KINO Die Sissi vom Birkenhof
Es war einmal eine junge Frau, die auf dem Straßenpflaster lag, wie für immer zerschmettert, doch das Bild des Mannes, der ihr erschienen war, nahm sie tief in sich auf, als wäre er der Erlöser selbst. Viele Wochen lang fieberte sie zwischen Leben und Tod, und als sie wieder auf ihren Beinen stand, wusste sie nur ein Ziel: sich abermals diesem Mann zu Füßen zu werfen.
Er stieß sie zornig von sich, beschimpfte sie, griff nach der Hundepeitsche, um sie über die Schwelle hinauszuprügeln - sie duckte sich, sie wich, doch sie gab nicht auf: »Durch Nacht und Graus und Nebel« verfolgte sie ihn, unbeirrbar wie eine Traumwandlerin. »Saht ihr ein Kind so störrisch je als dies?« Es brauchte noch einiges, eine Wasser- und eine Feuerprobe vor allem, bis der ebenso störrische Mann die Frau vom Boden aufhob, um sie wachzuküssen, und es stellte sich heraus, dass sie die Tochter des Kaisers war, eine Prinzessin, das Käthchen von Heilbronn.
In dem Film »Der Krieger und die Kaiserin«, der im heutigen Wuppertal spielt, liegt eine junge Frau hingeschmettert auf dem Straßenpflaster unter einem riesigen Tanklastzug, der sie überrollt hat, reglos mit offenen Augen und wie in Trance, als ein Mann sich zwischen den Rädern hindurch an sie heranrobbt, sich über sie schiebt, sich auf sie presst, ein Messer zückt und ihr blitzschnell mit einem Luftröhrenschnitt das Leben rettet. Ihr Blut schäumt. Als die Frau nach Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wird, macht sie sich - unbeirrbar wie eine Traumwandlerin, von einem Blinden geleitet - auf die Suche nach ihrem Retter, der spurlos verschwunden scheint. Doch als sie ihm endlich entgegentritt, geht er ihr wie wild sofort abermals an die Kehle: mit einem Karategriff und der Drohung eines Handkantenschlags, der ihr den Hals zerschmettern könnte.
Bei einer zweiten Begegnung beschimpft er sie und stößt sie mit Fäusten über die Hausschwelle hinaus in ein nächtliches Unwetter - sie aber schreitet beseligt durch die Regenfluten, als würden die Himmel selbst im Chor mit ihr weinen, ja sie schwebt über die Banalitäten von Wind und Wetter erhaben dahin, ein schöner strohblonder Engel der Einfalt und Heilsgewissheit.
Kern und Mittelpunkt von Tom Tykwers Film ist die Szene, wo die beiden unter dem Lastwagen aufeinander liegen, der Moment, wo sie sich, ohne einander zu kennen, so nahe kommen wie vielleicht nie wieder. Tykwer hat alles an filmischem Pathos, an Montage- und Musikwirkungen aufgewendet, um diesen Moment zu einer Ewigkeitssekunde zu überhöhen, wo die Welt selbst den Atem anhält, um zwei Schicksalsfäden zu verknüpfen. Es ist ein bravouröser, ja bombastischer Kino-Augenblick.
Im Übrigen erzählt der Film nichts anderes als einerseits, wie es dazu kam, dass diese beiden Menschen sich genau in diesem Augenblick an diesem Ort befanden, um füreinander zum »Schicksal« werden zu können, und andererseits, was alles dann noch geschehen muss, bis die Anziehungs- über die Abstoßungskräfte siegen: bis also die »Kaiserin« (eine Krankenschwester, die von ihren Patienten in einer psychiatrischen Klinik namens Birkenhof liebevoll »Sissi« genannt wird) und der »Krieger« (ein paranoider Bundeswehr-Veteran namens Bodo, der durch einen Bankraub den Sprung in ein neues Leben schaffen will) für immer zusammenkommen.
Daraus folgt (und nun wird es problematisch): Der Film entkommt durch die Künstlichkeit seiner Konstruktion nie dem Schatten und Bann und Fluch dieses einen (in seinem Ablauf sich früh ereignenden) Augenblicks. Schon in der Aufdröselung der Vorgeschichten droht er sich zu verheddern, und in der Abwicklung der Feuer- und Wasserproben, in die seine Figuren infolge ihrer Bankräuberei hineingeraten, kommt er sich durch den eigenen überschwänglichen Erfindungsreichtum ins Uferlose. Denn was »Schicksal« sein will, muss sich erfüllen, nachdem auch Sissi ihren Bodo durch eine tollkühne Tat gerettet hat; ohne diese Besiegelung und Bestätigung der Liebe als Himmelsmacht und Erlöserei auf Gegenseitigkeit hätte ja alles, was in diesem Film und auf dieser Welt überhaupt passiert, überhaupt keinen »Sinn«.
Tom Tykwer ist, einzig im deutschen Kino seiner Generation, ein romantischer Schwärmer und Schwelger, ein Ekstatiker mit virtuoser Phantasie, Leidenschaft, Gefühl für Größe. Er übernimmt sich, weil ihm zu viel einfällt und er zu viel kann; und der ungeahnte Erfolg von »Lola rennt« hat ihn nur zu noch höheren Höhenflügen ermutigt. Er liebt die hybriden Konzepte und die Kamikazeflieger.
Franka Potente (siehe Interview Seite 250) und Benno Fürmann als Kaiserin und Krieger geben diesen Kunstfiguren den Pulsschlag, Lidschlag, Hauch größter Intensität und bleiben doch pure Behauptung. Dies ist nicht wie »Die Liebenden von Pont-Neuf«, sondern wie »Pola X«, nicht wie »Trainspotting«, sondern wie »The Beach«, nicht wie »Léon - der Profi«, sondern wie »Johanna von Orléans": ein Film, der sich so furchtbar anstrengt, ein »Kultfilm« zu werden, dass er über sein Ziel hinausschießt ins Leere. Alles ist nur gewollt und gewinnt nichts Zwingendes, wie es das »Schicksal« gerade in einem Himmelsmacht-Melodram haben müsste, sondern löst sich in traumtänzerischer Beliebigkeit auf wie in einem kinematografischen Delirium. URS JENNY