Dunkle Schatten - DER SPIEGEL
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MEDIZIN / KREBS-KONGRESS Dunkle Schatten

• aus DER SPIEGEL 24/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Der Sieg über die Krankheit ist noch fern«, so lautete das Resümee nach einem der größten Wissenschaftler-Treffen, das je in der westlichen Welt abgehalten wurde: dem 10. Internationalen Krebskongreß in Houston, Texas.

Mehr als 7000 Ärzte und Forscher aus 70 Nationen hatten sich Ende letzten Monats in der Stadt der Herzverpflanzungen und der Weltraumfahrt versammelt; doch in den mehr als 2000 Lageberichten von der Front der Krebsforschung war stets nur von kleinen und kleinsten Erkenntnisschritten die Rede, nirgends von einem absehbaren Durchbruch.

Aber deutlich wurde auch, daß jene Waffe im Kampf gegen die heimtückische Krankheit noch nicht hinlänglich genutzt wird, die vorläufig am ehesten Erfolg verspricht: gezielte Krebs-Vorsorgeuntersuchungen.

Seit die US-Ärzte im großen Maßstab Reihenuntersuchungen gegen Gebärmutterkrebs einsetzen (mit dem Pap-Test, einem einfach auszuführenden Zellabstrich aus der Vagina), ist bei amerikanischen Frauen die Todesrate bei dieser Krebserkrankung auf weniger als die Hälfte gesunken.

Die Aussicht, die Heilungschancen durch Reihenuntersuchungen und frühzeitige Diagnose zu erhöhen, deutete sich auf dem Kongreß in Houston auch für eine andere, die nach dem Gebärmutterkrebs häufigste Art von bösartiger Geschwulst bei weiblichen Patienten an: für Brustkrebs. Entsprechende Hinweise erbrachte eine großangelegte Studie, von der die New Yorker Krebsforscher Dr. Philip Strax und Dr. Louis Venet zusammen mit dem Statistiker Sam Shapiro nun berichteten.

Sechs Jahre haben die drei Wissenschaftler eine Gruppe von 31 000 Frauen zwischen 40 und 65 Jahren beobachtet, dazu eine Vergleichsgruppe von nochmals 31 000 Amerikanerinnen gleichen Alters. Bei beiden Gruppen handelt es sich um Frauen, die bei einer großen privaten Krankenversicherungsgesellschaft eingeschrieben sind und sich alljährlich einer generellen ärztlichen Untersuchung unterziehen.

Für die Versuchsgruppe ließen die drei Wissenschaftler den normalen Ablauf der jährlichen Generaluntersuchung durch ein zusätzliches Testprogramm ergänzen: Erfahrene Chirurgen tasteten die Brüste der Patientinnen nach Zellverklumpungen ab, die eine mögliche Geschwulst signalisieren. Außerdem wurden die Frauen mit einer -- erst seit wenigen Jahren möglichen -- Röntgentechnik untersucht, der »Mammographie«.

Dabei werden die weiblichen Brüste in jeweils zwei Ebenen -- von oben und von der Seite -- durchleuchtet. Auf dem Röntgen-Spezialfilm lassen sich sodann Zellverdichtungen als dunkle Schatten erkennen: mögliche Krebsherde, die beim bloßen Abtasten der Brust verborgen bleiben würden.

Insgesamt entdeckten die Mediziner in der Versuchsgruppe während der sechsjährigen Beobachtungszeit 127 Fälle von Brustkrebs. 56mal waren die Geschwulstknoten beim Abtasten aufgespürt worden -- aber in 42 Fällen wäre die Erkrankung ohne Mammographie »mit Sicherheit noch nicht entdeckt worden« (Shapiro).

Bei sieben von zehn Frauen in der Versuchsgruppe konnten auf diese Weise die Zellveränderungen im Brustgewebe entdeckt werden, noch bevor die Krebswucherungen auf die Lymphdrüsen unter den Achseln übergegriffen hätten -- durch solch frühzeitige Diagnose werden die Heilungschancen beträchtlich erhöht. Bei der Kontrollgruppe hingegen wurde nur in 45 Prozent der Fälle der Brustkrebs in diesem frühen Stadium aufgespürt.

»Anlaß zu vorsichtigem Optimismus« las Statistiker Shapiro auch aus dem abschließenden Vergleich der beiden untersuchten Patientinnengruppen: Bei der Kontrollgruppe ohne gezielte Reihenuntersuchungen waren 52 Frauen an Brustkrebs gestorben -- bei den regelmäßig Betasteten und Geröntgten waren es nur 31 Todesfälle.

Die Ergebnisse der New Yorker Studie könnten schon bald den erhöhten technischen und personellen Aufwand rechtfertigen, der mit solchen Reihenuntersuchungen verbunden ist. In der Bundesrepublik freilich -- wo jedes Jahr nahezu 10 000 Frauen an Brustkrebs sterben -- könnte dieser neuen Art von Krebsvorsorge noch ein anderes Hindernis im Wege stehen.

Obgleich Westdeutschlands Frauen schon seit Jahren die Möglichkeit haben, durch alljährliche Pap-Tests einen Gebärmutterkrebs frühzeitig aufzuspüren, erscheinen nur sechs Prozent der erwachsenen Frauen zu dieser Vorsorgemaßnahme beim Arzt.

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