DUNKLE ZEICHEN ÜBER DEM MAGISCHEN UNIVERSUM
Eigentlich ist diese Kritik unnötig. Als ob man noch jemanden auf Harry Potter aufmerksam machen müsste - oder als ob sich ein Fan von Joanne K. Rowlings Zauberlehrling nach Kritiken richten würde; eine gute Million Exemplare des neuen Bandes hat der Verlag erwartungsvoll drucken lassen. Aber wer immer Zweifel gehegt haben mag, sei beruhigt: »Harry Potter und der Feuerkelch« ist mindestens so spannend, erzähltechnisch smart und stilistisch brillant, wie es - zumindest im Original - die ersten drei Bände waren.
Harry nimmt in seinem vierten Schuljahr in Hogwarts am »Trimagischen Turnier« teil, einem Wettstreit zwischen seiner eigenen und zwei ausländischen Zaubererschulen. Die Aufgaben, die ihm dabei gestellt werden, fordern wie gewohnt den ganzen Helden: Er braucht Verstand, Mut, Tapferkeit, Können. Aber auch Instinkt, Glück und vor allem Freunde. Denn während alle im Bann des Turniers stehen, sendet Lord Voldemort, Harrys Todfeind, dunkle Zeichen - er ist keinesfalls besiegt.
Es grenzt an Magie, mit wie viel Akribie und Phantasie (768 Seiten lang!) Rowling auch im vierten Potter-Buch das Reich der Zauberer und Fabelwesen erstehen lässt. Aber nicht nur als Phantasiegeschichte, sondern auch als Jugend- und Internatsroman ist der »Feuerkelch« erstklassig: Harry und seine Freunde wissen zwar, wie man auf einem Besen fliegt, haben aber ganz normale Probleme, eine Begleitung für den Schulball zu finden. Und selbst als Thriller taugt das Buch - wie in allen Vorabmeldungen angekündigt, stirbt einer von Harrys Mitschülern unter geheimnisvollen Umständen.
Einer der wichtigsten Gründe für Rowlings Erfolg ist nach wie vor die erzählerische Kraft ihrer Werke. Mag auch bei der Übersetzung, etwa was die Namen der Figuren betrifft, ein wenig an Eleganz und Hintersinn verloren gehen, so überzeugt die Sprache der Autorin doch durch Charme, staunenswert detailwütige Beschreibungen und knappe, präzise Dialoge. Die Figuren sind dabei außerordentlich vielschichtig und widersprüchlich.
Dazu kommt noch eine verdammt geschickte Dramaturgie. Rowling hat ihr Universum immer im Griff. Mit kurzen Andeutungen verweist sie auf vergangene und kommende Ereignisse und führt die Leser dabei auch gern in die Irre, wenn es um die Absichten und Charaktere bestimmter Figuren geht.
Und wer nach einer Botschaft sucht, findet auch die im »Feuerkelch": Beurteile nie eine Kreatur nach dem ersten Eindruck - und schon gar nicht nach ihrer Herkunft. Harrys Schulleiter setzt immer auf die Einzigartigkeit jedes Individuums; der dunkle Lord Voldemort und seine Anhänger dagegen verachten zum Beispiel alle, die keine »reinblütigen« Zauberer sind, sondern von normalen Menschen abstammen. So ist die Schilderung von Voldemorts Weltbild und Methoden auch eine deutliche, doch nie aufdringliche Warnung vor dem Faschismus. Nur durch starke, gemeinsame Gegenwehr, das zeigt Rowling, ist dem Dämon zu widerstehen. ANKE DÜRR