UHREN Digital crazy
Der letzte Schrei blieb lautlos: »Wir haben«, prahlt die Werbung für eine amerikanische Digitaluhr, »der Zeit das Ticken abgewöhnt.«
Rasch und rigoros, mit überlegener Produktionstechnik und gewieftem Marketing, setzten amerikanische Elektronik- und Rüstungskonzerne ihren neuesten Hit durch: elektronische Armbanduhren, die genauer gehen und billiger zu bauen sind als herkömmliche Zeitmesser. Batterien und elektronische Bausteine ersetzen Federn und Zahnrädchen, Computerzeichen verdrängen Zifferblatt und Zeiger.
Rund dreieinhalb Millionen Amerikaner stiegen dieses Jahr auf die neuen Zeitrechner um. Wenn er die Wahl zwischen einer Ticktack- und einer modernen Digital-Uhr hatte, griff bereits jeder zweite zum Computer-Gerät.
Längst beschlossen die US-Produzenten, der Welt ihre neue Zeitmessung zu verordnen. In fünf Jahren, so ihre Marktanalyse, werden 85 Millionen Digitaluhren in aller Welt produziert werden -- statt der 3,5 Millionen Stück heute. Fast drei Millionen sollen 1976 in Europa verkauft werden.
Ihren Vorsprung verdanken die Amerikaner Außerirdischem: Die Digitaluhr ist eines der zahllosen Abfallprodukte der Raumfahrt. Die Weltraum-Technik am Handgelenk verzichtet auf bewegliche, verschleißanfällige Teile. Eine Mini-Batterie setzt Quarzkristalle in Schwingungen, ein integrierter Schaltkreis* teilt die Schwingungen in Impulse pro Zeiteinheit, speichert sie und läßt die Ziffern aufleuchten (siehe Graphik).
Die Uhrmacher von morgen haben denn auch mit den Feinmechanikern und Präzisionsbastlern von gestern nichts gemein. Texas Instruments Inc. etwa, Elektronik-Gigant und Rüstungslieferant aus Dallas, ist erst seit ein paar Wochen mit Uhren im Ge-
* Eine Vielzahl elektronischer Bausteine (Transistoren, Kondensatoren. widerstände), zusammengefügt auf minimalem Raum.
schaft. Aber das Modul -- das Innere des Zeitcomputers -- setzen die Texaner schon seit Monaten in wenigen Minuten vollautomatisch zusammen. Das Luftfahrt-Unternehmen Hughes Aircraft Co. wird 1975 mindestens 800 000 Digital-Moduls produzieren.
Andere Elektronik-Firmen, wie Fairchild Camera & Instrument Corp., kaufen Dutzende von Designern und Marketing-Experten. Ganze Fabriken für die Gehäuse-Fertigung werden angeschafft.
Die neue Zunft überfuhr die Weltmärkte so gründlich, daß Schweizern und Japanern, bislang Weltmeister im Uhrengeschäft, die rechte Antwort nicht beizeiten einfiel.
Die Schweizer haben einfach den Dampfer verpaßt«, höhnt 1. Thomas Saldi, Präsident des Modul-Produzenten Integrated Display Systems Inc., »jahrelang haben die uns erzählt, die Digitaluhr sei eine vorübergehende Mode-Erscheinung.«
Auch die Japaner, etwa Seiko-Topmanager Yukio Asano, halten die Amerikaner schlicht für »digital crazy«. Sie setzen nach wie vor auf die konventionellen Zeitmesser und waren bislang allenfalls bereit, Analog-Quarz-Uhren (elektronisch, aber mit kleinem Motor, Zifferblatt und Zeigern) zu forcieren.
So billig wie die Amerikaner können allerdings nicht einmal die Elektronik-Spezialisten aus Fernost produzieren. Wie bei der Marktschlacht um die Taschenrechner führten die Amerikaner auch diesmal den Japanern vor, wie Automatisierung und Massenserien Kosten und Preise senken können.
Die Preise für elektronische Teile sackten binnen weniger Monate auf die Hälfte -- dank der erbitterten Konkurrenz und trotz weltweiter Übernachfrage. Litronix Inc., mit der Billigpreis-Technik schon im Rechner-Geschäft erfolgreich, liegt mit 40-Dollar-Uhren an der untersten Grenze. Im nächsten Jahr wollen mehrere Konkurrenten noch einmal zehn Dollar nachlassen.
Die Europäer ticken derweil unverdrossen weiter. Aus eigener Kraft kann die deutsche Uhrenindustrie, in kleinere und wenig kapitalstarke Betriebe zersplittert, den Angriff aus Übersee kaum abwehren; die Amerikaner diktieren Preise und Mengen. »Die wollen uns glatt an die Wand spielen«, fürchtet Erich Kienzle von den Schwenninger Kienzle-Uhrenfabriken.
Zwar kämpfen etwa Kienzle und die Pforzheimer Firma Philipp Weber mit eigenen Digital-Modellen um Marktanteile, aber immer mehr ausländische Produkte drängen in die Auslagen des Fachhandels und -- vor allem -- der Versand- und Warenhäuser.
Billige amerikanische Uhren, die auf Knopfdruck* die Zeit angeben, sind schon für 98 Mark zu haben, und der Handel meldet Zuwachsraten von über 60 Prozent.
Am anderen Ende der Preisskala verkauft die US-Firma Time Computer Inc. ihre »Pulsar« für 1000 Mark und mehr. Der Vorreiter für die Invasion der amerikanischen Digitaluhren, noch Statussymbol für Könige, Präsidenten und Sport-Champions, bringt 1975 rund 25 Millionen Dollar ein -- 50 Prozent mehr als im Vorjahr.
Ähnliche Zuwachsraten erwarten die Amerikaner, wenn sie im nächsten Jahr ihre technisch ausgereiften und preiswerten Modelle in großen Mengen nach Übersee verschiffen. Dann nämlich. hoffen die Konzerne, werden auch die Europäer »digital crazy«. Die Digitaluhr soll dann die Analog-Uhr so rasch verdrängen, wie nach dem Ersten Weltkrieg die Armbanduhr Opas Taschenuhr ablöste.
Um den Käufern die Entscheidung für die neue Zeit-Lesung zu erleichtern, wollen die Anbieter ihre Geräte immer attraktiver machen. Das lästige Knopfdrücken bei LED-Modellen will Time Computer abschaffen: Ein kurzer Ruck mit der Hand soll die Ziffern sichtbar machen. Flüssigkristall-Anzeiger, im Dunkeln bislang schwer lesbar, werden beleuchtet. Seiko stellt seinen »Chronographen« vor, Digital-Zeitan-Zeiger und Stoppuhr in einem.
Und für alle, die schon alles haben, hat ein US-Produzent einen elektronischen Rechner in seine Quarzuhr eingebaut. Beim deutschen Anbieter, dem Fürther Versandhaus Quelle, meldeten sich schon prominente Kunden: Manager aus den Chefetagen der Industrie orderten das 1290 Mark teure Spielzeug.
* Leuchtdioden -- light emitting diodes (LED) -- werden von amerikanischen Produzenten bevorzugt; sie bilden die zahlen durch kleine Punkte oder Striche. In dem zweiten gebräuchlichen System -- liquid crystal display (LCD) -- wird die Zeit kontinuierlich durch leuchtende Flüssigkristalle angezeigt. Der Energieverbrauch ist wesentlich geringer.