GEHEIMDIENSTE Dynamit vom Dichter
Ein trockener, eisiger Polarwind heulte um das verschneite Dorf im besetzten Norwegen. Die frierenden deutschen Wachtposten beobachteten den klaren nächtlichen Himmel. Aus der Ferne näherte sich das Dröhnen feindlicher Flugzeuge. Hoch über den Köpfen der beiden Soldaten drosselten sie die Motoren und begannen zu kreisen. Doch es fielen keine Bomben.
Stattdessen glitten Hunderte winzige Fallschirme so langsam zur Erde, dass ihre Last manchmal aufrecht im Schnee stecken blieb. Die Päckchen enthielten eine Stange Dynamit, einen Zünder und eine Anleitung zur Sabotage. Bestimmt waren sie für stille Widerständler, die sich zum Kampf gegen die Besatzer entschließen wollten. Ein Stück Schokolade sollte Kinder wie Erwachsene zur Suche nach weiteren »Ostereiern« dieser Art ermuntern.
Dieses unwahrscheinliche Szenario findet sich in dem heute nur noch selten gelesenen Buch »Der Mond ging unter« des amerikanischen Schriftstellers und späteren Nobelpreisträgers John Steinbeck aus dem Jahr 1942. Doch es handelte sich um weit mehr als nur um einen höchst erfolgreichen Roman. Jetzt im amerikanischen Nationalarchiv aufgefundene Dokumente erhellen die Hintergründe der Entstehung des Textes: Er war - wohl einmalig in der Literaturgeschichte - als Blaupause für eine Kriegsoperation des US-Geheimdienstes gedacht.
Kontakt zum Weißen Haus unterhielt Steinbeck seit dem Frühsommer 1940. Nach einem Aufenthalt in Mexiko warnte er Roosevelt vor dem erschreckenden Einfluss der Nazi-Propaganda in Mittelamerika. Kurze Zeit später riet er dem Präsidenten, Deutschland mit Falschgeld zu überschwemmen, um Hitlers Eroberungszug zu stoppen. Roosevelt gefiel dieser »tödliche kleine Plan«, wie Steinbeck notierte, doch »Geldleute« wie Finanzminister Henry Morgenthau lehnten ihn ab.
Offenbar erfüllte sie allein der Gedanke an einen solchen Missbrauch von Zahlungsmitteln mit Schrecken.
Steinbecks Vorstöße in die Politik trugen ihm anscheinend den Ruf eines Experten für Propaganda und psychologische Kriegsführung ein. Im September 1941 erreichte ihn ein »Wunsch, der auf einen Befehl hinauslief«, sich zu einer Konferenz in Washington einzufinden. Er habe nämlich, vertraute er seiner literarischen Agentin geheimnisvoll an, »gewisse Vorschläge« gemacht. Innerhalb weniger Tage siedelte Steinbeck von der West- an die Ostküste um. In Kalifornien zurück blieb seine Ehefrau; nach New York begleitete ihn seine Geliebte Gwendolyn Conger. Sein mysteriöser Gesprächspartner in Washington war Roosevelts neuer Geheimdienstchef William ("Wild Bill") Donovan.
Worüber sie sich bei ihrem Treffen unterhielten, geht aus den jetzt zugänglichen Aufzeichnungen erstmals hervor: Steinbeck unterbreitete einen Plan für die »Organisation, Bewaffnung und Nutzung einer großen Anzahl Menschen in den besetzten Gebieten Europas«, einschließlich aller Einzelheiten zu »Technik und Material«. Donovan heuerte den Schriftsteller auf der Stelle an. Regisseur John Ford, Leiter der Filmabteilung des Nachrichtendienstes, erhielt den Auftrag, das erforderliche Offizierspatent zu beschaffen. Steinbecks Wahl fiel auf die Navy; nach seinem Geschmack konnte nichts mit den schicken Marineuniformen konkurrieren.
Gleichzeitig erklärte Steinbeck seine Absicht, einen Teil der vorgetragenen Ideen als Erzähler zu verwenden. Donovan war einverstanden und erbat ein Exemplar des Manuskripts. Steinbeck hatte in New York mit Flüchtlingen aus den besetzten europäischen Ländern - Norwegern, Dänen, Franzosen - Bekanntschaft geschlossen. »Ihre gesamte Energie war darauf gerichtet«, erinnerte er sich später, »den Untergrundorganisationen zu helfen, die den deutschen Besatzern heldenhaften Widerstand leisteten. Ich war völlig fasziniert von diesen Organisationen, die ihre Niederlage auch dann noch nicht eingestanden, als die Deutschen längst durch ihre Straßen patrouillierten.«
Freilich wurde Steinbeck nicht zum anerkannten Geheimagenten: Konservative Militärs torpedierten die Verleihung des Offizierspatents an den sozialkritischen Schriftsteller. Auch löste sein Manuskript, als es nach Umwegen im Februar 1942 das Hauptquartier des Geheimdienstchefs erreichte, keine Begeisterung aus. »Ich habe Ihr Manuskript gelesen«, beschied Donovan den Autor kühl. »Falls Ihre Idee zu irgendetwas taugt, dann wohl nur für einen Roman. Niemand glaubt, dass sie je erprobt würde.«
Das Buch »The Moon Is Down« erschien kurz darauf, und bereits im ersten Jahr erreichte es eine Auflage von einer Million Exemplaren. Steinbeck betrachtete es jedoch nicht als Kunstwerk, sondern als »Beitrag zu den Kriegsanstrengungen«, eine »gute und patriotische Sache«.
Den norwegischen Widerständlern wird in Steinbecks Roman geraten, sich nicht zu erkennen zu geben und die abgeworfenen Dynamitstangen nicht zu übergroßen Aktionen zu benutzen. »Arbeitet nachts«, »unterbindet den Transport«, heißen einige Stichworte der fiktiven Sabotageanleitung. »Brücken. Beschädigen, nicht zerstören«, »Telegrafenstangen ... Bahnübergange, Güterwagen«, lauten andere.
»Das kleine Buch wurde in die besetzten Länder geschmuggelt«, schrieb Steinbeck in einem Nachkriegskommentar. »Es wurde kopiert, vervielfältigt, in Kellern auf Handpressen gedruckt. Ich habe sogar ein handschriftliches Exemplar gesehen, abgeschrieben auf Abfallpapier und mit Zwirn zusammengeheftet.«
Die Deutschen hätten den Roman jedenfalls nicht als unrealistisch abgetan, vielmehr den Besitz der Schrift im besetzten Europa als todeswürdiges Verbrechen angesehen und entsprechende Urteile auch vollstreckt, behauptete der verbitterte Schriftsteller mit Seitenblick auf den US-Geheimdienst.
Dass seine Idee einen späten Triumph erlebte, dürfte Steinbeck nie erfahren haben, blieben die einschlägigen Geheimdienstakten doch zeit seines Lebens verschlossen und versiegelt. Sonst hätte er erfahren, dass zu den Lesern des Romans auch Winston Churchill gehörte. Als die Alliierten überlegten, wie sie das Millionenheer der Fremdarbeiter im Reichsgebiet zu ihren Kriegszwecken nutzen könnten, erinnerte sich der britische Premier an Steinbecks Widerstandswerk.
Die Geschichte inspirierte Churchill zu einem Gemeinschaftsunternehmen des amerikanischen Geheimdienstes OSS und der britischen Spezialtruppe für verdeckte Operationen SOE. Die Aktion erhielt den Codenamen »Braddock II«. »Es war die erfolgreichste Operation dieser Art«, urteilt Christof Mauch, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington und Verfasser zahlreicher Geheimdienststudien.
Am 25. September 1944 wurden im Gebiet von Mainz und Frankfurt am Main über Vierteln mit vielen Fremdarbeitern erstmals 250 000 zur Sabotage verwendbare Brandsätze abgeworfen. Am selben Tag strahlten britische Rundfunksender einen Appell des alliierten Oberbefehlshabers General Eisenhower auf Deutsch und in mehreren anderen Sprachen aus.
Darin rief er Fremdarbeiter und Nazi-Gegner dazu auf, die deutsche Kriegsindustrie durch Sabotageaktionen zu schwächen und dadurch zur Verkürzung des Kriegs beizutragen. Beobachter berichteten von Feuern, die mit Hilfe der Brandsätze entfacht worden seien, und das Reichssicherheitshauptamt zeigte sich alarmiert. »Angesichts der scharfen Repressionen der Gestapo«, resümiert Mauch, »war das Projekt einer Erhebung der Fremdarbeiter gegen Hitler de facto jedoch eine Illusion.«
In einer feierlichen Zeremonie erhielt John Steinbeck im November 1946 in Oslo von König Haakon VII. für seinen Roman »The Moon Is Down« das Freiheitskreuz. Die Auszeichnung wurde nur an einen bestimmten Personenkreis verliehen: an die Heroen des norwegischen Widerstands. AXEL FROHN