Donnerndes Dröhnen - DER SPIEGEL
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Astronomie Donnerndes Dröhnen

»In gerader Linie«, glauben amerikanische Forscher, sei die Erde 1908 von einem kosmischen Objekt durchschlagen worden. Sein Gewicht: eine Million Milliarden Tonnen.
• aus DER SPIEGEL 42/1973
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Am 30. Juni 1908 lag die Taiga im Talbecken des Flusses Steinige Tunguska in gleißendem Sonnenlicht. Da, plötzlich, fiel ein Feuerball vom Himmel.

Reisende der Transsibirischen Eisenbahn sahen eine »fontänenähnliche Flammensäule«, deren Ränder bläulich strahlten und bis in die Stratosphäre reichten. Der Bauer S. B. Semjenow spürte die Hitze: »Fast«, gab er später zu Protokoll. »brannte mein Hemd auf mir.« Dem Gluthauch folgte ein Beben. das ganz Zentralsibirien erzittern ließ.

Die Auswirkungen der Explosion waren weltweit spürbar. Seismische Wellen wurden von geophysikalischen Stationen in Washington und auf der Insel Java registriert: Zerstörungskraft wie von einer 20-Megatonnen-Wasserstoffbombe, so ergaben spätere Berechnungen, war entfesselt worden. Rasch schwanken Je Luftdruck-Werte zeigten an, daß die atmosphärischen Stoßwellen aus der Taiga zweimal um die Erde gezogen waren.

Seitdem hallt das Echo jenes kosmischen Ereignisses in den Spalten von wissenschaftlichen Fachzeitschriften wider. Immer wieder sinnen Geologen, Astronomen und Physiker darüber nach, welch unirdische Gewalt die bislang geheimnisvollste aller irdischen Naturkatastrophen ausgelöst haben könnte: Es gibt. merkwürdig genug. keinen Krater und keine meteoritische Materie sichtbarer Größe am Ort des GeschehensZur Diskussion steht ein halbes Dutzend unterschiedlicher Thesen. Eine Meteoritenkommission an der Moskauer Akademie der Wissenschaften beispielsweise kam vor Jahrzehnten zu dem Schluß. ein Schwarm vagabundierender Meteoriten sei über der Steinigen Tunguska zerplatzt und als feuriger Regen niedergegangen. Andere Forscher vermuten, der Kern eines Kometen, bestehend aus Wasser. Eis und gefrorenen Gasen. sei in der Atmosphäre verdampft und habe dabei -- Knallgas freisetzend -- einen Strahlenbrand verursacht. Und der US-Nobelpreisträger Willard F. Libby entwickelte gar die Hypothese, sogenannte Antimaterie sei aus der Tiefe des Weltraums auf die Erde gestürzt und habe sich beim Eintritt in die Atmosphäre restlos in Strahlung umgewandelt.

Im britischen Wissenschaftsmagazin »Nature« erörtern nun zwei texanische Forscher eine noch phantastischer anmutende Deutung des Phänomens von 1908. Der sibirische Super-Knall. so erläutern die beiden Astrophysiker Albert A. Jackson und Michael P. Ryan vom Zentrum für Relativitätstheorie an der University of Austin. sei durch ein kosmisches Gebilde -- oder Ungebilde -- ausgelöst worden, das die Erde »in gerader Linie« durchschlagen habe: Ein sogenanntes Schwarzes Loch sei auf die Erde niedergestürzt.

Unter dieser Bezeichnung ("Black Holes") führen die Astrophysiker eine Art von Himmelskörpern mit bislang mysteriösen Eigenschaften -- unsichtbare Ruinen ausgebrannter Sonnen, die zu unendlich dichten Materiekernen zusammengeschrumpft sind und im freien Fall durchs Universum rasen: bloße Schwerkraftfelder. in die -- wie in einen imaginären Trichter -- immer neue Materie hineingesogen wird.

Daß die Erde und mit ihr die Menschheit den Einschlag des Schwarzen Loches überstanden haben, führen die US-Autoren auf die Dimension des himmlischen Malstroms zurück. Zwar habe das sibirische »Black Hole« einen beträchtlichen Teil der Erdmasse gewogen: eine Million Milliarden Tonnen. Sein Durchmesser jedoch habe kaum größer sein können als der eines einzigen Atoms.

Unter diesen Umständen. meint etwa der Hamburger Physik-Professor Wolfgang Kundt. habe das Schwarze Loch den »gleichsam durchsichtigen Erdball sehr wohl durchdringen können. »ohne dabei viel von seinem zerstörerischen Impuls abzugeben«.

An das Vorhandensein extrem klein geratener Schwarzer Löcher glauben Astrophysiker seit Anfang der siebziger Jahre. Und in der Tat würde die neue Hypothese einige der Tungusker Ungereimtheiten gut erklären können.

So ließe sich beispielsweise das Fehlen eines Kraters mit der Un-Größe des Schwarzen Lochs erklären, während die Druck-. Lärm- und Hitzewelle von charakteristischen Eigenschaften der Schwerkraftfalle herrühren könnten.

Wie in einem Schlauch, so mutmaßen die Forscher, seien entlang der Flugbahn des Schwarzen Lochs Luftmassen in heißes Plasma verwandelt ·worden; eine bogenförmige Schockwelle wiederum, wie vor einem Überschallflugzeug, habe jenes Dröhnen und Gepolter hervorgerufen, das bis in die Mongolei vernehmbar war. Das blaue Glimmen, das bis an den Rand der Stratosphäre reichte, deuten die Wissenschaftler als Leuchterscheinung, die von der Umwandlung unsichtbarer Röntgenstrahlung in sichtbares Licht herrührt.

Als »sachlich korrekt« hat Professor Kundt, der sich nächsten Monat im Fachblatt »Physik in unserer Zeit« seinerseits zum Problem der Schwarzen Löcher äußern wird, die mathematischen Resultate des Austin-Teams verifiziert -- obwohl er deren Deutung für »äußerst unwahrscheinlich« hält.

Das mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Sekunde und in einem Winkel von 30 Grad auf die Erde zurasende Schwarze Loch müßte den Planeten etwa zwischen Neufundland und den Azoren auch wieder verlassen haben. Demnach müßten dort, zu Wasser und in der Luft, ähnliche Schockwirkungen wie in Sibirien beobachtet worden sein.

Da mit Augenzeugen aus jener Zeit nicht mehr zu rechnen ist. suchen Jackson und Ryan nunmehr in den Archiven: Schiffstagebücher und barographische Daten. die Aufschluß geben, was am 30. Juni 1908 auf dem Nordatlantik geschah.

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