Dritte Dimension - DER SPIEGEL
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GESELLSCHAFT / KENNEDY Dritte Dimension

• aus DER SPIEGEL 12/1969
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In John Wannemakers Warenhaus in Philadelphia soll von Mai an der Umsatz steigen -- mit Hilfe von John F. Kennedys Papierkorbinhalt.

Über Zahnpasta, Nylonwäsche und Herrenhosen werden auf hohen Sockeln seltsame Gebilde stehen: dreidimensionale Kennedy-.Kritzeleien.

Während seiner Telephonate und Konferenzen hatte der Präsident der USA herumliegende Akten und Zettel mit Pfeilen, Blümchen, Männchen und allerlei Sinnlosem bemalt. Ein Kennedy-Assistent sammelte die bekritzelten Aktenstücke und Notizzettel. Nach der Ermordung des Präsidenten im November 1963 photokopierte er die Sammlung der Krakeleien ("doodles") und gab die Ablichtungen einem Freund, dem Rechtsanwalt Louis Mark Scher. Die Originale überließ er dem Nationalarchiv in Washington.

Scher hoffte auf das kommende Kennedy-Devotionalien-Geschäft. Im September 1965 erschien er im Atelier des Washingtoner Bildhauers Ralph Mitchell Tate an der M Street und zog die photokopierten Strichmännchen aus der Aktentasche.« Er fragte mich, ob ich Schmierpapier zu Skulpturen formen könne«, erinnerte sich Tate, ein fast zwei Meter großer Neger.

Tate überflog die Zettel und nahm den Auftrag an: »Die Formen waren so aufregend und so profiliert gekritzelt, daß sie förmlich danach schrien, in die dritte Dimension übertragen zu werden. Mir war, als ob ich aus einem Traum Realität machen sollte. Ich wollte gar nicht wissen, wer da geträumt hatte.«

Drei Monate später wußte er es. Scher erschien zum zweitenmal bei Tate, der bereits an den Modellen arbeitete, und lüftete das Geheimnis. Scher setzte mit Tate einen Vertrag auf, der ihm selbst 60 Prozent und dem Bildhauer 40 Prozent des Gewinns aus den fertigen Stücken zusicherte. Tate mußte von seinem Anteil auch noch Material und Helferlöhne bezahlen.

Tate arbeitete an den 20 Skulpturen neun Mopate lang. Aus Holz, Aluminium, Bronze, Messing und Stahl entstand eine Sammlung »Doodles in Dimension« von gewaltigen Ausmaßen. Die gestaltgewordenen Doodles sind bis 1,80 Meter hoch und 3,69 Meter lang. Den Wert der standhaften Kennedy-Kritzeleien veranschlagten Ideenspender Scher und Formgeber Tate auf 75 000 Dollar.

Bevor die Kunstwerke verkauft werden konnten, stürzte Scher im Juni 1966 mit seinem Privatflugzeug tödlich ab. Seine Witwe erbte die 60 Prozent an den Doodles, Aber Tate verstaute die Kunstwerke vorerst in einer Garage.

Nach den Kritzel-Originalen fertigte er Drucke an und verkaufte sie mittels der Werbebroschüre »Art from drawings by JFK.« (Kunst nach Zeichnungen von John F. Kennedy) für 5,50 Dollar pro Stück. Schießlich gelang es ihm, die Figuren in einer kleinen New Yorker Galerie auszustellen, wo sie Jacqueline Kennedy am 28. Mai letzten Jahres -- am Vorabend des Geburtstages John F. Kennedys -- besichtigen sollte. Doch die Witwe kam nicht.

Designer Tate jedoch, der schon die Parade-Wagen für die Inaugurations-Feiern der Präsidenten Roosevelt und Truman entworfen hatte, glaubt heute ebenso fanatisch an seine Doodles wie einst an seinen Präsidenten Kennedy: »Sie sind mir mehr wert als alles, was ich sonst im Leben getan habe.«

Tate möchte sein Werk geschlossen verkaufen. Einzelangebote, auch für 5000 Dollar pro Stück, schlug er bislang aus. Ein Exemplar will der schwarze Doodle-Tischler jetzt dem letzten der Kennedy-Brüder, Edward, schenken.

Zuvor aber sollen Zehntausende Amerikaner die komplette Kritzel-Sammlung ihres einstigen Präsidenten sehen -- in John Wannemakers Warenhaus zu Philadelphia.

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