Eigentlich schüchtern - DER SPIEGEL
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POP Eigentlich schüchtern

Die britische Band Pulp galt lange als Verlierertruppe - nun feiert sie mit romantischem Glamour Triumphe.
• aus DER SPIEGEL 15/1998
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Es dauerte 19 Jahre, bis Jarvis Cocker zum erstenmal ein Mädchen küssen durfte. Schuld an seiner pubertären Einsamkeit waren nicht nur sein langer, dürrer Körper und die unförmige Brille in seinem Gesicht, sondern auch ein Päckchen aus Deutschland. Eine Tante hatte eine kurze bayerische Lederhose geschickt, und der junge Jarvis mußte sie anziehen. »In einer englischen Schule hat ein Junge mit so einer Hose nichts zu lachen - und eine Freundin hat er schon gar nicht«, berichtet Cocker, und seiner Stimme ist die Bitterkeit über jene Zeit noch immer anzuhören.

Der Bursche ist nun 34 Jahre alt, trägt häßliche Brillen inzwischen mit Stolz, und Mädchen, die ihn auf der Straße erkennen, bitten ihn schon mal um ein Autogramm und einen Kuß. Aber wesentlich glücklicher als früher ist er deshalb noch lange nicht. Das merkt man auch »This Is Hardcore« an, dem neuen Album von Cockers Band Pulp - einem Werk, das in der Pop-Nation Großbritannien von Journalisten und Fans beinah hysterisch erwartet wurde. Auch in Deutschland gilt Pulp seit der 1996 erschienenen Platte »Different Class« als Sensationsband, die lässig den romantischen Glamour von Legenden wie Roxy Music und David Bowie zu neuem Leben erweckt.

Zwei Jahre ließen sich Cocker und seine Kumpane für ihren neuen Streich Zeit. Offenbar hatte der Sänger eine Auszeit nötig. Der Albumtitel »This Is Hardcore« spielt nicht nur auf einen gleichnamigen Song an, in dem es um harten Sex geht, sondern auch auf Cockers Leiden: »Einen großen Teil deines Lebens verbringst du damit, dir auszumalen, was alles geschehen könnte, wenn du erst einmal berühmt und erfolgreich bist«, klagt er. »Aber wenn du dort angekommen bist, lichtet sich der Nebel der Illusionen, und die Welt scheint noch viel grauer als zuvor - diese Erkenntnis ist Hardcore!«

Seine Band hat der zur Exzentrik neigende Cocker schon 1978 in Sheffield gegründet. Dann geschah lange so gut wie nichts. Mitglieder kamen und gingen, ab und zu erschien eine Platte mit merkwürdigem Avantgarde-Pop - aber Notiz nahm davon außer guten Freunden und engen Verwandten kein Mensch. Deshalb einigte man sich Ende der achtziger Jahre darauf, das Ganze erst einmal ruhen zu lassen, und Cocker zog nach London, um an der Central Saint Martin's School Film zu studieren. »Ich hätte mich damals natürlich auch erschießen können.«

Immerhin spezialisierte er sich an der Filmschule bald gemeinsam mit seinem Pulp-Freund Steve Mackey auf Pop-Video-Clips. Und während Arbeiten für Aphex Twin, Terry Hall und die Tindersticks endlich Erfolge brachten, wuchs auch die Lust, es noch einmal mit Pulp zu versuchen. Mit wenigen, aber aufwendig in szenierten Auftritten machten sie einige Plattenfirmen auf sich aufmerksam. Pulp erhielt einen anständigen Vertrag und produzierte erste Hit-Singles. Daß die Band nach 15jährigem Bestehen Anfang der Neunziger als Newcomer gehandelt wurde, war nur von Vorteil.

Pulp profitierte vom neu entflammten Nationalstolz der britischen Popfans und der internationalen Begeisterung für das wiedererwachte Swinging London. Und so wurde Cocker sehr spät und plötzlich zum Star. Ein bleicher Dandy, einer, der nirgendwo sonst auf diesem Planeten eine Chance als Sex-Symbol gehabt hätte und dem es mit seinen schnippischen Texten gelang, dem glanzlosen Working-class-Alltag, Fish and Chips und seltsamen Affären Zauber und Charme zu verleihen.

»Common People«, ein Lied über eine arrogante griechische Studentin, die das Pech hatte, Jarvis Cocker über den Weg zu laufen, wurde zur Britpop-Hymne; »Disco meets Jacques Brel« nannte die Musikzeitschrift »Q« Cockers Stilmixtur.

Cocker wurde nun zu so ziemlich jeder Premiere, Modenschau und Vernissage geladen, und er kam so oft, bis ihm die Sache nicht mehr geheuer war. So saß er schlechtgelaunt in der ersten Reihe, als 1996 unter dem üblichen Getöse die alljährlich verliehenen Pop-Trophäen Brit Awards verteilt wurden, und als Michael Jackson quietschend den Moonwalk gab, brannte bei Cocker eine Sicherung durch. Plötzlich sprang er auf und stürmte zum Entsetzen aller Anwesenden auf die Bühne, wo er den »King of Pop« imitierte, bis ihn eine Armee von Bodyguards davonzerrte. Am Morgen danach war Jarvis Cocker als vermeintlicher Michael-Jackson-Attentäter in Zeitungen auf der ganzen Welt abgebildet. »Das war unglaublich dumm und unerklärlich«, findet er heute, »fast ein Jahr konnte ich nicht vor die Tür gehen. Eigentlich bin ich ein schüchterner Mensch.«

Cocker verfiel erst mal in Depressionen und begann dann, sein Leben neu zu ordnen. »Ab 25 ist man eigentlich alt«, hat er erkannt, »Leonard Cohen hat einmal gesagt, ab 35 beginne das Hirn ein Sedativ zu produzieren, das das Altern erträglich macht - darauf warte ich sehnsüchtig.«

Ähnlich abgeklärt gibt sich Cocker auch auf dem neuen Pulp-Album. »Ich bin nicht Jesus, auch wenn ich dieselben Initialen habe«, singt er da. »Ich bin der Mann, der zu Hause bleibt und den Abwasch erledigt.« Um wirklich seinen Frieden zu finden, will er demnächst zu seiner Mutter fahren und die bayerische Lederhose, die immer noch in einem Schrank lagert, verbrennen: »Sonst wird meine Schwester sie eines Tages meinem Neffen anziehen, und das muß ich auf jeden Fall verhindern.«

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