Dinner-Diskussion - DER SPIEGEL
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BÜCHER Dinner-Diskussion

• aus DER SPIEGEL 24/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael H. Hart: »The 100. A ranking of the most influential persons in History«. Hart Publishing Company, Inc., New York City; 572 Seiten; 7,95 Dollar.

Lenin steht auf Platz 15 zwischen Aristoteles und Moses; Adolf Hitler auf 35 zwischen Napoleon und Shakespeare; Stalin auf 63 zwischen Louis Daguerre, dem Erfinder der Photographie, und dem Philosophen René Descartes; Johann Sebastian Bach auf 74 zwischen dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen und dem altchinesischen Weisen Lao-tse; Sigmund Freud auf 32 zwischen dem Chemiker Antoine Lavoisier und Alexander dem Großen.

Diese absonderliche Rangfolge stammt aus einem Buch, das der amerikanische Mathematiker, Astronom und Physiker Michael Hart, Professor am Trinity College in San Antonio (Kalifornien), verfaßt hat. Mit ihm befriedigt er den beneidenswerten Ehrgeiz, die 100 einflußreichsten Menschen der Weltgeschichte in eine Rangordnung zu rangieren.

So etwas gefällt den Amerikanern. Das Buch wurde zum Erfolg, eine Paperback-Ausgabe erschien, die Presse entzückte sich. Sogar der Londoner »Daily Mail« präparierte britische Hart-Leser darauf, ihren Geist »sanft neuprogrammiert« zu bekommen, und das »Wall Street Journal« meinte: »Seine Rangfolge wird mehr Dinner-Diskussionen erregen als die Liste der zehn besten Filme ... oder der zehn schlechtesten Restaurants in New York.«

Doch Hart läßt sich auf einen Versuch ein, der notwendig scheitern muß; er will über den Einfluß der 100 apodiktisch nach Listenplätzen befinden und eine Hierarchie errichten, aus der klipp und klar und made in the USA hervorgeht: Mohammed, der Stifter und Prophet des Islam, hat die Goldmedaille des Einflußreichtums in der Weltgeschichte errungen -- vor Sir Isaac Newton (Silber) und Jesus Christus (Bronze).

Auch Atomphysiker Niels Bohr gehört noch eben auf Platz 1(10, hinter Pablo Picasso (98) und dem jedermann bekannten Religionsstifter der Dschainisten, Mahavira (99), auf die Liste. von der wiederum nach Harts zumeist unerforschlichem Ratschluß so unbekannte Leute wie Thomas von Aquin, Dante, Leonardo da Vinci, Leibniz, Hobbes, Kant. Goethe, Hegel und Lincoln ausgeschlossen bleiben.

Wie sollte nun aber beispielsweise der Einfluß Ludwig van Beethovens (42) angemessen mit dem des Quantenphysikers Werner Heisenberg (43) oder mit dem des Funkgerät-Erfinders Guglielmo Marconi (41) verglichen werden können? Der Leser weiß es nicht -- und der Autor, trotz unermeßlichem Selbstbewußtsein, auch nicht.

Dieser Art Selbstbewußtsein verdankt der Autor offenbar auch seine mühelose Distanz zur Anstrengung des Begriffs. die Fähigkeit also, in seinem ebenso ambitiösen wie abstrusen Buch Fahrkarten aller Art zu schießen.

Einige Beispiele: Hart hält die Rechtfertigung allein durch den Glauben für katholisch; er identifiziert den Stand der »Wächter« (oder Krieger) in Platons » Politeia« pauschal mit dessen Philosophenkönigen; er bildet sich ein, die mittelalterliche Kirche mit eben jenen Wächtern vergleichen zu können; er schreibt Oliver Cromwells puritanischer Diktatur ein Hauptverdienst an der Demokratisierung Großbritanniens zu; er sieht in Napoleon Bonaparte einen zweitklassigen Strategen und im Automobil ein höchst wirksames Vehikel individueller Freiheit: für die nächsten 1000 Jahre prophezeit er das Abschlaffen der Religion und für die nächsten 100 die Unabhängigkeit der Ostblockländer -- wobei er freilich für die DDR und Bulgarien das Weiterbestehen kommunistischer Regime auch ohne »russische Kontrolle« erwartet.

Ebenso elegant wie unfreiwillig lobt Hart dann auch den Philosophen René Descartes: »Der Ton seiner Schriften ist überraschend altmodisch. In der Tat klingt er oft, vielleicht wegen seines rationalistischen Ansatzes, wie ein mittelalterlicher Scholastiker.«

Denkbar wäre freilich auch, daß Modernist Hart nur noch nicht so recht begriffen hat, daß ihm selbst für die Rangfolge seiner 100 Mips (most influential persons) jeder rationalistische Ansatz fehlt. So zeigt er sich denn auch als Meister der Propaganda-Superlative, die wirklichen oder vermeintlichen Einfluß nahelegen sollen, ohne ihn rangstufengenau nachweisen zu müssen.

Da erscheint Mohammed auch als »einflußreichster politischer Führer aller Zeiten«. Der großdeutsche Führer Adolf Hitler hingegen ist zwar nicht mehr größter Feldherr aller Zeiten, aber tröstlicherweise doch noch »der erfolgreichste Redner der ganzen Geschichte«.

Newton wiederum gilt (einem Angelsachsen) als,, der größte und einflußreichste Wissenschaftler, der jemals gelebt hat«. Auch Galileis (13) Heldenlegende wird weitergestrickt, denn er ist »wahrscheinlich mehr für die Entwicklung der wissenschaftlichen Methode verantwortlich als sonst eine Einzelperson«. Mao Tse-tung präsidierte zwar laut Hart »der bemerkenswertesten und weitestreichenden Veränderung« in der Geschichte Chinas -- aber er muß sich trotzdem mit Platz 21) begnügen, während drei andere Chinesen höher eingestuft werden: Sittenlehrer Konfutse (5), Reichseinigungskaiser Shih Huang Ti (18) und Tsai Lun (7), der Erfinder des Papiers.

Den Kaiser Augustus (19) hingegen, den er weitaus höher schätzt als dessen Adoptivvater Julius Cäsar (65), den wirklichen Begründer des Römischen Kaiserreiches, rühmt Hart mit erfrischender Naivität als »vielleicht das beste geschichtliche Beispiel eines fähigen, wohlwollenden Despoten«.

Auch Niccolò Machiavelli (88) bleibt von Superlativen nicht verschont. Dessen schönes Buch »Der Fürst« lobt der Katalog-Autor als den »vielleicht am brillantesten geschriebenen und gewiß am leichtesten lesbaren aller philosophischen Traktate«. Merke: Was leicht lesbar ist, ist noch lange nicht leicht verstehbar. Zudem: In der Philosophie gibt es keinen Königsweg. Zur Seite: Hoffentlich beherrscht Alleswisser Hart auch das Italienisch des Machiavelli.

Doch Hart dilettiert auch in seinen Prognosen munter darauflos. So hat er, der Mathematiker, eine verständliche Schwäche für den berühmten Euklid (22), die ihn zu folgender Voraussage verleitet: »Obgleich zu ihren Lebzeiten ... Napoleon, Alexander der Große und Martin Luther viel besser bekannt waren als Euklid, wird auf lange Sicht sein Ruhm wahrscheinlich den ihren überdauern,«

Luther (23) zum Beispiel »war nicht ohne Fehler«, wie sein amerikanischer Rang-Rangierer strafend bemerkt. Und aus ihnen, der religiösen Intoleranz wie der Judenfeindschaft, leitet er mit der geschichtsphilosophischen Eleganz einer Planierraupe die Blutrünstigkeit der deutschen Religionskriege und sogar Beihilfe zum Nazi-Antisemitismus ab.

Dieser aufgewärmte Kohl gilt wenigstens einer realen historischen Person. Nicht immer ist Hart jedoch mit seinen Lobsprüchen so glücklich dran, Über den ersten Pharao Menes (Platz 90), der um 3100 vor Christus Ober- und Unterägypten vereinigt haben soll, meint er: Trotz der Geringfügigkeit unserer Kenntnisse über ihn scheint es, daß Menes in der Tat eine der einflußreichsten Figuren der Geschichte gewesen ist.«

Ein Fachmann, Professor Richard Pittioni, Wiener Ordinarius für Urgeschichte, urteilte hingegen: »Ob Menes wirklich existiert hat ... das wissen wir nicht.«

Sic transit gloria libri.

Rudolf Ringguth
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