Düne im Garten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 67 / 79

DIENSTLEISTUNGEN Düne im Garten

Ein Hamburger Designer inszeniert Feste wie moderne Theaterstücke. Die Handlung kennen oft nicht einmal die Auftraggeber. *
• aus DER SPIEGEL 50/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Garten der Firmenvilla einer Hamburger Filmproduktionsgesellschaft herrschte ein Gewimmel wie bei Woolworth am verkaufsoffenen Samstag. Mehr als 600 Menschen drängelten sich auf dem hell erleuchteten Grundstück im feinen Stadtteil Rotherbaum.

Eine Stunde nach Mitternacht wurde die fröhliche Stimmung unversehens gestört. Mehrere Uniformierte zwängten sich durch das Gewühl auf dem zertrampelten Rasen. Polizeikommandos ertönten, die Gäste wurden aufgefordert, unverzüglich zu gehen. Weder Empörung ("Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?") noch energischer Protest ("Ich werde mich bei Ihrem Revierführer beschweren") konnten die zielstrebigen Ordnungshüter hindern. Die so abrupt endende Garten-Party wurde von der »Hamburger Morgenpost« zum »Fest des Jahres« erkoren.

Verantwortlich für den rabiaten Einsatz des uniformierten Rollkommandos zeichnete Hilko Hamann, 42. Mit der Handlungsweise seiner Männer war er überaus zufrieden: »Das hat prima geklappt, länger als drei Stunden darf so eine Fete einfach nicht dauern.«

Hamann, von Beruf Inneneinrichter und Designer, hatte die Razzia inszeniert, als überraschenden Schluß-Gag eines aufwendigen Schickeria-Festes - alles bestellt und bezahlt von den gastgebenden Filmproduzenten (Gesamtkosten: 150 000 Mark).

Hauptberuflich betreibt Hamann in Hamburg-Pöseldorf eine Geschenkboutique ("Design Galerie") mit Luxusgütern und Nippes für gehobenen ästhetischen Anspruch, von der italienischen Eismaschine bis zum Hummer aus Muranoglas. Doch immer wieder rufen ihn Gastgeber zu Hilfe, denen es zwar an originellen Ideen, nicht aber am Geld mangelt: Sie lassen feiern, von und mit Hilko Hamann, der die - mitunter abstrusen - Einfälle liefert. Zuweilen nimmt er dabei nur wenig Rücksicht auf die Erwartungen der Gäste.

Als er etwa von einem norddeutschen Industriellen mit Planung und Durchführung eines Sommerfestes beauftragt wurde, ließ er nach dem Aperitif weder Würstchen brutzeln noch Lachshäppchen reichen. Dafür tauchten plötzlich - zum Schrecken der Geladenen - Mitarbeiter der Fast-Food-Kette »McDonald's« auf und boten Hunderte von »Big Mäcs« feil. Als Beilage gab es, in bester amerikanischer Feinschmeckertradition, Softeis aus dem Automaten.

Bei anderen Gelegenheiten ließ Hamann Punker pöbeln, Bodybuilder mit den Muskeln spielen oder Transvestiten mit schüchternen Herren flirten. Zur Jubiläumsfeier einer Filmfirma wurde ein vorher stundenlang auf offenem Feuer gebratener Ochse per Tieflader in den Saal gekarrt, einem anderen Kunden wurden mehrere Ladungen Ostseesand in den Garten geschüttet, den Hamann in eine Dünenlandschaft verwandelte.

Derzeit hat sich der Party-Papst aufs Saison-Geschäft verlegt. In seiner »Design Galerie« offeriert er eine Auswahl lebensnotwendiger Gebrauchsgüter »zum Fest«, wie etwa versilberte Schuhcremedosen oder Eistüten aus Polyester als Christbaumschmuck. Verkaufsschlager ist ein Weihnachtsbaum, der - geschmückt mit Plastikkugeln in grellen Leuchtfarben - kopfüber unter die Wohnzimmerdecke gehängt wird. Für 950 Mark wird das Bäumchen, fertig geschmückt, frei Haus geliefert.

Mitte dieser Woche wird Hilko Hamann auch seine letzte Fete des Jahres organisieren: Eine Hamburger Werbeagentur erbat sich eine originelle Weihnachtsfeier für Mitarbeiter und Kunden. Hamann fand einen Kleindarsteller, der dem Geschäftsführer der Firma täuschend ähnlich sieht - der soll am Eingang dienernd die Billets abreißen.

Ein anderer festlicher Einfall kam bei den Auftraggebern nicht so gut an. Hamann wollte, »um mal was ganz anderes zu machen«, ein Pärchen engagieren, das sich im Laufe des Abends immer näher kommt.

Als der Kunde herausfand, wie hautnah es dabei zugehen sollte, lehnte er diesen Teil des Festplans als zu gewagt ab.

Zur Ausgabe
Artikel 67 / 79