MUSEEN Dolles Ding
Die Gratulanten waren sich einig. Das neue Berliner Museum für die Kunst der Gegenwart sei, urteilte die »Süddeutsche Zeitung«, »vom Feinsten«. Und Werner Knopp, damals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sah bei der Eröffnung des Hauses Ende 1996 gar »Anlaß zur Freude für das ganze Land«.
Gefeiert wurde der erfolgreiche, 100 Millionen Mark teure Umbau des Hamburger Bahnhofs zu einem bedeutenden Museum fürs Zeitgenössische, mit dem man, so die »Neue Zürcher Zeitung«, »Staat machen will« .
Doch nun, nach nicht mal 24 Monaten, scheint alle Freude über die Museumsherrlichkeit dahin. Die Deutsche Bahn AG, Eigentümerin des historischen Gebäudes von 1847 im Osten der Stadt, das sie dem Land Berlin nur zur Museumsnutzung überlassen hat, meldet Eigenbedarf an.
Sie will im Ostflügel des Museums ein Gästehaus installieren - mit Luxus-Suiten, Kaminzimmer und feudaler Bar. Architektenentwürfe für einen Umbau liegen bereits in den Schubladen der Vorstände.
* Vor einem Marx-Porträt von Andy Warhol.
Hintergrund der Eisenbahner-Pläne: Im Jahr 2003 ziehen die meisten zentralen Dienststellen des Unternehmens in den neuen Lehrter Bahnhof im Berliner Regierungsviertel. Da käme ein nahe gelegenes nobles Gästequartier in historischer Kulisse gerade recht.
Als das Bahn-Projekt am vergangenen Donnerstag in Berliner Kunstkreisen bekannt wurde, empörte sich Heiner Bastian, 55, ehrenamtlicher Kurator der bedeutenden Kunstsammlung von Erich Marx, dem größten Leihgeber des Museums, sogleich über einen »Skandal«.
Wutentbrannt verfaßte er einen Brief an Wolf-Dieter Dube, den zuständigen Generaldirektor der Berliner Staatlichen Museen, den er für einen Befürworter des Projekts hält: »Hatten Sie nicht die unersetzliche Schönheit des Geistes der Kunst vor Augen, als Sie diesem pervertierten Anliegen der Bahn zustimmten?« fragt Bastian in dem Schreiben.
Und zornig entwarf der Kurator seine apokalyptische Vision von der »Ungeheuerlichkeit der Zerstörung eines Gesamtkunstwerks«.
Möglicherweise ist der wortgewaltige Protest ein wenig voreilig. Zwar will die Bahn tatsächlich den Ostflügel des Hamburger Bahnhofs zu einem Gästehaus ausbauen - im Gegenzug aber macht sie dem Land Berlin, bis jetzt allerdings nur mündlich, eine verlockende Offerte. In Verhandlungen mit Lutz von Pufendorf, dem Staatssekretär des Berliner Kultursenators Peter Radunski, ließen die Bahn-Leute durchblicken, daß sie bereit seien, Berlin sowohl die Immobilie zu übereignen als auch zusätzlich einen seit langem geforderten Erweiterungsbau für das Museum zu finanzieren. Kalkulierte Kosten: 20 Millionen Mark.
Pufendorf schwärmt bereits von einem »dollen Ding« und gibt sich Mühe, die aufgebrachten Protestler um Heiner Bastian zu besänftigen: »Wir müßten doch wegen erwiesener Unfähigkeit aus dem Amt gejagt werden, wenn wir das nicht annähmen.« Unterm Strich nämlich werde das Museum mehr Ausstellungsfläche hinzugewinnen, als es durch das Gästehaus der Bahn verliert. Bastian dagegen mag dem Lockmittel Erweiterungsbau nicht trauen. Für ihn steht fest: »Wir sind alle hintergangen worden.« Pufendorf wiegelt ab: Die Pläne seien vorerst lediglich »ein Diskussionsvorschlag«, der mit allen Beteiligten »in Ruhe besprochen werden müsse«.
Sensibles Vorgehen ist vonnöten, besonders gegenüber dem Groß-Sammler Marx, 77. Ohne dessen Leih-Exponate - Werke von Klassikern der Moderne wie Joseph Beuys, Cy Twombly oder Andy Warhol - könnte das Museum gleich ganz schließen.
Der kunstsinnige Bau- und Immobilienunternehmer, den die Nachricht über das geplante Luxusquartier, eine Art Bahnhofshotel für Bosse, zutiefst verstörte, drohte - dezent, aber deutlich - Ende vergangener Woche bereits mit dem Abzug seiner Kunstwerke: »In einem Falle wie diesem reduziert sich letztlich alles auf die Machtfrage. Da muß man sich die letzten Schritte vorbehalten.«
* Vor einem Marx-Porträt von Andy Warhol.