen finnischen Fernsehsender schreibt, dass er sich frühestens im Februar wieder um den Vertrieb des Films kümmern werde. Ihr Verdacht: »Der Film soll erst nach der russischen Präsidentschaftswahl am 2. März zu sehen sein - wenn überhaupt.«
Es scheint in Russland ein großes Interesse zu geben, die Dokumentation vom Markt zu kaufen. Im Vorfeld der Wahlen stört ein Film, der das Treiben der neureichen Oberschicht dokumentiert. Vielleicht ist der Grund aber auch viel banaler: Putins Wagenkolonne - zehn Autos, mit versteckter Kamera gedreht - ist im Bild, und das ist in Russland streng verboten.
Doch wer ist Alexander Esin?
Esin, 41, hat sich in Moskau als geschäftstüchtiges Multitalent einen Namen gemacht. Ein Moskauer Gericht setzte ihn nach der Pleite der Inkombank 1998, des drittgrößten Geldinstituts des Landes, als einen der Konkursverwalter ein. Inkombank-Chef Wladimir Winogradow lebte standesgemäß, in einer Villa an der Rubljowka. Dass Esin den Zuschlag erhielt, die Oligarchenkasse zu ordnen, spricht für beste Verbindungen zur Staatsbürokratie.
In Moskauer Veröffentlichungen wird Esin vorgeworfen, er habe womöglich eigennützig die Immobilienwerte der Bank von 400 Millionen Dollar auf 200 Millionen heruntergerechnet - Esin bestreitet die Vorwürfe.
Vor Gericht überraschte Esin mit der Ankündigung, er könne die Inkombank innerhalb von zwei Monaten abwickeln. Profis wissen, dass eine solche Prozedur normalerweise Jahre in Anspruch nimmt. Zum Vermögen der Bank, die sich mit staatlichen Obligationen vor dem Rubelabsturz 1998 verspekuliert hatte, gehörten
auch Kunstwerke. Denen galt Esins besonderes Augenmerk.
Wo der Fahrer eines stahlgrauen Range Rover, Liebhaber englischer Stilmöbel und scharfer Hunde, auftaucht, wird mit großen Versprechungen nicht gespart, die sich schon mal als Seifenblasen erweisen. Diese Erfahrung machte auch Produzent Bergmann.
Denn die Farce ist noch nicht zu Ende. Anfang November stellt Esin per E-Mail ("Betreff: money") Bergmann bis zu 300 000 Euro für die kompletten Weltrechte an »Rubljowka« in Aussicht, doch der, inzwischen schwer genervt vom bizarren Verhandlungsstil Esins, geht nicht darauf ein.
Trotz mehrfacher schriftlicher Aufforderung durch Bergmann legt Esin kein Konzept zur weiteren Vermarktung des Films vor, etwa durch Festivalauftritte. Bergmann schickt den Film auf Anfrage selbst zu einem Festival nach China, worüber er Esin informiert. Dessen Reaktion: In einer ruppigen Mail vom 7. November weist Esin die Firma Lichtfilm an, keine »DVD oder Informationen über den Film an irgendjemanden« herauszurücken. »Es ist mein Geschäft, und ich mache es auf meine Weise.«
Auch Nicolas Iljine von der Guggenheim Stiftung wird aktiv und schreibt in Sachen »Rubljowka« an Produzent Bergmann. »Als unbeteiligter Freund« von Janna Bullock - diese wurde im Juni ins »Board of Trustees«, den Aufsichtsrat der New Yorker Guggenheim Stiftung gewählt - schlägt Iljine Bergmann ein Treffen in Berlin vor; Bullock nimmt dort am 3. November an einer Podiumsdiskussion der Deutschen Guggenheim teil. »Sie werden es nicht bereuen«, lockt Iljine.
Der Guggenheim-Mann sorgt sich um »zwei Szenen, wo unbedachte Äußerungen für Frau Janna Bullock sich sehr negativ auswirken können«. Bergmann, der das als Aufforderung zum Herausschneiden der Bullock-Szenen interpretiert, lehnt ab. Iljine setzt nach und bietet »eine gegenseitig vorteilhafte Regelung« an. »Ein langwieriges juristisches Debakel bliebe damit erspart!«, so Iljine vieldeutig.
Anfragen des SPIEGEL an Janna Bullock und Alexander Esin blieben bis Ende vergangener Woche unbeantwortet. Produzent Bergmann fürchtet nun, es könne versucht werden, seinen Film (geplanter Kinostart in Deutschland: 13. Dezember) durch eine einstweilige Anordnung zu stoppen.
Regisseurin Langemann sorgt sich vor allem um künftige Projekte. Eigentlich sollen im April 2008 die Dreharbeiten für ihre nächste Russland-Doku beginnen. »Es ist mir absolut klar, dass ich Schwierigkeiten bekommen kann«, sagt Langemann. »Das wäre für mich natürlich sehr traurig, wenn ich nicht mehr in Russland drehen oder gar nicht mehr einreisen könnte.«
Einige Anwohner der Rubljowka dürften allerdings nichts dagegen haben.
TOBIAS BECKER, UWE KLUSSMANN, MARTIN WOLF
* Mit Hollywood-Star Dennis Hopper in Miami auf der Messe Art Basel Miami Beach, 2006.