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FERNSEHEN DIESE WOCHE

• aus DER SPIEGEL 51/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1945, als Rolf Liebermann noch Tonmeister bei Radio Beromünster war, beobachtete er das »barocke Talent« beim Dirigieren und fand: »Burkhard kann einfach alles.«

1967 hat sich Liebermann, mittlerweile Intendant der Hamburgischen Staatsoper, den erfolgreichen Musical- und Operettenkomponisten ("Feuerwerk") zum Interview vor die Kamera geholt.

Im Eigenheim in Zell serviert der Schweizer Burkhard, 57, seine Erinnerungen als Thema mit Variationen, immer auf dem Sprung zwischen Pianoforte und Kanapee. Dabei huscht er so flink, daß dem Kameramann Leacock kaum Zeit für die Schärfeeinstellung bleibt.

Er habe, sagt er, schon »für alle Gelegenheiten« komponiert, in As-Dur und cis-Moll; dann singt er eigene Couplets und legt auch mal eine Platte auf: »O, mein Papa«, sein größter Schlager, erklingt als amerikanischer Hillbilly-Hit.

Doch auch ein seriöser Burkhard tritt auf: Er probt Burkhard-Songs für Dürrenmatts »Frank V.« und dirigiert Mozarts Klavierkonzert A-Dur.

Daß er noch vielseitiger ist, daß er beispielsweise Schönbergs »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene« einstudiert und mit Dorfkindern in Zell eigene Weihnachtsspiele aufgeführt hat, wird dem allgemeinen TV-Konsumenten vorenthalten:

Für die ARD-Fassung wurde das Burkhard-Porträt, das der NDR schon im Dritten Programm gesendet hatte, um eine halbe Stunde gekürzt.

Im April, während der Kurzfilmtage in Oberhausen, gehörte sie noch zu den Rebellen, die das Festival sprengen wollten; im Oktober, auf der XVII. Internationalen Filmwoche in Mannheim, war sie unter den Preisträgern: Ihr Film vom Glück der Frau B., im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks gedreht, wurde gleich viermal ausgezeichnet.

Wie in ihrem Buch »Bottroper Protokolle« zeigt Erika Runge auch im Film -- Ergebnis intensiver Recherchen im Ruhrgebiet -- soziales Elend: Maria B., 59 (Photo), Bergarbeiterwitwe, vier Kinder, Putzfrau und Küchenhilfe in einem Kumpelwohnheim, berichtet über ihren trüben Tag und ihren schäbigen Lebenslauf. Einmontierte Filmdokumente aus deutscher Vergangenheit und Gegenwart sollen bezeugen: Ihre Biographie, von Nationalsozialismus und Krieg, Währungsreform und Arbeitslosigkeit deformiert, steht für die Biographie der deutschen Arbeiterklasse.

Die Ehejahre, die Erziehung der Kinder, die erkämpfte Sicherheit belegen, was Glück war in ihrem Leben -- zweifelhaftes Glück: Seine Stabilität wird am Ende jeder Sequenz von einer erstarrten Großaufnahme in Frage gestellt. Im Oktober 1967 hat Erika Runge Frau B. porträtiert. Im November, mit dieser Mitteilung schließt die rebellische Elegie, war Frau B. wieder arbeitslos.

Weil sie glaubt, der Neorealismus richte den Film zugrunde, will die Romancieuse Duras (Photo) »Dichtung und Bild vermählt« sehen. Preziositäten wie »Hiroshima, mon amour« und »Moderato Cantabile« entstammen dieser Verbindung.

Heute schreibt sie nicht mehr ganz so blumig, doch immer noch treibt sie, eine intellektuelle Spekulantin, ihr Kunst-Gewerbe mit dem Unsagbaren.

Auch im Auftragswerk für den Süddeutschen Rundfunk beschäftigt sie drei Personen mit einer unergründlichen Frage: Warum nur ist der müde Enddreißiger Max Thal bei seiner Kur im Sanatorium zwischen Tennis-Court und Liegewiese von einer Fremden fasziniert, die doch so gar nichts Aufregendes hat. Sie ist eine Schlafwandlerin, kindlich und von monströser Unschuld, und Frau Duras zeigt auch, woher das kommt: Diese Frau ist ihrem Ehemann völlig untertan.

Das ist Max Thals intelligente Frau Alissa nicht. Sie will alles begreifen und alles zur Sprache bringen und kann doch nichts ändern: »Absurde Kräfte« haben das Glück zerstört. Die vertraute Duras-Tristesse inszeniert Heinz von Cramer als kühles, symbolhaftes Spiel. Im Hotelbau richten Schattenlinien sich zu Barrieren auf, Tennisplätze werden zu Käfigen, und die komponierten Geräusche machen die Stille nur noch bewußter.

Sechzig sowjetische Kriegsschiffe kreuzen im Mittelmeer. Sie sollen »sozialistische Staaten« schützen -- unter anderem Algerien und die Vereinigte Arabische Republik.

Die Flotten der Nato, die bislang das Mittelmeer beherrschten, so analysiert der Stuttgarter Militär-Reporter Ludwig Neu, sind der roten »Eskadre« freilich »immer noch 3 zu 1 überlegen«.

Um das zu beweisen, läßt Nau sowjetische und amerikanische U-Boote und Zerstörer über den Bildschirm fahren; er führt Styx- und Polens-Raketen vor, zeigt Flächenfeuer russischer Schiffs-Artillerie und Invasionsübungen von Nato-Verbänden.

Doch Waffen entscheiden das Kräfteverhältnis am Mittelmeer nicht allein. Auch russische Diplomaten, Propagandisten und Wirtschaftshelfer sind aufmarschiert. Die UdSSR, »die militärisch schwächere Macht«, sagt Neu, »ist längst eine politische Größe«. Bild-Material dafür haben die Russen dem Deutschen Fernsehen kostenlos zur Verfügung gestellt.

In vier Jahren, am Ende des »Dritten Atomprogramms« der Bundesrepublik (Kosten: fünf Milliarden Mark), werden deutsche Hausfrauen Hähnchen mit billigem Atomstrom grillen. Am Ende des Jahrhunderts, so prophezeit Rüdiger Proske (Photo), liefern Kernreaktoren bereits 85 Prozent der Elektrizität in aller Welt.

Diese »ungeahnten Möglichkeiten« sind freilich sowenig bildhaft wie die subatomaren Prozesse, auf denen sie beruhen.

In seiner TV-Volkshochschule muß sich der Dozent Proske daher mit graphischen Darstellungen, Statistiken und Kurven oder mit symbolischen Illustrationen behelfen. Bei elektronischer Musik repetiert er zunächst physikalische Elementarkenntnisse, dann wartet er mit einer Überfülle komplizierter Informationen auf. Und während er Trenndüsenverfahren, Kernfusion und Plasma-Physik erklärt, detonieren atomare Sprengsätze, sticht ein Atom-Frachter in See, rollen Uran-Kugeln durch Röhren-Systeme.

Die Welt von morgen ins Bild zu setzen, müht sich Proske nach Kräften. Denn auch dies weiß er schon jetzt:

Seit 50 Jahren ist Strawinskis Soldat als Pionier des musikalischen Theaters durch allerlei Bühnenstaffagen marschiert. Im Fernsehen geht er jetzt durch reale Wiesen und Wälder.

Denn Regisseur Birkett hat das expressionistische Ballett vom russischen Rekruten, der seine Geige dem Teufel (Robert Helpman) verkauft, eine Prinzessin freit und schließlich zur Hölle fährt, mit üppigem Kinorealismus inszeniert: Der Soldat (Brian Phelan) musiziert zwischen südenglischen Getreidefeldern und Gewässern, sein Heimatdorf ist eine Bauernidylle, und als Manager residiert er im Wohlstands-Mobiliar.

Derek Hudsons »Melos«-Ensemble spielt Strawinskis synkopenreiche, »Wenn es für uns künftig noch Grenzen gibt, so liegen sie ... nur noch in uns selbst.«

parodistische Komposition nur so nebenbei. Erst wenn der Soldat gegen Ende für die Prinzessin Tango, Walzer und Ragtime geigt, wird die Szenerie zur Bühne, und die Soldatengeschichte zum Gala-Ballett.

»Wenn Menschen Heiligabend betrunken sind«, sagt die Wirtin hie, »dann haben sie einen Grund.« Die Matrosen und Prostituierten, Fernfahrer und Rentner, die in Illes St.-Pauli-Pinte die Christnacht durchfeiern, haben wahrlich allen Grund:

Sie beklagen Flüchtlingselend und Dirnen-Tragödien, berichten von Spionageaffären und obskuren Geschäften. »Zehn Jahre«, gesteht ein Säufer, »lebe ich jetzt schon vom Falschspielen.« Und die Wirtin tröstet die weinende Jutta: »Er kommt ja bald aus dem Knast, mein Kind.«

Zehn Stunden hat Wildenhahn am 24. Dezember 1967 in der Kneipe gefilmt, bis er genug Material für sein 60 Minuten dauerndes Protokoll einer Weihnachtsfeier aufgenommen hatte. »Mein Film«, sagt der Regisseur, »ist voll von Sympathie mit den Leuten, die ich zeige.«

Das politische Magazin berichtet vom CSU-Parteitag in München und über deutsche »Hilfe nur für ein paar Wochen« im Oberhausener Vietnam-Kinderdorf. Heinrich Albertz wird porträtiert, Sex-Publizist Oswalt Kolle ins Kreuzverhör genommen.

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