Die Wattekiste - DER SPIEGEL
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AKUSTIK Die Wattekiste

• aus DER SPIEGEL 45/1957
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Ensemble der Stuttgarter Staatsoper, seit Jahren eines der renommiertesten in der Bundesrepublik, ist von einer schweren Krise bedroht. Wagner-Held Wolfgang Windgassen will seinen Vertrag mit dem Generalintendanten Dr. Walter Erich Schäfer nicht mehr erneuern. Auch der Chefdirigent des Opernhauses, Generalmusikdirektor Ferdinand Leitner, trägt sich mit dem Gedanken, seinen Posten zur Verfügung zu stellen.

Warum die bisher festgefügte Künstlerschar der Stuttgarter Oper auseinanderzulaufen droht, begründete Tenor Windgassen als Obmann des Solopersonals: »Wir singen uns hier um Kopf und Kragen.« Martha Mödl, Trude Eiperle, Lore Wissmann, Maria Kinas, Otto von Rohr, Gustav Neidlinger, Josef Traxel - sie alle betreten wegen der Akustik des Großen Hauses die Bühne nur noch ungern. »Sie taugt nichts mehr«, erläutert Windgassen, »wir singen in einen Sack.«

Die Auskunft des Sängers überrascht um so mehr, als die Stuttgarter Oper nach dem Krieg neben dem Bayreuther Festspielhaus als das Haus mit der besten Akustik galt. Bis zum Herbst 1956 waren denn auch nie Klagen über die Akustik laut geworden. Während der Saisonferien des vergangenen Jahres nun erfüllte das Land Baden-Württemberg seine Hausherrnpflicht, das Innere des Großen Hauses zu renovieren. Um das Haus moderner und eleganter erscheinen zu lassen, sollten bei dieser Gelegenheit allerlei Veränderungen vorgenommen werden. Den Staatsauftrag über 1,2 Millionen Mark erhielt der Stuttgarter Architekt Paul Stohrer.

Mehrere Wochen lang war ein Heer von Arbeitern damit beschäftigt, das spartanische Holzlehnen-Gestühl durch mehr als 1200 Polstersessel zu ersetzen. Erstmals in der Geschichte der Stuttgarter Oper wurde auch der dritte Rang, der »Olymp« des Hauses, gepolstert, dessen Sitze bis dahin gänzlich aus Holz waren. Die wuchtigen Eichentüren und alle Wände verschwanden hinter Stoffbespannungen, und die Holzverkleidung an der Rückwand des Zuschauerraums wurde abgenommen.

Eine große Öffnung in der Kuppel des Saales wurde durch Beleuchtergeräte und einen eigens in dem italienischen Glaskunst-Zentrum Murano ausgesuchten immensen Kronleuchter geschlossen. Den Bühnenvorhang verlegte Stohrer vor den eisernen Vorhang; breite Öffnungen in den Seitenwänden der Bühne sollten ihn bei offener Bühne aufnehmen. Der Orchesterboden wurde in eine Hebebühne verwandelt, so daß die Musiker bis zu dreieinhalb Meter in die Tiefe versenkt werden können (Windgassen: »Bei Wagner unten, bei Mozart oben!"). Schließlich ließ der Diplom -Ingenieur Stohrer noch jegliche Zierstukkatur und alles Schnörkelwerk an Rängen und Wänden entfernen.

Bei der Eröffnung des renovierten Hauses im Oktober 1956 präsentierte sich der Opernsaal in violett-weißgrauem Gewand. Als sich der neue lavendelblaue Vorhang hinter dem letzten Akt der »Götterdämmerung« geschlossen hatte, waren sich die Sänger einig: »Wir können unseren Beruf aufgeben.«

Bei den Proben hatte Heldentenor Windgassen zwar noch geäußert: »Ich singe viel leichter«, und Dirigent Leitner versicherte: »Endlich kommt mein Orchester an.« Indes, zwischen der letzten Probe und der Eröffnungspremiere war das Polstergestühl in den bis dahin leeren, parkettbelegten Saal montiert worden. Die Polstermasse wirkte daraufhin wie ein Schalldämpfer, so daß die Darsteller der »Götterdämmerung« darüber erschraken, wie wenig Resonanz ihr Gesang in dem neuen Zuschauerraum hatte. Bald stellte sich aber heraus, daß nicht allein die Polstersessel die schlechte Akustik bewirkten. Es war vielmehr, so erregt sich der Obmann Windgassen, alles unternommen worden, »um den Zuschauerraum schalltot zu machen«.

Tatsächlich hatte die Renovierung für Windgassen und seine Kollegen nur Nachteile gebracht:

- Die jetzt mit Stoff ausgeschlagenen Wände geben die Töne nur ungenügend wieder:

- die Eichentüren bilden - weil stoffbespannt - keinen Schallboden mehr

- die Öffnung in der

Decke, die zur Verstärkung der Resonanz beitrug, ist geschlossen:

- die Rückwand des Zuschauerraums, bisher wichtigster akustischer Gegenpol für die Bühne, vibrierte nicht mehr, weil die Holzverkleidung der Wand fehlte (sie ist inzwischen auf Verlangen des Dirigenten Leitner wieder angebracht worden);

- die Einlaßöffnungen

für den vorgesetzten Bühnenvorhang fangen viele Klangwellen weg und

- selbst das Fehlen der »tonleitenden«

geschwungenen Stukkatur-Linien macht sich schallmindernd bemerkbar.

Kommentiert Tenor Windgassen: »Es war so, als ob Sie vorher in einer Badewanne gesungen hätten und jetzt in einer Wattekiste.«

Um wenigstens einigermaßen »anzukommen«, suchen sich die Sänger auf der

Bühne jetzt Plätze aus, von denen ihr Gesang den ganzen Zuschauerraum mit einiger Sicherheit erreicht. Für den Standort der Sänger sind neuerdings nicht die von Optik und Spiel ausgehenden Regieanweisungen maßgebend, sondern allein die akustischen Bedingungen.

Architekt Stohrer hatte zunächst bestritten, daß die Akustik schlechter geworden seil: sie habe, so behauptete er, nur »eine andere Klangfarbe«. Nachdem aber mehrere Akustiker einmütig widersprachen, sah Stohrer sich genötigt, den Sängern zuzusichern: »Die Akustik wird nachgezogen.«

Die Hoffnung der Stuttgarter Sänger, es werde während der Sommerpause 1957 etwas für die Akustik des Hauses getan, erfüllte sich allerdings nicht. So sahen Obmann Windgassen und Dirigent Leitner denn keinen anderen Ausweg, als namens ihrer Kollegen beim Intendanten energisch zu protestieren. Aufgeschreckt durch beider Drohungen mit Vertragsablehnung beziehungsweise Vertragsaufkündigung, setzte sich die schwerfällige Maschinerie der Stuttgarter Bürokratie langsam in Bewegung. Versichert Stohrer: »Die Dinge werden Zug um Zug bereinigt.«

In der ersten Phase der »Bereinigung« soll nun die riesige Fläche der Wandbespannungen und der Sessel-Rückenlehnen mit einer glasartigen Masse bestrichen werden, damit die Poren den Schall nicht länger verschlucken können.

Umbauer Stohrer plant noch weitere »hilfsakustische Maßnahmen«, um einem Sängerstreik vorzubeugen. Solche Maßnahmen, sollen sie durchschlagenden Erfolg haben, würden allerdings einen zweiten Umbau des Großen Hauses mit ähnlich hohem Aufwand wie 1956 erfordern.

Die Sänger unter des Helden »Siegfried« Windgassen Führung indes wollen nicht warten, bis - vielleicht in den nächsten Theaterferien - die Korrekturen vorgenommen werden. Sie beharren darauf, daß die Fehler des Umbaus sofort beseitigt werden. Begründet Kammersänger Windgassen sein Drängen: »Früher haben wir spielend gesungen, jetzt müssen wir schaffen wie die Gäule.«

Tenor Windgassen: Schalltot

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