SOWJET-GASTSPIEL Eigenarten der Freunde
Am selben Abend, an dem sich das »Berliner Ensemble« dem Moskauer Publikum vorstellte, erwarteten die Abonnenten der Ostberliner »Volksbühne« die erste Gast-Vorstellung eines Moskauer Theaters. Nach zwölf Jahren ideologischer Nachbarschaft und emphatisch bekundeter kultureller Verbundenheit war Anfang Mai dieses Jahres der erste Theateraustausch zwischen der Sowjet-Union und ihren ostdeutschen Gefolgsleuten zustande gekommen.
Die Moskauer Austauschgäste, das »Wachtangow-Theater« - genannt nach dem Regisseur Jewgeni Wachtangow, einem prominenten Schüler der russischen Theaterrevolutionäre Meyerhold und Stanislawski - hatten sechs Inszenierungen mit nach Deutschland gebracht: Vier Schauspiele sowjetischer Autoren (Pogodin, Arbusow, Gorki, Mamin-Sibirjak), das Schauspiel des Dramatikers Eduardo de Filippo »Philomena Marturano« und Shakespeares Komödie »Viel Lärm um Nichts«. Nachdem die sowjetischen Theaterleute ihr Programm an zehn aufeinanderfolgenden Abenden vor Ostberliner Publikum absolviert hatten, zogen sie nach Dresden und Leipzig weiter.
Zurück blieben die sowjetdeutschen Freunde, offensichtlich in einiger Verwirrung. Möglicherweise hätten sie gern dem zugestimmt, was Friedrich Luft in der Tageszeitung »Die Welt« als Fazit formulierte:, »Wenn dies das beste, das Vorzeigenswerteste Theater der Sowjet-Union ist - dann hat sie so gut wie kein Theater.«
Die sowjetischen Gäste, beladen mit dem Ruhm, legitime Nachfolger und Sachwalter des Theatergenies Stanislawski zu sein, waren nämlich mit einigen Inszenierungen angerückt, die aus der Mottenkiste eines Theatermuseums zu stammen schienen. Ihre Darbietungen waren zum Teil bereits vor Jahrzehnten inszeniert worden und seitdem unverändert geblieben.
Das Schauspiel »Der Mann mit dem Gewehr« zum Beispiel, verfaßt von Nikolai Pogodin, wird vom Wachtangow-Theater seit 1937 - mit einigen Umbesetzungen in der gleichen Inszenierung gespielt, Shakespeares »Viel Lärm um Nichts« sogar seit 1936. Ahnungslos rätselte der prominente Ost-Kritiker Fritz Erpenbeck, warum in dieser Shakespeare-Komödie die Rolle des temperamentvollen jungen Liebhabers Claudio mit einem »reifen, fast heldenhaften Mann« besetzt ist. Da er die Sowjetfreunde indes auf keinen Fall tadeln wollte, vermutete er hinter diesem Umstand »ganz bestimmt eine künstlerische Absicht, wenn wir auch nicht erkennen können, welche«.
Auf ähnlich sibyllinische Weise machte ein anderer Ostberliner Kritiker aus seinem Erstaunen über die veralteten Dekorationen, die von den Moskauern mitgebracht worden waren, ein angestrengtes Lob: »Ein abgelebtes Milieu braucht auch eine abgelebte Dekoration.«
Dem Rezensenten der (Ost-) »Berliner Zeitung« war diese Begründung nicht von allein eingefallen, er hatte sie sich erst von den sowjetischen Theatergästen sagen lassen müssen: »Es gab beispielsweise Bühnenbilder, die den deutschen Zuschauer in ihrer Überladenheit mit ausführlichen naturalistischen Details zunächst sonderbar hausbacken und antiquiert anmuteten. Doch dann erfuhr man in einer Aussprache, daß eben dieser üppige Schwulst bedachte Absicht sei.«
Auf solche und ähnliche Weise waren die Ost-Kritiker damit beschäftigt, ihren Lesern plausibel zu machen, aus welchem Grund die Moskauer Gäste so offensichtlich ein antiquiertes Theater darboten. Bei aller eigenen Enttäuschung bewahrten die Kritiker darüber Einigkeit, daß sie den musealen Vorführungen der Moskauer, die sie ihren Lesern in der Theorie jahrelang als ein Vorbild künstlerischer Fortschrittlichkeit geschildert hatten, stets akklamieren müßten.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel kritischer Verlegenheit bot der Kritiker Karl Reinhold Döderlein in der Zeitung der Ost-CDU »Neue Zeit« angesichts der Aufführung des Schauspiels »Stadt in der Morgenröte« von Alexej Arbusow. Es geht in diesem Schauspiel um den Bau einer Stadt in Sibirien. Die Leistung der Schauspieler war zum Verzagen, und so schrieb sogar Döderlein: »Man mag da von Stilbrüchen reden.« Erschrocken über seinen Wagemut fuhr er fort: »Wo sie (die Stilbrüche) aber mit solcher Konsequenz vollzogen werden, verraten sie System.«
Was es mit diesem System auf sich hat, hätte er sich freilich bequem von den Moskauer Gästen erläutern lassen können. In einer sowjetischen Zeitschrift hatte nämlich Ruben Simonow, Oberspielleiter des in Berlin gastierenden Wachtangow-Theaters, kürzlich bekannt: »Es ist kein Geheimnis, daß in den letzten anderthalb Jahrzehnten sehr viele unserer Theater einander erstaunlich ähnlich geworden sind ... Ähnlich sind unsere Theater infolge der gleichen Schüchternheit und Passivität in ihrem künstlerischen Schaffen geworden, infolge der Dürftigkeit und Beschränktheit der Darstellungsmittel und -methoden.«
Zu so harten Urteilen wie in Simonows Selbstkritik fühlten sich die Ostberliner allerdings keinesfalls legitimiert. Resümierte das SED-Parteiorgan »Neues Deutschland« am Ende des Gastspiels: »Es ist nicht verwunderlich, daß uns manche Aufführungen fremd und eigentümlich ankommen.« Das Blatt fand aber, auch derlei Eigentümlichkeit habe »völkerverbindende Kraft«, weil »gerade solche Beispiele die Eigenarten unserer Freunde offenbaren ...«
Ostberliner Kritiker Erpenbeck
»Künstlerische Absicht, aber welche?«
Sowjet-Gastspiel* in Berlin: Stilbrüche mit System
* Szene aus Shakespeares Komödie »Viel Lärm um Nichts": »Verdiente Künstlerin« Zelikowskaja als Beatrice, Schauspieler Malischewski als Graf Claudio