DIE VERLORENE MITTE - DER SPIEGEL
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Städtebau DIE VERLORENE MITTE

»Müde«, »tantenhaft«, »glanzlos« - so nennen Kritiker die Ergebnisse der drei großen Berliner Bauwettbewerbe zwischen Spreebogen, Reichstag und Spreeinsel. Schuld an der teuren Planungspleite haben nicht die Architekten, sondern die Politiker: Ihre Vorgaben vergewaltigen die Stadtgeschichte. Die SED läßt grüßen.
• aus DER SPIEGEL 21/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wäre das Interesse von Architekten in aller Welt an Berliner Stadtbaufragen ausschlaggebend, hätte Berlin längst den Rang einer Welthauptstadt der Architektur. Erst vor gut einem Jahr hatte die Ideenkonkurrenz um das Regierungsviertel am Reichstag mit 835 Wettbewerbsteilnehmern den Weltrekord an Architekteneifer gebrochen.

Zur Jahreswende bewarben sich gar 1105 Planer aus 58 Ländern darum, bei der Neugestaltung der Stadtmitte auf der Spreeinsel mitzumischen. Aber nach fast einem Dutzend spektakulärer Wettbewerbe zum Umbau halb Berlins und seit dem jüngsten Entscheid über die Spreeinsel ist die Stimmung schlechter denn je.

Die Vorwürfe mehren sich. Als erster meldete sich der Konzernsprecher von Daimler-Benz 1991 zu Wort und beschimpfte das offizielle Wettbewerbsergebnis für die kleinteilige Großbaustelle am Potsdamer Platz als »Posemuckel«. Dann kamen feinsinnigere Beobachter wie der Schweizer Kunsthistoriker Kurt Forster, den die Berliner Strategien »tantenhaft« anmuten. Jetzt findet der Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, Dietrich Wildung, den jüngst prämierten Erweiterungsvorschlag für seine Museumsinsel »epigonenhaft«.

Und einer der wenigen herausragenden deutschen Architekten, die in der Hauptstadt einen Großauftrag bekamen, der Berliner Axel Schultes, nennt die vorige Woche ausgezeichneten Planungsvorschläge für die Spreeinsel - mit Innen- und Außenministerium sowie dem Palast der Republik - »antiquarisch und müde«.

Bei einer so gemischten Phalanx von Kritikern kann es sich nicht um Liebhaber utopischer Bauphantasien handeln, die gern von strahlenden Städten träumen. Sie alle bewegt vielmehr das Unbehagen, daß in ganz Berlin mit großem Getöse Neues proklamiert, zugleich aber alter Besitzstand zäh verteidigt wird. Obwohl die Stadt nur ihre historischen Räume wiedergewinnen will, veranstaltet sie einen Architektenzirkus, als ginge es um die Besiedlung ferner Planeten.

Anscheinend reagiert sie immerhin bei kommerziellen Bauten handfest. Noch die gewaltigsten Bauvolumen wie beim Potsdamer Platz werden in einer Art architektonischer Schadensbegrenzung ins Korsett traditioneller Traufhöhen und Blöcke gezwängt. Doch das Ergebnis sind gedrungene Baubouletten, die bis an die Bordsteinkante vorquellen. Und die neuen Steinfassaden an der Prachtstraße Unter den Linden, die bis an die Dachkante mit Nutzung vollgepfropft sind, strahlen überall dieselbe Art von Schönheit aus: geschwollener Männerbizeps.

Bei öffentlichen Bauaufgaben macht sich eine andere Strategie breit. Der Aufwand wird immer größer, der Ertrag immer bescheidener. Schon beim Wettbewerb zum Reichstagsumbau 1993 hatte der Bauherr im fernen Bonn die 80 wetteifernden Architekten mit völlig unklaren Planungsvorgaben genarrt.

Jeder Architekt durfte selbst zwischen schlichter Oberflächenrenovierung oder Totalentkernung des ersten deutschen Parlamentsbaus wählen. Die drei erstprämierten Arbeiten antworteten auf die Jahrhundertaufgabe folgerichtig mit Jahrhundertentwürfen - Riesenbaldachine, Tulpenkuppeln oder gleich ganz neue Plenarsäle außerhalb des Altbaus. Dann wurden sie von den erschreckten Bauherrn aus dem Bundestag zum Nachsitzen verdonnert.

Jetzt hat der auserkorene britische Planer Norman Foster Ende April eine Studie mit vier Alternativen vorgelegt, bei der am Schluß sämtliche Glanzlichter - Dachgarten, Besucherparcours und Kuppel - fehlen dürften. Zu allem Überfluß will Foster von der preisgünstigsten Kuppellösung nichts wissen.

Bereits 1991 hatten die Berliner Architekten Kohlmaier und Sartory die Rekonstruktion der Originalkuppel in Leichtmetall für weniger als 20 Millionen Mark vorgeschlagen. Doch Foster mißversteht das alte Dach als monarchistisches _(* Mit Bauministerin Schwaetzer am Montag ) _(vergangener Woche in Berlin. ) Symbol, obwohl es ein Wahrzeichen der ersten deutschen Demokratie ist. So will er den Tempel bloß noch mit einer gläsernen Suppenschüssel krönen. Bei Kaiser Wilhelm wäre das nicht passiert.

Eine ähnliche Verkümmerung droht dem Entwurf für Kanzleramt und Parlamentsviertel von Axel Schultes. Er hatte anfangs noch ungeteiltes Lob für seinen strengen Gebäuderiegel bekommen, den er nördlich vom Reichstag in die Flußlandschaft legen möchte. Jetzt will die Stadt den schönen Flugzeugträgerentwurf zerstückeln.

Anstatt über die Spreeufer in Ost-West-Richtung hinauszugreifen und die zerrissene Stadt zusammenzubinden, soll die Querspange auf das Mittelstück innerhalb des Spreebogens reduziert werden.

Größte Gefahr sieht Schultes für sein eingebautes »Forum« mit öffentlichen Einrichtungen und U-Bahnstation in der Mitte, das den Publikumsverkehr quer durch die Regierungsspange führen sollte. »Da fehlt der politische Wille zum Weiterdenken«, sagt Schultes, der seine Leitidee schon zum »grünen Loch zwischen zwei Elefantenbauten« verkommen sieht.

Höhepunkt und vorläufiger Abschluß des Berliner Stadtumbaus war nun vorige Woche die Wettbewerbsentscheidung zur Spreeinsel. Um ein Planergedränge wie beim Regierungsviertel im Spreebogen zu vermeiden, waren von den 1105 Bewerbern schließlich nur 52 Architekten zur konkreten Ausarbeitungsphase ausgewählt worden. Aber selbst der reduzierte Aufwand stand noch in argem Mißverhältnis zum mageren Ergebnis.

Mit dem ersten Preis wurde ein völlig unbekannter Planer aus Berlin ausgezeichnet. Bernd Niebuhr, 35, ehemaliger Mitarbeiter im Großbüro des verstorbenen britischen Altmeisters James Stirling, will das Volumen des alten Stadtschlosses modern wiederaufbauen und dafür sämtliche Hinterlassenschaften der DDR-Regierung abräumen.

Die Mehrheit der Teilnehmer fügte sich der Forderung des Bauherrn, den Palast der Republik abzureißen. Doch kündigte Bauministerin Irmgard Schwaetzer bei der Vorstellung der Preisträger am vergangenen Montag in Berlin zum allseitigen Erstaunen an: »Der Palast soll vorläufig stehenbleiben.« Und in Bonn fordern Bauexperten jetzt spät, aber mit Recht, daß über das Schicksal des Palastes nicht Architekten, sondern Parlamentarier entscheiden sollen. Das könne erst nach dem Umzug 1998 geschehen.

Alle Planer haben wie gewünscht die Neubauten für Innen- und Außenministerium auf der Spreeinsel in gewaltigen neuen Verwaltungsburgen untergebracht, die den zweifelhaften Vergleich mit den NS-Bauten - der Reichsbank direkt daneben oder dem Reichsluftfahrtministerium ein paar hundert Meter entfernt - nicht zu scheuen brauchen.

Aber schon vor Wettbewerbsabschluß kam aus Bonn die Nachricht, daß der Haushaltsausschuß sämtliche Neubaumittel für die Ministerien gestrichen hat - Planerpech.

An der Stelle des Palastes sollte ein Medien- und Konferenzzentrum entstehen sowie die zentrale Berliner Stadtbibliothek. Aber auch dafür fehlt mittlerweile das Geld. So flüchtet sich jetzt der Berliner Senator für Stadtentwicklung, Volker Hassemer, in die Formulierung: »Wir wollen unabhängig von politischen Stimmungen und der aktuellen Finanznot die rein fachliche Debatte über die Grundlagen der Stadtentwicklung zu Ende bringen.«

Aber gerade das will in der Berliner Gemengelage niemandem gelingen. Denn statt Grundlagenforschung haben die Planer hektische Stadtkosmetik betrieben und jede tiefere Frage nach der Neubestimmung der verlorenen Stadtmitte abgewürgt.

Schon die Massierung der Ministerien auf der Spreeinsel ist fragwürdig, weil das unentwegt zitierte historische Vorkriegs-Berlin die Politik ganz in Abkehr vom Königsschloß im Westen untergebracht hatte.

So mokiert sich der Berliner Stadtplaner und Senatsgutachter Harald Bodenschatz: »Einerseits sollen sämtliche DDR-Regierungsbauten weichen, aber zugleich wird die Okkupation der Spreeinsel durch die Politik in der Tradition der SED beibehalten.«

Wenn wirklich Stadtgeschichte zählen würde, müßte auf der Spreeinsel der wahre Ursprungsort Berlins, das mittelalterliche Cölln, zumindest im Geiste respektiert werden. Hier stand noch bis zum Zweiten Weltkrieg das bürgerliche Zentrum Berlins, das mit der Getraudenstraße die wichtigste Ost-West-Verbindung der ganzen Stadt besaß - schon bevor im 19. Jahrhundert die Sackgasse Unter den Linden über das Stadtschloß hinaus nach Osten geöffnet wurde.

Doch mangels Bedenkzeit und konkreter Planungsvorgaben haben die Architekten die in DDR-Zeiten zur sechsspurigen Verkehrsschneise ausgebaute Getraudenstraße erhalten und nur die Fischerinsel am Südzipfel mit Wohnblöcken ergänzt.

Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die Wiedergewinnung des Schloßraumes im Norden, der seit 1918 nur eine Nebenrolle im Alltagsleben der Stadt spielte. Aber keiner wagt zu fragen, ob die Zwickelplätze rings um das Schloß, die man jetzt als so kostbar empfindet und nachbauen will, nicht bloß eine Laune der jüngeren Geschichte waren. Denn das Schloßhauptportal ist in der mehr als 500jährigen Bauhistorie erst von Osten nach Süden und schließlich nach Westen gewandert. Jetzt könnte es eine weitere Drehung hin zum abgedrängten Osten sehr gut vertragen.

Nicht nur mit der alten Historie, sondern auch mit der Zeitgeschichte der DDR gehen die Planer wenig zimperlich um. Sie wollen nicht nur den häßlichen Palast der Republik und das windschiefe Außenministerium platt machen, sondern auch das denkmalgeschützte Staatsratsgebäude. Vorwand der Stadtgestalter ist, damit eine abgeklemmte Straße im Süden des Marx-Engels-Platzes zu öffnen - als ob diese Straße vom potentiellen Hausherrn, dem Außenminister, ohne Sicherheitsbedenken fürs Volk freigegeben würde.

Da das nicht zu erwarten ist, könnte eine solche rein optische Verbindung auch durch Honeckers Altimmobilie geschlagen werden - zumal der Weg genau durchs barocke Eosander-Portal führen würde, das 1964 in die Fassade einmontiert wurde. Viel breiter sind die Verkehrsschneisen _(* Von Norman Foster. ) quer durch die Pariser Louvreflügel auch nicht.

Vor soviel historischer Unbekümmertheit und zugleich Anpassung an den Zeitgeist waren nur die älteren Semester im Wettbewerb gefeit. Sie bauten sämtlich den Staatsrat mitsamt Palast in ihre Neuplanungen ein.

Daß der Kölner Oswald Mathias Ungers gar mit zwei Modellvarianten aufwartete - einmal mit und einmal ohne Palast -, mag von der Prügel herrühren, die er kürzlich bezog, weil er ein für den Denkmalschutz empfohlenes Wohnhaus in Köln abreißen ließ. Aber hinter seiner Vorsicht im Umgang mit Gebrauchtimmobilien steckt nur die alte Planerregel, daß beim Anrühren neuer Baukonzepte stets auch mit den vorhandenen Resten gekocht werden muß. Auch der Wiener Wilhelm Holzbauer will, bei allem Neubau-Furor, die unschönen DDR-Relikte erst einmal stehenlassen.

So will Berlin in Windeseile mit Großwettbewerben seine »Hausaufgaben« (Hassemer) machen, um den Regierungsumzug zu beschleunigen. Doch seitdem der Mega-Wettbewerb um die Spreeinsel schon vor Preisvergabe Makulatur geworden ist, mehren sich die Stimmen, die den Stadtumbau vom Regierungsumzug abkoppeln möchten.

Ohne klare Bauherrnwünsche und Nutzungsprogramme werden die Architekten weiterhin bloß als Minenhunde mißbraucht, die hektisch den Stadtboden umpflügen und außer zufälligen Historienfunden nur Verwüstung hinterlassen. Da hülfe auch der Geschichtskompromiß eines wiedererrichteten Stadtschlosses nichts.

Schlimm, daß nichts gebaut wird. Aber noch schlimmer wäre es, wenn die prämierten Eilpläne für die Spreeinsel realisiert würden. Y

* Mit Bauministerin Schwaetzer am Montag vergangener Woche inBerlin.* Von Norman Foster.

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