Biographien Die Sphinx
De Gaulle bezeichnete ihn als seinen »genialen Freund«, der Romancier Francois Mauriac nannte ihn »den größten lebenden französischen Schriftsteller«, und im Jahre 1955 zollte ihm der frühere Studienrat Georges Pompidou, später Nachfolger de Gaulles, in einem Buch für Schüler überschwengliches Lob: André Malraux.
Über den Romancier, Politiker, Aktivisten, Abenteurer, die »Sphinx« (so der konservative »Figaro") wurden Hunderte von Büchern und Essays geschrieben. Über den Mann, der mit 25 Jahren von dem Dichterfürsten Andre Gide als gleichberechtigt anerkannt worden war, dessen Werke vor allem Frankreichs Jugend faszinierten, über seine Erlebnisse in Indochina und im spanischen Bürgerkrieg und als Minister de Gaulles schien alles gesagt.
Nicht alles: Das beweist ein dickleibiges Buch des bekannten Journalisten Jean Lacouture, das bereits wenige Tage nach Erscheinen in Paris zum Bestseller wurde*. Lacouture erforschte jahrelang das Leben der »Sphinx«, befragte die noch lebenden Freunde und Gegner, konsultierte Aussagen und Schriften der Verstorbenen und redete oft und lange mit seinem Helden. Resultat: Wahrheit und Dichtung vermengen sich bei Malraux bis zur Undurchdringlichkeit.
Seine Romane »La Condition humaine« -- er brachte 1933 den Goncourt-Preis ein -- und »Die Eroberer« schildern den chinesischen Bürgerkrieg 1925/27 wie durch einen Augenzeugen.
* Jean Lacouture: André Malraux -- Une vie dans le siècle. Editions du Seuil, Paris 1973; 39 Franc.
** Der sowjetische Kommunist Borodin war von der Moskauer Komintern als Berater nach China delegiert worden.
Aber war Malraux zu jener Zeit in China?
Die Leser waren davon überzeugt, und auch der Autor Malraux. Als 1928 in Paris »Die Eroberer« erschienen, veröffentlichte die Berliner Zeitschrift »Die europäische Revue« eine Übersetzung unter dem Titel: »Ein Tagebuch der Kämpfe um Kanton 1925«. In der von Malraux dem Übersetzer Max Clauss gelieferten biographischen Notiz stand: »Stellvertretender Kommissar für Propaganda bei der nationalistischen Regierung in Kanton zur Zeit Borodins** (1925).«
In einem Brief vom 2. Oktober 1933 an den amerikanischen Literaturkritiker Edmund Wilson bezeichnet sich Malraux als »Kommissar der Kuomintang in Indochina und dann in Kanton«. Der »stellvertretende« Kommissar von 1928 hatte, so Lacouture, »inzwischen eine Rangerhöhung erhalten«.
Malraux dementierte auch nicht den Studienrat Georges Pompidou, als dieser in seinem -- Malraux gewidmeten -- Werk erklärte« der Geehrte habe von 1925 bis 1927 »auf seiten Tschiang Kaischeks und dann der Kommunisten gekämpft«.
Die Wahrheit ist weniger heroisch: 1925 befand sich Malraux noch in Indochina. im August hielt er sich einige Tage in Hongkong auf, und 1926 trennten ihn Tausende von Kilometern vom Bürgerkrieg in China: Malraux war und blieb auf lange Zeit in Paris.
Hat Malraux je den Mann getroffen. dem er höchste Verehrung zollt, nämlich den mysteriösen Obersten T. E. Lawrence, Autor der »Sieben Säulen der Weisheit«, Agent des Military Intelligence und Freund der Araber zugleich?
»Lawrence bin ich einmal begegnet«. erklärte Malraux einem Pariser Journalisten, »ein einziges Mal, in der Bar eines großen Hotels in Paris, ich weiß nicht mehr in welchem.« Aber Janine Mossuz gab er zu verstehen, diese Begegnung habe in London stattgefunden. Seinem Biographen Lacouture bedeutete er: »Lawrence hat mir immer gesagt ...« Wann immer? Wo, in London, in Paris?
Anfang 1934 hatte Antifaschist Malraux die Idee, von Hitler die Freilassung des bulgarischen Kommunisten Dimitroff zu erwirken, der Ende Dezember im Reichstagsbrandprozeß freigesprochen, aber noch nicht freigelassen worden war. Schriftsteller-Kollege Andre Gide, damals gleichfalls ein Sympathisant der Kommunisten, begleitete Malraux.
Am 4. Januar 1934 reisten die beiden nach Berlin ab. Hitler weigerte sich offenbar, die beiden Emissäre zu empfangen. Aber laut Malraux gewährte Goebbels ihnen eine »Unterredung«. »Was Sie hier suchen«, sagte Goebbels -- wie Lacouture aus dem Munde von Malraux erfuhr -- »ist die Gerechtigkeit, aber was uns interessiert, ist etwas ganz anderes: die deutsche Justiz.« Andre Gide soll nur erwidert haben: »Das ist schade.«
Von dieser Unterredung drang nichts je in die Öffentlichkeit. »Diese Begegnung«, so Lacouture höflich, »hatte nicht, gestehen wir es, den Klang einer unwiderlegbaren Authentizität.«
Authentisch sind immerhin viele andere Begegnungen, über die Lacouture berichtet, so mit Trotzki, den Malraux im Juli 1933 in der Nähe von Royan am Atlantik traf, wo der von Stalin verstoßene Oktober-Revolutionär sein Emigrantendasein fristete.
Das Gespräch zwischen dem jungen Schriftsteller und dem erprobten Bolschewiken drehte sich um die chinesische Revolution, die Literatur, den »neuen Menschen«, Stalin, den Nationalsozialismus. Tatmensch Trotzki, der über »Literatur und Revolution« geschrieben hatte, bewunderte den Literaten Malraux und zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß Malraux ein Akteur des chinesischen Bürgerkrieges gewesen war. Und Malraux machte scheinbar keine Anstalten. um seinen Gesprächspartner von diesem Irrtum abzubringen.
Später bewunderte Trotzki ihn nicht mehr: 1937 weigerte sich Malraux, für Trotzki und gegen Stalins Hexenprozesse Zeugnis abzulegen. In der Moskauer Anklageschrift war Trotzki beschuldigt worden, im Juli 1933 mit dem Sowjet-Journalisten Wladimir Romm in Paris zusammengetroffen zu sein, um ihm »Instruktionen« für Sabotagehandlungen in Rußland zu erteilen. »Ich war zu jener Zeit nicht in Paris«, erklärte Trotzki taut Lacouture, »und Malraux kann es bezeugen, denn er traf zu jener Zeit mit mir in Royan zusammen.«
Aber Malraux schwieg. Er befehligte in Spanien als Oberst eine republikanische Flugstaffel und unterstützte die Politik Stalins gegen die von Anarchisten und Linkskommunisten betriebene soziale »Revolution«, für eine Volksfront »aller Demokraten« gegen Franco.
Malraux damals in den USA zu der Zeitung »The Nation": »Ebenso wie die Inquisition die grundlegende Würde des Christentums nicht berührt hat, haben die Moskauer Prozesse nicht die grundlegende Würde (des Kommunismus) vermindert.«
So sprach der Mann, der gleich nach dem Zweiten Weltkrieg mit de Gaulle den Kampf gegen die kommunistischen »Separatisten« führte.
Wer ist der wirkliche Malraux? Der Mann, der Nietzsche den ersten Platz unter allen Philosophen einräumt -- aber auch der Aktivist, der nach dem Urteil des linken »Nouvel Observateur« -- »Borodin oder Trotzki, de Gaulle, Nehru und Mao sein wollte, aber nur ihr Kommentator war«.