AUSSTELLUNGEN Dieb der Sinnlichkeit
Blöcke von gefrorenen Bohnen, Himbeeren oder Spargelstangen schichtete er auf seinen Bildern zu kubistischen Farb- und Formgebilden auf, ausgedrückte Zigarettenstummel inszenierte er wie urzeitliche archäologische Funde. Berühmt wurde der Fotograf Irving Penn aber nicht nur mit diesen raffinierten Stillleben aus Tiefkühlkost und Kippen, sondern mit seinen klassizistischen, hoch ästhetischen Modefotos. Sie prägten eine ganze Epoche.
Elegante Arrangements, makellose Beleuchtung und ein untrügliches Gefühl für die grafische Wirkung seiner Bilder machten Penn, 84, der einst Maler werden wollte, zum Doyen der fotografischen Delikatesse.
Sein Aufstieg begann nach der Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach einem Zwischenspiel im Luxus-Kaufhaus Saks Fifth Avenue etablierte sich Penn schnell als einer der meistbeschäftigten Fashion-Fotografen. Unermüdlich setzte er die jeweils aktuellen Kollektionen der regierenden Modezaren Dior, Balenciaga oder Givenchy in Szene - mit den begehrtesten Top-Models seiner Zeit. Doch nebenbei pflegte der Fotograf im Stillen eine Marotte: In seinem New Yorker Atelier machte er Nacktaufnahmen von besonders fülligen Frauen. Die drallen Damen fand er in verschiedenen Kunstschulen der Stadt, wo sie als Aktmodelle arbeiteten.
In New York sind jetzt in zwei großen Ausstellungen die fleischlichen Exkursionen des Meisters zu bewundern. Das Metropolitan Museum zeigt vom 15. Januar bis zum 21. April frühe Akte unter dem Titel »Earthly Bodies: Irving Penn's Nudes, 1949-50«, und ein paar Blocks weiter, im Whitney Museum, ist »Dancer: 1999 Nudes by Irving Penn« bis zum 12. Mai zu sehen.
Die älteren Akte, bislang nur verschämt oder vereinzelt veröffentlicht und nun zum ersten Mal mit musealem Segen en bloc ausgebreitet, stellen die korpulenten Körper nicht plump als Sexualobjekte dar, sondern - ganz im kühlen Stile Penns - als stilisierte Skulpturen.
Pralle Schenkel, üppige Brüste oder haltlose Bäuche werden auf Penns leicht überbelichteten Fotos zu Wellentälern, Hügelkuppen oder marmornen Steinbrüchen.
Als der Künstler begann, die wuchtigen Grazien zu fotografieren, war er 32 und schon ein berühmter Mann.
Er hatte die Ikonen seiner Zeit porträtiert: die deutsche Filmdiva Marlene Dietrich etwa oder die magere Herzogin von Windsor ("Man kann nie zu reich noch zu dünn sein").
Aber auch bei seiner stillen Leidenschaft fürs Überbordende bleibt er berechnender Formalist: Er kultiviert nicht voyeuristisch Landschaften der Leidenschaft; diese frühen Akt-Fotos sind vielmehr minimalistische Exerzitien eines Ästheten, der selbst aus der Abweichung vom Schönheitsideal, dem er in seiner kommerziellen Modefotografie für die »Vogue« huldigen musste, immer noch mit höchstem Geschmack nach der originellen Pose sucht.
In diesen Arbeiten geht es dem peniblen Fotografen nicht um das Abbild menschlicher Individualität, sondern um die Herausforderung, aus fetter, nahezu formloser Materie abstrakte Schönheit zu meißeln.
Und nie ist bei diesen frühen Akten ein Gesicht zu sehen. Es ist, als wolle sich Penn erholen von seinen Porträts der Berühmten und Mächtigen, von übellaunigen Literaten, zickigen Models und mäkeligen Magnaten.
Bei seiner Akt-Serie, die 50 Jahre später entstand, ist das dagegen ganz anders. Für »Dancer« holte er sich viermal die beleibte Tänzerin Alexandra Beller von der Bill T. Jones Dance Company ins Studio. Und diesmal zeigt er sein Modell als Frau mit Kopf und Unterleib: ein selbstbewuss-tes Vollweib, eine kraftvolle Venus des Körperkults.
Die Tänzerin wiegt sich da in den Hüften, präsentiert ihre fülligen Formen - Zellulitis inklusive - und scheint jede Minute der Sitzungen genossen zu haben, so wie sie an jedem Gramm ihres Unterhautfettgewebes zu hängen scheint.
Trotz dessen Üppigkeit schafft es Penn dennoch, seinem Modell eine Aura von Grazie zu geben. Die wahrlich vollschlanke Alexandra Beller erscheint dabei wie der heimlich adorierte Antityp zu Penns Ehefrau, Lisa Fonssagrives, einem der bestbezahlten Mannequins der vierziger und fünfziger Jahre.
Mit ihrem aristokratischen Antlitz und der schlanken, aufrechten Figur war die Schwedin für Generationen das Ebenbild von kontrollierter Eleganz, mondänem Schick und kosmopolitischem Stil.
Von dieser Welt der flüchtigen Mode und magersüchtigen Mondänität, die er selbst so maßgeblich mit seinen »Vogue«-Fotos geprägt hat, musste sich Penn offenbar gelegentlich erholen.
Dann ging er heimlich, wie ein Dieb der Sinnlichkeit, zu einigen der wenigen erdhaften Frauen, die Kalorien für ihre Freunde und Diät für etwas entschieden Diabolisches halten. JOACHIM KRONSBEIN