FERNSEHEN / Telemann EDELWOLF
Hinter der Reichskanzlei - Berlin W 8, Voßstraße 2/6 - stand eine
alte Windmühle, deren Geklapper dem Führer so lästig fiel, daß er Befehl gab, sie zu erwerben und abreißen zu lassen. Doch der Müller wollte von einem Verkaufe nichts wissen. Schließlich bestellte Adolf Hitler den Widerspenstigen zu sich und drohte, er werde ihm die Mühle nötigenfalls mit Gewalt abnehmen. »Ja«, lachte darauf der Müller, »wenn das Reichsgericht nicht wäre!«
Oder: Ein junger Offizier der Leibstandarte, den Hitler, wie es seine leutselige Art war, ins Gespräch zu ziehen pflegte, wagte einmal die Frage: »Wann werden wir in Polen einmarschieren?« - »Kann Er schweigen?« fragte Adolf Hitler zurück. »Wie das Grab, mein Führer.«
- »Ich auch.«
Oder: Das alte Kräuterweiblein aus dem Bayrischen Wald, das, als es von des Braunauers Hinschied erfährt, in den Wehruf ausbricht: »Wer soll künftig die Welt regieren?« - diese und ähnliche Passepartout -Anekdoten werden in künftigen Schulbüchern gar niemals zu finden sein.
Denn: Im Deutschen Fernsehen läuft eine vierzehnteilige Dokumentarserie mit dem Titel »Das Dritte Reich«.
So wird der Zöllnersohn Adolf auch nicht in jenes mystische Dunkel gehüllt sein, das früheren Massenbewegern so gut zu Renommee steht.
»Manchmal überschleicht mich geheimer Zweifel, ob ich ihn wirklich selbst gesehen, ob wir wirklich seine Genossen waren ... Sein Name schon klingt uns wie eine Kunde der Vorwelt ...« schrieb Heinrich Heine 1827 über Napoleon Bonaparte. Ja, ein Bibliothekar mit Namen Pérès stellte 15 Jahre nach des Korsen Tod - dem gleichen Zeitraum, der uns heute von Hitler trennt - die literarische Betrachtung an, ob nicht der Name Napoleon eine Abwandlung von Apollon und der kaiserliche Lebensweg (Geburt auf einer Insel, Aufstieg zum Zenit des Ruhms, Kampf gegen den Winter, Untergang in westlichen Meeren) die Wiederkunft einer alten Sonnen-Mythe sei. Die Zeiten sind vorüber.
Adolf, auf gut gotisch immerhin gleichbedeutend mit »Edelwolf«, hat keinerlei Aussicht, im Nebel der Götter- und Heldensagen zum Heroenbild heranzuwuchern. Seit die Historie nicht mehr Sache der Historiker, sondern der Photographen ist, und, via Television, zum Abendessen gereicht werden kann, weiß der Nachfahr genau, wen oder was der Vorfahr einst angehimmelt hat. Und wenn er ein unbefangener Nachfahr ist, sieht er die Geschichte so:
Da waren, lehrt ihn Vaters Elektronenröhre, Leute in langen Stiefeln, die trugen silberne Totenköpfchen über der Stirn und bildeten, aus der Vogelschau betrachtet, große Vierecke. Wenn Bierzelt-Musik gespielt wurde, bewegten sich diese Vierecke fort, sonst standen sie still.
Ferner waren da Männer, die schrien sich heiser, obwohl es genügend Mikrophone und Lautsprecher gab; schrien so seltsame Sätze wie »Die Partei ist Hitler, Hitler aber ist Deutschland, wie Deutschland Hitler ist«. Nur einer schrie etwas gepflegter, der hieß Joseph Goebbels und hatte ein schlimmes Bein.
Einem aber begegnete man immer wieder. Der trug ein komisches Bärtchen und schrie am heisersten. Und wenn ihm die Vierecke besonders laut zujubeln sollten, machte er die Finger steif und fuhr damit ein paarmal durch die Luft, wie ein Spielzeug-Trommler, der, nachdem sein Uhrwerk schön abgelaufen ist, einen Stups bekommen hat. Das war der Führer.
Wenn der jugendliche Nachfahr solches wahrnimmt, wirft er Vater und Mutter, die da, als Augenzeugen der Anklage, leidvoll mit den Köpfen nicken, diesen und jenen verwunderten Seitenblick zu; erkennend, daß die Einhaltung des Vierten Gebots nicht immer ganz leicht ist.
Die Eltern aber denken, was die »Frankfurter Allgemeine« nach der Sendung des ersten Filmteils geschrieben hat, nämlich, daß man den Nachgeborenen, zum besseren Verständnis des Phänomens »Drittes Reich«, noch deutlichere Hinweise geben müsse, besonders was die Vorgeschichte anbetrifft Man muß das der Jugend erklären, so denken sie, vielleicht begreift sie dann - vermöge ihrer Unbefangenheit -, was zu begreifen uns Dabeigewesenen so schwerfällt.
Nun - sie wird es nicht begreifen, die Jugend. Und das TV-Historikerteam wird auch in den kommenden Fortsetzungen nicht in der Lage sein, das Geheimnis der zwölf braunen Jahre so behutsam zu lüften, daß die ältere Generation ihre Selbstachtung und die jüngere ihren ehrfürchtigen Augenaufschlag wiederfinden. Wozu auch?
Was eine moderne Vergangenheit ist, die bewältigt sich sozusagen von allein; man braucht sie nur für ein Weilchen in Filmbüchsen einzuwekken.
Wenn es gelingt (und bis jetzt ist es gelungen), die Nazizeit als altersfleckiges Abnormitäten-Kabinettstück zur Schau zu stellen, braucht den Sendern Stuttgart und Köln um ihre dokumentarische Mission nicht bange zu sein. Ist es doch schon sehr nützlich zu wissen: Adolf Hitler war ein Mann, der seine eigene Karikatur - Charlie Chaplins »Großen Diktator« - innerhalb von 15 Jahren eingeholt, ja übertroffen hat.
Merke: »Das Großartige an der Vergangenheit liegt darin, daß sie schon vorbei ist« (A. J. P. Taylor, britischer Historiker).