Diskrete Warnung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 140

LIEBE Diskrete Warnung

• aus DER SPIEGEL 9/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frauen, deren Privatleben darin besteht, heimliche Geliebte eines verheirateten Mannes zu sein, haben meist viel Zeit. Die Abende müssen sie selbst organisieren, Sonn- und Feiertage sowieso. Perfekt, wenn die Frauen diese Zeit ohnehin für sich selbst brauchen, gut, wenn sie sie immerhin sinnvoll zu füllen wissen. So sinnvoll wie die Londoner Journalistin Victoria Griffin, die die Abwesenheit des verheirateten Liebhabers nutzte, ein Buch zu schreiben - über Frauen, die heimliche Geliebte sind oder waren. »Sonntags nie« (Rütten & Loening, Berlin) versammelt die Lebensgeschichten berühmter Geliebter, von der mittelalterlichen Äbtissin Heloise über die Bildhauerin Camille Claudel, die Schriftstellerinnen George Eliot und Rebecca West bis zu Camilla Parker-Bowles und Monica Lewinsky. Fazit: Es hat sich im Verlauf von Jahrhunderten überraschend wenig geändert an den Strategien der Einzelnen, ihrem Zustand Zufriedenheit abzugewinnen. Das Buch ist ein Appell an jedwede Geliebte, ihre Lebensform als selbst gewählte zu erkennen, sie also zu genießen statt zu beklagen. Eine diskrete Warnung auch, im Stillen doch den Status einer Ehefrau als einzig erstrebenswerten zu betrachten. »Solange es die Ehe gibt«, tröstet Griffin, »wird es auch die heimliche Geliebte geben.« Sarkastischer formulierte es der britische Politiker und Finanz-Tycoon Sir James Goldsmith: »Wenn ein Mann seine Geliebte heiratet, wird ein Posten frei.«

Zur Ausgabe
Artikel 70 / 140