»Eigensinn als Tugend« - DER SPIEGEL
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KÜNSTLER »Eigensinn als Tugend«

• aus DER SPIEGEL 8/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Uwe M. Schneede, 63, Direktor der Hamburger Kunsthalle, über seine neue Monografie »Vincent van Gogh« (Beck Verlag) und die vielen anderen Bücher, die anlässlich des 150. Geburtstags des Künstlers im März veröffentlicht werden -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Schneede, pünktlich zum Jubiläum erscheinen jede Menge Bücher über van Gogh - werden die exzentrischen Qualitäten des Malers nicht doch überschätzt?

Schneede: Mich interessiert vor allem sein immer noch bestürzendes Werk. Wenngleich seine Lebensumstände uns bewegen, ist für mich aber das Entscheidende die heutige Sicht auf diese revolutionäre Kraft von damals.

SPIEGEL: Die worin bestand?

Schneede: In der subjektiven Freiheit bei der Neuerfindung der Moderne. Die klugen Briefe van Goghs an seinen Bruder machen deutlich, wie konsequent er aber die Situation des modernen Künstlers durchdachte. Er wollte die Isolation aufheben, eine Künstlerkolonie gründen. Damit nahm er vieles vorweg, was später für Künstlergruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie etwa »Die Brücke« von Bedeutung war.

SPIEGEL: Seit van Goghs Tod spukt ein anderes Bild in den Köpfen des Publikums herum: Er gilt als halbverrücktes Genie. Schneede: Genial war er sicher; sein gigantisches, großartiges Werk ist ja innerhalb weniger Jahre entstanden. Wie kein Künstler vor ihm hat er sich der Natur ausgesetzt, auch der heißen südfranzösischen Sonne. Er musste ein Teil der Landschaft werden, um sie auf seinen Bildern zum Vibrieren zu bringen. Aber es gibt keine Hinweise darauf, dass er verrückt gewesen sein könnte. Er litt unter Anfällen und konnte dann nicht arbeiten, in den Zeiten dazwischen war er aber sehr klarsichtig und zielstrebig.

SPIEGEL: Van Gogh hat sich immerhin ein Ohr abgeschnitten - und nun soll er kein Irrwisch gewesen sein?

Schneede: Künstlerkollegen bekundeten schon zu Lebzeiten, dass sich van Gogh oft merkwürdig verhalten hat. Bei ihm war der Eigensinn sehr stark ausgeprägt, er passte nicht ins bürgerliche Raster seiner Familie und musste früh Konflikte austragen. Das begegnet uns aber heute auch. Ich bin sogar überzeugt davon, dass gute Künstler absolut eigensinnig sein und an Grenzen gehen müssen - eher eine Tugend also.

SPIEGEL: Ausstellungen über van Gogh sind zurzeit der Hit - die jüngste Schau in Bremen sahen 322 000 Besucher. Ist eine Steigerung seiner Popularität überhaupt noch möglich?

Schneede: Wer weiß? Das hat man vor ein paar Jahrzehnten wohl auch schon bezweifelt. Und dann wurden doch immer stärkere Besucherzahlen registriert und immer höhere Preise für seine Bilder bezahlt.

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