Eigentlich bloß schweigen - DER SPIEGEL
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Biographien Eigentlich bloß schweigen

Als Vorbild der »Lady Chatterley« ist die preußische Offizierstochter Frieda von Richthofen in die Literaturgeschichte eingegangen. Ihre Lebensgeschichte hat jetzt zum erstenmal der Engländer Lucas dargestellt.
• aus DER SPIEGEL 24/1972
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Dies Buch«, so behauptete 1960 im Londoner Obszönitätsprozeß gegen »Lady Chatterley's Lover« die Anklage. »macht Promiskuität und ehebrecherischen Verkehr zu Objekten der Bewunderung.« Und um es zu beweisen, vernahm der Kronanwalt nach ausgiebiger Textanalyse auch noch eine sachverständige Literaturdozentin zur Person von Autor und Heldin:

»Ist er nicht mit der Gattin seines Freundes auf und davon gegangen?' -- »Ja.«

»Hat er sie geheiratet«?« -- »Ja.« »Und ist nicht das ganze Buch diesem Thema gewidmet?« -- »Ja.«

Wahrhaftig ja: Englands literarischer Pionier der Sex-Emanzipation, David Herbert Lawrence (1885 bis 1930), modellierte nicht einmal nur die adlige Ehebrecherin Connie Chatterley, Heldin seines berühmtesten Romans, nach dem Ebenbild jener »wunderbarsten Frau in ganz England«, die er 1912, knapp fünf Wochen nach der ersten Begegnung. seinem Gönner, dem Nottinghamer Linguistik-Professor Ernest Weekley, entführt hatte.

Auch die liebestolle Ursula Brangwen in »Liebende Frauen«. auch die respektlose Ehefrau Tanny Lilly in »Aarons Stab«, auch die »trotzige Seele« Harriet Somers im »Känguruh« und die erotisch hörige Kate Leslie in der »Gefiederten Schlange« -- fast alle seine Heroinen bildete der Romancier dieser geraubten »Bienenkönigin« nach: Frieda Lawrence, geschiedene Weekley, geborene Freiin von Richthofen, Tochter eines beim Glücksspiel heruntergekommenen preußischen Offiziers und Beamten, entfernte Cousine des Weltkrieg-I-Jagdfliegers Manfred von Richthofen.

Was diese Frau an sich hatte, daß sie die Romanphantasie (und die Mannespotenz) des erotomanen »Medizinmanns« -- so T. S. Eliot über Lawrence -- unter den Kulturpessimisten der angelsächsischen Literatur dermaßen zu absorbieren vermochte, das hat nun der Journalist und Fernseh- Dramaturg Robert Lucas in einer ersten Biographie zu ergründen gesucht. Titel der jetzt auch auf deutsch erschienenen Vita, zu der nicht nur Friedas Kinder Montague und Barbara Weekley, sondern auch Lady Lawrences Galan und späterer Gemahl Angelo Ravagli heikle Erinnerungen beigesteuert haben: »Frieda von Richthofen. Ihr Leben mit D. H. Lawrence, dem Dichter der »Lady Chatterley"'*.

»Sie ist die Tochter des Barons ... aus dem uralten und berühmten Geschlecht derer von Richthofen«, so definierte der Bergmannssohn Lawrence selbst, was ihm an ihr so »herrlichst« imponiert hatte. Grünäugig zwar und blond, immerhin aber sechs Jahre älter als ihr 27jähriger Entführer, wirkte Frieda. einer Hausvermieterin zufolge, allerdings auch schon etwas »breit gebaut«, wie eine »faule Katze« mit »plumpen Beinen«.

Das »Charisma« des Romanmodelis á la Lawrence, so sieht es Biograph Lucas' gewann Frieda freilich weder durch Adelsaura noch durch körperliche Reize. sondern durch genialen Selbstbetrug des Romanciers:

Aufgewachsen in der schäbig entstellten Halden- und Förderturmlandschaft des englischen Kohlenreviers, erzogen von einer viktorianisch prüden Mutter, die ihren Mann tyrannisierte, weil der bloß Kumpel war, dürstete David Herbert -- das war sein nie vernarbtes Trauma -- nach elementarer Natur und nach »natürlichen«, soll heißen: gefügigen Frauen.

*Kindler Verlag, München: 370 Seiten; 29,80 Mark

Gleich bei der dritten Begegnung aber, im Frühjahr 1912, bat ihn Frieda zu Bett, und Lawrence, gewöhnt an lauter Liebschaften, die ohne kirchlichen Segen allenfalls Küßchen gewähren, sah in ihr prompt die verkörperte Erfüllung seiner »Moral« von der »Heiligkeit« der Natur-Ehe durch die Weihe des »phallischen Mysteriums«.

Indes, Frau Weekley sah sich etwas anders. Sie »konnte verstehen, daß man stehlen, lügen, morden und, wenn man verheiratet ist, einen anderen lieben kann«. Das mit den anderen jedenfalls hatte sie -- erst, im Wald, mit einem Spitzenfabrikanten aus der Nachbarschaft. dann, in einer Schiffskabine. mit einem kokainsüchtigen Freud-Apostel aus München -- längst probiert und keinen Schaden davongetragen außer der »fanatischen Überzeugung, daß Sex nur »frei' zu sein braucht, um die Welt augenblicklich in ein Paradies zu verwandeln«.

Auch mit dem »Genie« Lawrence hätte sie eigentlich bloß »schwelgen« wollen »in dieser neuen Welt«. Doch wie es das »Diktat des Blutes« ihm befahl, kommandierte der Dichter: »Wir gehen fort; denn ich liebe dich.« Und mehr aus Verblüffung denn aus Neigung folgte ihm die Baronesse und Professorengattin in sein »lausiges« Vagabundenleben, trotz spärlicher Barschaft war sie mit ihm rastlos auf Reisen zu immer neuen mutmaßlichen Naturparadiesen bis nach Australien und New Mexico.

Fügsam war Frieda allerdings nur in den ersten Tagen -- bis sie, von Weinkrämpfen geschüttelt, schon von der ersten Fluchtstation, von Metz aus, nach England zurückzukehren begehrte, um ihren Kindern auf dem Schulweg auflauern zu können.

Als sich derlei Mutterleiden selbst durch, wie Frieda es nannte, »bestialische« Lawrence-Befehle, gefälligst glücklich zu sein, nicht kurieren ließen, begann, so Lawrence, »unser Kampf«. Und wie sie gekämpft haben: mit Stühlen und Bratpfannen, mit Tellern und Schallplatten, einmal sogar mit Morddrohungen, meistens mit Sticheleien wie »Streck deinen dicken Bauch nicht so raus!« (Lawrence zu Frieda) oder »Du sei nur still, sonst kriegen die Leute über dich was zu hören« (Frieda zu Lawrence).

Doch höchstens halbwegs, und das auch nur gelegentlich, gelang es Lawrence, die Widerspenstige mit solchem Materialeinsatz zu zähmen -- etwa als er ihr befahl, zur Strafe für mißratene Versuche an der Nähmaschine den Fußboden zu schrubben, und zwar »auf den Knieen«; wohl schrubbte Frieda, aber Knieen kam nicht in Frage vor diesem »ungehobelten Lümmel«.

Kampf um den Mannes-Supremat. das wurde denn auch das immer neu variierte Thema seiner Erzählwerke, wobei Lawrence sich einen wirklichkeitswidrigen Luxus leistete: Seine Stellvertreterfiguren blieben Sieger im häuslichen Gefecht, »wie Julius Caesar«. Die Kate Leslie in der Erzählung »Die gefiederte Schlange« ließ er die Fußsohlen ihres halbgöttlichen Gatten küssen; beim ehelichen Besitzergreifungs-Ritual willigt sie sogar in den Lust-Verzicht ein.

Das sah ihrem Vorbild Frieda kaum noch ähnlich. Willig war sie Lawrence 1914, kaum zwei Monate nach ihrer Scheidung von Professor Weekley, wohl aufs Standesamt gefolgt. Als dem Schriftsteller jedoch 1925 die Tuberkulose »dritten Grades« und »bestenfalls zwei Jahre zu leben« diagnostiziert wurden, weinte sie zwar »wie eine Besessene« und kaufte ihm Rouge für die verräterisch fahlgrünen Wangen. Damals aber bändelte Frieda auch, in Italien, bereits mit dem Bersaglieri-Leutnant Angelo Ravagli an, einem Vater dreier Kinder, dessen Scheidung sie später aus dem Nachlaß von Lawrence finanzierte.

Auch seine Entthronung hat der Eheherrscher Lawrence literarisch auf seine Weise registriert: Im Roman »Lady Chatterley's Lover« (Erstausgabe 1930 in Florenz) ließ er den Helden Oliver Mellors auf die absolute Unterwerfung seiner adligen Geliebten verzichten und mit ekstatischem Liebesgenuß vorliebnehmen, bei wechselseitiger »Zärtlichkeit« -- »Tenderness«, so hatte der Roman ursprünglich heißen sollen.

Frieda hat es ihm vergolten. Auf ihrer Ranch in Taos (New Mexico) dem Geschenk einer Lawrence-Anbeterin, ließ sie dem toten Poeten 1935 von Nachfolger Ravagli eine Gedächtnis-Kapelle mauern.

Angelo hatte auch die Asche des im südfranzösischen Vence verstorbenen Lawrence in die USA zu schaffen. In der Aufregung des Wiedersehens vergaß Frieda dann wohl die Urne auf dem New Yorker Bahnsteig, fand sie aber unversehrt wieder. Und um die Verbrennungsreste des sterblichen Dichters auf ewig vor Dieben und Fans zu schützen, mischte Angelo die Asche mit Sand. Zement und Wasser zu einem tonnenschweren Altarblock, der noch heute zu besichtigen ist.

»Ich führe das Leben, das ich haben will«, so freute sich die Baronesse noch mit 71 und starb erst sechs Jahre darauf, 1956.

David Herbert Lawrence hatte sein Liebesverhältnis zu Frieda von Richthofen, der er bis an sein Lebensende »passionierte Treue« bewahrte, einst so gedeutet: »Ein Band der Sympathie, von reinem Haß geknüpft.«

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