Eduard Pestel über Strasser / Traube: »Die Zukunft des Fortschritts«
Wenn Autoren viel gelesen haben und nicht der Versuchung widerstehen können, dies alles neben ihren eigenen Gedanken dem Leser mitzuteilen, ist das Entstehen eines Wälzers unausweichlich.
Als ich das Buch von 410 engbedruckten Seiten zum erstenmal Wort für Wort durchgearbeitet hatte, konnte ich ob der vor mir liegenden Aufgaben der Rezension nur stöhnen: Hätten Strasser und Traube doch bloß an ihrer ursprünglichen Absicht festgehalten, ihr Anliegen in einem knappen Kompendium abzuhandeln! Sie hätten dann auch ihre wesentlichen Zielgruppen, die überbeschäftigten Pragmatiker im SPD-Vorstand und in der Führungsspitze der Gewerkschaften, besser erreicht. Der Bundeskanzler wird lesen lassen müssen.
Das Buch ist nach einer ausführlichen Einleitung in zwei Teile gegliedert, Teil I: Kritik der heutigen Industriegesellschaft, und Teil II: Die Alternative.
Die Einleitung ist aufschlußreich, nicht zuletzt über die Autoren selbst. Sie verstehen sich den undogmatischen (?) linken Gruppen zugehörig, die versuchen, radikal-demokratisches und sozialistisches Gedankengut miteinander zu verbinden: Demokratisierung aller Lebensbereiche als zentrale politische Forderung; daraus folgend Vergesellschaftung der Produktionsmittel, demokratische Wirtschaftsplanung, Ausweitung der Bürgerbeteiligung in den Kommunen, formale und inhaltliche Demokratisierung des Bildungswesens und die Unterstützung der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt.
Sie sind davon überzeugt, »daß die Ökologieproblematik, insbesondere, wenn sie aus der verbreiteten biologistischen Verengung gelöst und zur Kritik des Industrialismus erweitert wird, 'linke' Lösungen verlangt, d. h. Lösungen, die auf mehr Demokratie, mehr selbstorganisierte Gestaltung der Lebensbedingungen, mehr Gleichheit, aber auch mehr bewußte Planung der übergreifenden Strukturen hinauslaufen«.
Um nicht im Abstrakten hängenzubleiben, werden die Autoren konkret: »In der Praxis heißt das z. B. der Kampf gegen die Plutoniumwirtschaft und gegen Berufsverbote.« Wie einfallsreich, ausgerechnet gegen zwei Pappkameraden schießen zu wollen. Denn in der Bundesrepublik gibt es weder die Plutoniumwirtschaft noch Berufsverbote.
Leider wird schon in der Einleitung eine Untugend der Autoren sichtbar: Sie beschränken sich auch da nicht auf eine unpolemische Darstellung, wo sie -- wie beispielsweise bei der Behandlung der Wachstumsfrage -- über teilweise gute Argumente verfügen. Aber sie selber untergraben ihre Glaubwürdigkeit ständig dadurch, daß sie ihre eigene Überzeugung in kraftmeierische Phrasen kleiden: »Wir sind davon überzeugt, daß die Alternative zur Inhumanität des Kapitalismus jenseits des industriegesellschaftlichen Wachstumsfetischismus zu suchen ist, daß Reibach und Raubbau -- an der Natur und am Menschen -- zusammenhängen und darum nachhaltig auch nur zusammen überwunden werden können.«
Ich empfand es ständig als Ärgernis, daß die Autoren den Leser immer wieder mit langatmigen Argumentationsketten traktieren, die sie anschließend jeweils in einer These zusammenfassen, um so den Eindruck des Faktischen zu erwecken -- auch wenn in der gesamten Erörterung Fakten überhaupt nicht vorkommen. Am Ende solcher Betrachtungen ziehen Strasser und Traube aus den Thesen Schlußfolgerungen, welche die Autoren als Champions des wahrhaft Humanen ausweisen. Wer kann dann noch dagegen argumentieren, ohne von vornherein am kürzeren moralischen Hebel zu sitzen?
Es ist im Hinblick auf den Titel des Buches kein Zufall, daß das erste Kapitel der Erörterung des Fortschritts gewidmet ist. Neben fundamentaler Kritik an Marx finden die Autoren hier auch einmal trefflichen Anlaß, einige Thesen zur Gestaltung des Fortschritts in der Zukunft zu formulieren, die des Beifalls von allen Seiten sicher sind.
Hier nur eine Kostprobe: »Nicht Technikfeindschaft gilt es gegen naive Technikgläubigkeit zu setzen, nicht die Ablehnung ökonomischen Denkens gegen den grassierenden Ökonomismus, nicht die Verteufelung institutionalisierter Ordnung gegen die Übermacht bürokratischer Apparate.«
Bei so schönen Sätzen würden sich nicht nur die Hände der SPD-Führung trotz ihrer angeblichen »Verständnislosigkeit« zum Beifall regen, auch die FDP- und CDU/CSU-Spitzen würden hier kaum zurückstehen wollen. Letzteres würden Strasser und Traube allerdings nur mit Verachtung zur Kenntnis nehmen: Die FDP wird nämlich in ihrem Buch mit totaler Nichtbeachtung bestraft, den Unionsparteien wird mit einigen unbedeutenden Nadelstichen indirekt klargemacht, daß sie zu den hier angesprochenen Problemen gar kein Verhältnis haben können.
Zurück zu den zitierten »schönen« Sätzen. Was geben sie noch her, wenn man sie hinterfragt: Wer will denn überhaupt die Extreme, die da einander gegenübergestellt werden? Man nenne mir in politischer oder wirtschaftlicher Verantwortung stehende Menschen, die »von naiver Technikgläubigkeit« erfüllt und einem »grassierenden Ökonomismus« verfallen sind. Solange man diesen Attributen die gängige Bedeutung unterlegt, dürfte dies kaum gelingen. Mit ihrem semantischen Verständnis dürften die Verfasser jedoch kaum Schwierigkeiten haben, Dutzende für unser Gemeinwesen verantwortliche Männer und Frauen zu nennen, die solche Qualifikation besitzen.
In ihrer Kritik des Industrialismus ordnen die Autoren der »Trennung von S.222 Produktion und Konsum« eine zentrale Stellung zu: Sie »ist nicht nur die Wurzel der Frustrationsmechanismen in der Konsumgesellschaft, sie ist überhaupt konstitutiv für die Industriegesellschaft: Ungehemmte Arbeitsteilung, ständige Erhöhung der Produktivität, Umformung der Arbeit wie nahezu aller Produkte in Ware, Verselbständigung der Technik, der ganze entfremdende Rattenschwanz ist angewachsen an der Trennung von Produktion und Konsum, dem Urelement des Industrialismus«.
Dann kann auch die weitere These nicht mehr überraschen: »Diese radikale Durchsetzung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist das Äquivalent der radikalen Trennung von Produktion und Konsum, und damit auch das Äquivalent einer alle Lebensbereiche erobernden Marktwirtschaft. Sie hinterließ den Berufsarbeiter, der sein Leben nur durch Kauf von Waren, von Gütern und Dienstleistungen gestalten kann ...«
Hier tritt eine so kompromißlose Logik zutage, daß die Autoren zur Überwindung des Industrialismus ehrlicherweise auch die Rückkehr zur mittelalterlichen Subsistenzwirtschaft fordern müßten. Aber soweit wollen die Verfasser wohl doch nicht gehen.
Was sie wollen, das lesen wir in Teil II. Bescheidenerweise erheben Strasser und Traube »nicht den Anspruch, die Zukunft, die eine Lösung aller gesellschaftlichen Probleme im Detail entwerfen zu können«. Ihnen schwebt vor eine »vernünftige, menschliche und ökologische Zukunftsperspektive, die eine Versöhnung von Mensch und Natur und eine gerechtere und humanere Gesellschaft durch eine alternative Wirtschafts- und Technikkonzeption anstrebt«. Das sind die Ziele, die im »Ökosozialismus« verwirklicht werden sollen.
Was hier zur Ausgestaltung der Alternative im Allgemeinen wie in Teilbereichen (z. B. Verkehr, Energie, soziale Sicherheit etc.) vorgebracht wird, ist nicht neu -- wie auch die Verfasser freimütig zugeben.
Neu war für mich lediglich die Entwicklung eines strategischen Konzepts für die Veränderung unserer heutigen Wirklichkeit -- oder besser, dessen, was die Autoren dafür halten -- zur ökosozialistischen Alternative.
Für diesen Prozeß werden drei mehr oder weniger aufeinanderfolgende Phasen vorgesehen: Die erste wird als Phase des qualitativen Wachstums umschrieben und dürfte -- orientiert man sich an den vorgeschlagenen Maßnahmen etwa in der Energie und Verkehrspolitik oder im Städtebau -- bis in den Beginn des nächsten Jahrhunderts hineinreichen. Sie soll auch der Einübung einer Kooperation der Gewerkschaften »mit der Ökologie- und Alternativbewegung und den ökologisch S.223 orientierten Sozialisten in der SPD« dienen.
Im übrigen laufen die Autoren mit den meisten ihrer Anregungen für die erste Phase offene Türen ein, und das ist wohl auch so gewollt: Bloß keine Panik, kein revolutionärer Umbruch, so was schreckt nur ab.
Die zweite, die eigentlich kritische und entscheidende Phase, die durch »bewußte Bedarfsregulierung und entsprechende strukturelle Veränderungen« wie durch umfassende ordnungspolitische Maßnahmen gekennzeichnet ist, wird nach Ansicht der Verfasser Konflikte mit sich bringen, die »weitaus heftiger und massiver sein werden als in der ersten Phase«. Ohne das Bündnis mit den Gewerkschaften seien sie nicht zu meistern.
»Die dritte Phase führt dann zur umfassenden Herausbildung des Ökosozialismus. In dieser Phase unternehmen die Menschen den Versuch, die Gesellschaft als ganze, ihre Institutionen und das Verhalten der Menschen in ihr nach ökosozialistischen Prinzipien neu zu regeln.«
Also ist der Mensch ein regelbares System? Doch welche Menschen sollen den Versuch unternehmen, das Verhalten der Menschen neu zu regeln, und auf welche Weise? Die Antwort kommt prompt: Bei diesem Veränderungsprozeß bildet »der dialektische Prozeß von Aufklärung und Selbstaufklärung die tragende Grundströmung«. Und das alles soll stattfinden über die »direkte Aktion« und »andere Formen basisdemokratischer Einflußnahme«.
Wie so etwas aussieht, wird beispielhaft am Umwelt- und Arbeitsschutz verdeutlicht, wo auch nichtstaatlichen Organisationen (z. B. Bürgerinitiativen und Gewerkschaften) die Möglichkeit eingeräumt werden soll, »über die gesetzliche Mindestregelung hinausgehende Forderungen durchzusetzen«.
Ich versage es mir, auf ohnehin bekannte Einzelheiten der Alternative kritisch einzugehen. Statt dessen vielmehr einige Anmerkungen zum Grundsätzlichen: In Teil II werden bestehende und wirtschaftliche Institutionen und Instrumente so wie ihr reales Funktionieren kritisch verglichen mit alternativen Utopien, d. h. mit erdachten alternativen Entwürfen gesellschaftlicher und politischer Strukturen und ihrer erhofften Wirksamkeit.
Die Autoren übersehen dabei geflissentlich, daß unsere heutige gesellschaftliche und politische Wirklichkeit auch einmal ihren Ursprung in Utopien hatte, mit denen verglichen sie vieles schuldig bleibt. Ich fürchte, sollte die bei Strasser und Traube beschriebene alternative Utopie wider alle Erwartung einmal Realität werden, sie würde selbst ihren heutigen Verfechtern eine grausame Enttäuschung bereiten.
Fazit meiner persönlichen Beurteilung: »Die Alternative« ist grundsätzlich S.224 machbar. Ob der Weg dahin auf demokratische Weise gegangen werden kann, ist unwahrscheinlich. Daß das Leben der Menschen im Ökosozialismus nicht mehr ein Leben in Freiheit sein würde, daran hege ich nach dem Lesen dieses Buches überhaupt keinen Zweifel.
Ich setze deshalb nach wie vor auf die Anpassungsfähigkeit und Problemlösungskapazität unseres gegenwärtigen Systems, das ein wertvolles politisches und gesellschaftliches Kapital darstellt, mit dem es zu arbeiten gilt. Es als totes Kapital -- zum Beispiel aus Angst vor Reformen -- im Zuge eines an Zielvorstellungen armen Krisenmanagements der allmählichen, aber unausweichlichen Entwertung preiszugeben, kann am Ende dazu führen, daß unsere Nachkommen es eines Tages enttäuscht im Austausch gegen unerprobte gedankliche Konstrukte und Traumgebilde verschleudern.
Am Schluß noch einige Betrachtungen ganz allgemeiner Natur: In diesem Buch wie auch in fast allen einschlägigen Veröffentlichungen dieser Art wird die Schuld dafür, daß angeblich alles inhumaner und ungerechter wird, daß die Menschen zu immer weniger menschlich handelnden Wesen »abgerichtet« werden, in unseren politischen und gesellschaftlichen Institutionen gesucht.
Anstatt jedoch den Schwarzen Peter auf dem Wege institutioneller Veränderungen herumzuschieben, erschiene es mir bedenkenswert, einmal den tieferen Ursachen nachzugehen. Ist nicht die wesentliche Ursache für die beobachtete Malaise unseres Gemeinwesens darin zu suchen, daß in einer Riesenzahl von Familien den Babys und Kleinkindern die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit versagt bleibt? Aus solchen Bedingungen entsteht eben später der Homo consumens, der dann gar nicht mehr um seine wahren menschlichen Bedürfnisse weiß.
Die viel beklagte Konsumwelt hat ihre Ursache nicht in der angeblichen »Abrichtung« des Menschen und der »Vorstrukturierung seiner Bedürfnisse durch das kapitalistische System«. Die Welt wird nur menschlicher, wenn die Menschen es werden, und das wissen auch die Autoren; aber das geschieht im wesentlichen nicht auf dem Wege eines intellektuellen Lernprozesses, und schon gar nicht, wenn der Mensch in seiner frühesten Kindheit kein Vertrauen in die Verläßlichkeit seiner menschlichen Umwelt und dadurch zu sich selbst gewinnen konnte.
Fangen wir also bei der Familie an und suchen wir unser Heil nicht allein in der Veränderung unserer politischen und gesellschaftlichen Institutionen oder gar in der Überwindung des Ökonomismus, des Industrialismus oder wie alle diese Ismen heißen.