FOTOGRAFIE Doppelter Eigensinn
Der Fotograf Stefan Moses erwischte Thomas Mann im August 1949 in Weimar: ein Foto im Vorübergehen, und doch ist die Gunst der Sekunde noch spürbar. Mann, der damals im US-Exil lebte, fand Deutschland »zerrissen und aufgeteilt in Zonen der Siegermächte": eindrucksvoller Auftakt des Moses-Bandes »Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft« (Prestel-Verlag, München; 128 Mark).
Schriftsteller und Fotograf, Eigensinn vor und hinter der Kamera - dieses Spannungsverhältnis ist jetzt in gleich vier neuen Bildbänden zu beobachten.
So hat die Amerikanerin Jill Krementz, Ehefrau des Schriftstellers Kurt Vonnegut, ausschließlich jüdische Autoren vor die Kamera geholt, zum Beispiel Joseph Heller. Der war damals, am 2. Juli 1974 in New York, schon eine Weltberühmtheit dank seines Romans »Catch-22«; belustigt blickt er in vertraute Fotografenaugen ("The Jewish Writer«; Verlag Henry Holt, New York; 35 Dollar).
Dagegen will der in Linz geborene Joseph Gallus Rittenberg, 50, den inszeniert-distanzierten Auftritt, und Ernst Jünger war der rechte Mann dafür: Entspannt nimmt er die Kamera nicht zur Kenntnis ("Terra obscura. Vermessung einer Persönlichkeit«; Verlag Ars Vivendi, Cadolzburg; 78 Mark).
Für die Fotografin Herlinde Koelbl wäre das undenkbar: Für sie waren die Fotositzungen zugleich Gesprächstermine. Elfriede Jelinek etwa erzählte ihr im Februar 1997 in Wien: »Ich mache lange Pausen, manchmal monatelang. Dann überkommt mich die Rage, und ich bin wie eine Triebtäterin.« Und sie schaut wunderbar stolz-wehmütig dabei aus ("Im Schreiben zu Haus«; Knesebeck-Verlag, München; 98 Mark).