TSCHECHOSLOWAKEI Dramatischer Export
Die Bundesrepublik bezog bisher von ihr vor allem Pilsener Bier. Jetzt lanciert die Tschechoslowakei einen anderen Exportartikel: Theater-Aufführungen, Regisseure und -Autoren.
Am letzten Donnerstag begann das Prager »Semafor«-Theater in Stuttgarts Gustav-Siegle-Haus seine erste Deutschland-Tournee. Die Prager Kleinkünstler zeigten »Heinrich VIII. und seine sechs Frauen« - ein politisch literarisches Kabarett mit Jazz und Chansons.
Die »Semafor«-Truppe ist nicht der erste Theater-Import aus der CSSR. Es gastierten bisher:
- die »Laterna Magika« - eine virtuose Schau aus Filmprojektion und Tanztheater (SPIEGEL 9/1965);
- das »Schwarze Theater« - ein poetisch-pantomimisches Spiel mit Requisiten, die vor schwarzem Hintergrund als frei schwebend erscheinen;
- die Pantomimengruppe Ladislav
Fialkas vom Prager »Theater am Geländer«;
- die Schauspielgruppe des »Theaters
am Geländer« mit einer aktualisierten Neufassung des »König Ubu« von Alfred Jarry und mit dem zeitkritischen »Gartenfest« des tschechischen Star-Autors Václav Havel. Bei diesen Gastspielen lernten Deutschlands Theatergänger dennoch nur einen Bruchteil des tschechischen Bühnenangebots kennen: In der Einmillionenstadt Prag spielen jeden Abend 23 Theater, in der Tschechoslowakei gibt es 68 Bühnen mit 94 professionellen Ensembles für Drama, Oper und Ballett.
Die Tschechoslowakei ist heute das am dichtesten mit Theatern bebaute Land Europas. In ihr hat sich - so das Literaturblatt »Literárni noviny« - »Theater als Selbstbewußtsein der Gesellschaft« manifestiert: Es kämpft gegen die »Personenkult«-Ära und will die »Demokratie im Sozialismus« vertiefen.
Die Demokratie im Theater wurde möglich, nachdem auch unter dem kolossalen Stalin-Standbild iii Prager Letná -Park das politische Tauwetter angebrochen war. In den bis dahin genormten, mit Sowjet-Autoren besetzten Spielplan rückten nun Dramatiker wie
Tennessee Williams, Arthur Miller, Jean Anouilh, Friedrich Dürrenmatt, John Osborne, Eugène Ionesco, Samuel Beckett und Edward Albee.
Als erste erwachten die Regisseure: Der Senior unter ihnen ist der Regisseur Alfred Radok, 51. Er entwickelte, mit dem renommierten Bühnenbildner Josef Svoboda, Technik und Stil der »Laterna Magika«. Auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 wurde dieses Kino -Theater erstmals im Ausland bewundert.
Radok, ein Außenseiter und Einzelgänger, gehörte dem Prager »Nationaltheater« an, das mit drei Bühnen das größte Theaterunternehmen der CSSR ist. Heute ist er mit Gastregien beschäftigt: Im »Kammertheater« der Städtischen Bühnen Prag läuft seine Inszenierung von Romain Rollands Revolutionsmelodram »Spiel von Liebe und Tod«, das er - so die »FAZ« - zu einem »ergreifend aktuellen und gleichzeitig paradox stilisierten Musik-Theaterstück« umgedeutet hat.
Ebenfalls am »Nationaltheater« war Regisseur Otomar Krejca, 44. Er machte sich mit Shakespeare-Inszenierungen bekannt: Seine »Romeo und Julia«-Aufführung rollt auf monumentaler, leergeräumter Bühne ab. Veronas Jungadel agiert modern wie die Halbstarken der »West Side Story«, und Romeo stirbt grausig-schön. Wir haben«, sagt Krejca, »auf die falsche Romantik des vergangenen Jahrhunderts verzichtet.«
Krejca inszenierte auch das Stück, das zum erfolgreichsten Exportartikel wurde: Václav Havels »Gartenfest« - die absurd-satirische Geschichte eines jungen Mannes, der sich anpaßt, Partei -Chinesisch lernt und zu Funktionärs -Ehren aufsteigt.
»Das Gartenfest« wurde im Dezember 1963 im »Theater am Geländer«, Prags avantgardistischer Paradebühne, uraufgeführt. In einem ehemaligen Kloster (200 Parkettplätze) spielen zwei Ensembles: die Pantomimen des Ladislav Fialka und Jan Grossmans Schauspieltruppe.
Grossman, 40, ist, neben Radok und Krejca, der dritte Regie-Star. Er begann als jungkommunistischer Essayist und Kritiker. Seit vier Jahren macht er mit einer Zwölf-Personen-Truppe »appellatives Theater« - engagiert, zeitkritisch, fern von der edlen Einfalt des sozialistischen Realismus.
Grossmans Hausdramatiker ist der »Gartenfest«-Autor Václav Havel, 29. Er studierte an der Technischen Hochschule »Ökonomie des Automobiltransports« und begann bei Grossman als Kulissenschieber und Beleuchter. Vor zwei Monaten inszenierte Grossman Havels jüngstes Stück: »Die Benachrichtigung« - eine Satire über Sprachregelung in einem bürokratisierten totalen Staat.
»Die Benachrichtigung« wird bald beim deutschen Publikum ankommen. Der Rowohlt-Verlag hat sich die Rechte für Havel gesichert. Rowohlts Theatermann Klaus Juncker: »Ein Stapel von Anträgen deutscher Bühnen liegt bereits vor.« Das Berliner Schiller-Theater, das auch, als eine von 19 deutschsprachigen Bühnen, Havels »Gartenfest« spielte, hat die erste Option.
Ähnliche Erfolge hat der Kasseler Bärenreiter-Verlag mit dem Tschechen Pavel Kohout, 37. Seine Dramatisierung der »Reise um die Erde in 80 Tagen« (nach Jules Verne) wird von zehn westdeutschen- Bühnen gespielt oder vorbereitet.
Das neue tschechische Drama soll nicht allein nach Deutschland kommen. Tschechische Regisseure werden es begleiten.
Alfred Radok, der im Februar in Wiens »Theater in der Josephstadt« seine Komödie »Das schwedische Zündholz« inszenierte, wird in den Münchner Kammerspielen Regie führen. Premiere: 2. November. Otomar Krejca wurde von Boleslaw Barlog nach Berlin eingeladen. Auch Jan Grossman wird im Berliner Schiller-Theater ein Regie-Gastspiel geben. Und Jaroslaw Dudek, der Kohout -Regisseur, beginnt im Januar 1966 mit den Proben für ein tschechisches Stück im Düsseldorfer Schauspielhaus.
Das stattliche Export-Import Geschäft ist keine Staatsaktion: Die Bundesrepublik und die CSSR haben bislang kein Kulturabkommen geschlossen.
»König Ubu« im Prager Theater
Die Regisseure erwachten
Tschechischer Dramatiker Havel
... als es im Letná-Park taute