MUSEEN Durchs Glashaus hinab
Als wäre das Raumschiff Enterprise einem Franzosenherrscher der alten Zeit mitten in die Parade gefahren, so platzt das ätherische Glitzerding ins historische Ambiente - nämlich die Glaspyramide des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei in die dreiseitig umbaute »Cour Napoleon« des Pariser Louvre. Tags reflektiert sie betörend das Sonnenlicht und wirft es auf Wasserbecken nebst Fontänen, nachts leuchtet sie verheißungsvoll von innen.
Ein paradoxes Gebilde ist der geometrische Fremdkörper, 21,5 Meter hoch, in mancherlei Hinsicht. Er düpiert mit seiner Leichtigkeit die Erwartung, eine Pyramide müsse steinern-massiv ausfallen. Er ordnet sich, als neuer Mittelpunkt, der symmetrischen Schloßarchitektur ein und verstellt zugleich den Blick auf sie - unbestreitbar störend, auch wenn das nur eine neubarocke Baugruppe des 19. Jahrhunderts ist. Und zugleich soll die Pyramide den Zugang zu den Schätzen des Louvre, des in ein Weltmuseum umgewandelten Königspalastes, erst richtig erschließen.
In dieser Funktion steht Peis Glashaus auf dem Prüfstand, seit Frankreichs Präsident Mitterrand es letzten Mittwoch seiner Bestimmung übergeben hat. Ein programmatischer Schritt ist damit getan: Die Vision eines (noch weit über den schon bislang einschüchternden Umfang hinaus) ausgeweiteten »Grand Louvre« wird ein Stück Wirklichkeit.
Ab sofort steigt, wer den Louvre besuchen will, nicht mehr auf Stufen zu dessen Eingang empor. Er hat sich erst einmal in die Pyramide hinein- und dort hinabzubemühen. Von drinnen kann er, auch dies ein höchst reizvoller Anblick, durch das Rhombenraster der Glasflächen auf die Palastfassaden zurückblicken. Sodann taucht er, per Roll- oder Wendeltreppe, in eine Atmosphäre zwischen Katakombe und Flughafen-Abfertigungshalle ein.
Denn hier nun erweist sich die oberirdische Pyramide als bloße nach draußen ragende Spitze eines Hohlraums, der sich unter dem Hofniveau noch mächtig dehnt und allseits verzweigt. Mit hellgelbem Stein, ähnlich dem des alten Louvre, hat Architekt Pei ein vielfach abgeschrägtes, kassettiertes und unterteiltes Raumgebilde zuwegegebracht, Platz für Ticketschalter und Garderoben, für Buchhandlung, Cafe und Restaurant und vor allem ein Wegekreuz gegenwärtiger und künftiger Besucherströme.
Nach rechts, vom Pyramideneingang aus gesehen, geht es zur »Grande Galerie« mit den berühmtesten Gemälden des Hauses wie der am angestammten Platz weiterlächelnden »Mona Lisa«. Links ist bis auf weiteres noch zu; denn im Louvre-Flügel dort sitzt das französische Finanzministerium - nun freilich auf Abruf. Schon 1986 hatte der sozialistische Minister Pierre Beregovoy mit der Räumung für Museumszwecke begonnen, dann legte sich sein konservativer Nachfolger quer. Neuerlich im Amt, will Beregovoy bis Juli ausgezogen sein.
Rückwärtig soll eine kulturelle Boutiquen-Passage die Verbindung mit einer geplanten Tiefgarage herstellen. Geradeaus jedoch, nach Osten, marschiert der Besucher seit letzter Woche geradewegs in eine lang verschüttete frühe Geschichte des Louvre hinein. Suggestiv tut sich ihm in diesem neu erschlossenen Souterrain die bald 800jährige einzigartige Tradition des Ortes auf.
Ausgrabungen im ältesten Palastbereich hatten zu den frühen Etappen der »Grand Louvre«-Unternehmung gehört (seit 1983). Sie legten gewaltige, bis neun Meter hohe Mauerzüge frei, die sich jetzt einer nach dem anderen wie Stein gewordene Zeitschichten durchschreiten lassen. Vorbei an massiven Substruktionen der Zeit Ludwigs XIV. gelangt man zu den imposanten Resten jener Burg, die König Philipp August um 1200 erbauen ließ: erst an ihrer turmbewehrten Außenwand entlang, dann, durch einen schmalen Durchlaß, zum Stumpf des inneren Burgturms. Reichlich angefallene Einzelfunde werden im benachbarten »Saal Ludwigs des Heiligen« gezeigt, als prächtigster ein aus vielen Fragmenten restaurierter Goldhelm Karls VI. (um 1400).
Ausgehend von diesem Kernbau, hat sich der Louvre im Lauf von Jahrhunderten weitläufig vergrößert, anfangs als Schloß, ab dem Revolutionsjahr 1793 als Museum. Erst Napoleon III. vollendete die Verbindung mit dem westlich vorgelagerten Tuilerienschloß (das 1871 dem Kommune-Aufstand zum Opfer fiel). In schier unendlichen Saalfolgen sind Kunst und Kunstgewerbe seit dem frühen Altertum zu bewundern.
Jetzt wieder ein Teil mehr, und nicht nur in den Grüften der Ausgräber, in zugehörigen Räumen mit einer Dokumentationsschau zur Geschichte des Hauses sowie in Sälen für Wechselausstellungen, wo von diesem Mittwoch an den »Stiftern des Louvre« (seit 1793) gehuldigt wird. Auch sind bisherige Eingangsin Schauräume umgewandelt, und hoch im Ostbau des Palastes hat die Gemäldegalerie einen seit Jahrzehnten unbenutzten Trakt neu erobert.
Hier glänzt nun die französische Malerei von ihren Anfängen bis ins 17. Jahrhundert. Über 100 Werke, vor allem barocke Heiligen- und Schlachtenbilder in Formaten von maximal fünf mal zwölf Meter kamen endlich aus den Depots hervor. Jüngere Kunst der grande nation wird sich künftig in benachbarten Sälen ausbreiten. Niederländische, deutsche und englische Malerei hat ihre vorgemerkten Plätze im jetzigen Finanzministerium. Wenn der Grand Louvre fertig ist, gegen Ende des Jahrhunderts, sollen insgesamt 4100 Bilder hängen, doppelt so viele wie bisher, und 1400 statt 1000 Skulpturen aufgestellt sein.
Wahrhaftig, dem Besucher wird viel geboten - und einiges auch zugemutet. So hat der Pyramiden-Eingang auch manchen Widersinn zur Folge. Früher sah sich der Eintretende gleich der antiken Marmorskulptur der Nike von Samothrake auf dem Absatz einer Monumentaltreppe gegenüber. Nun muß man sich erst einmal auf unterirdischen Schleichwegen zu dieser effektvollen Begrüßung hindurchfinden. Und arg labyrinthisch bleibt der Rundgang zumindest bis zur Öffnung sämtlicher Louvre-Räume oder bis zur Erfindung eines schlüssigen Wegweiser-Systems. Noch läuft auch der gutwillige Kunstfreund treppauf, treppab in viele Sackgassen.
Eine gute Aussicht: Abseits vom neuen Haupt-Entree soll die Neben-»Porte Jaujard« des südwestlichen Louvre-Flügels wieder geöffnet werden. Letzten Donnerstag staute sich, bei kostenlosem Eintritt, vor dem Nadelöhr einer einzigen Pyramiden-Drehtür eine vielfach gewundene, mehrere hundert Meter lange Warteschlange. #