Eigentlich traurig - DER SPIEGEL
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THEATER / GOETHE/MUSCHG Eigentlich traurig

• aus DER SPIEGEL 43/1970
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In Frankreich hat die Revolution gesiegt. Das macht auch deutschen Bauern Mut, gehörig zu »rebellern«. Sie ziehen bewaffnet und bei Nacht vor das Schloß ihrer Herrschaft.

Mit dieser Gewaltaktion freilich wollen die Untertanen nur längst verbriefte Fronerleichterungen durchsetzen. Und bevor noch ein Schuß oder ein lautes Wort gefallen ist, gibt die Gräfin nach: Das maliziös »Die Aufgeregten« genannte Drama schließt »zu allgemeiner Zufriedenheit«.

Dieser idyllische Aufstand fand jetzt auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses statt. Erfinder der Handlung ist Johann Wolfgang von Goethe, der diese »Nachbildung des Zeitsinnes« im Jahre 1792 begonnen hatte, um ein »politisches Glaubensbekenntnis« abzulegen. Doch das »gemütlich tröstliche Geschäft« blieb liegen -- zwei von fünf Akten hinterließ Goethe nur im Entwurf.

Da"s Fragment hat nun der Schweizer Literarhistoriker und Romancier ("Im Sommer des Hasen") Adolf Muschg, 36, zum spielbaren Stück vollendet und verändert.

Daß nämlich der Weimarer Minister zu dem Schluß gekommen war, Revolutionen seien entbehrlich, »sobald die Regierungen fortwährend gerecht sind«, schien Muschg bei seiner Goethe-Lektüre »eigentlich sehr traurig«.

Deswegen verfremdete er den vorgefundenen Dialog zum »bewußten Zitat« in einem politischen Lehrstück, das »Die Aufgeregten von Goethe« heißt. Er straffte und ergänzte ihn, er ließ zwischen den Szenen polltische Gorthe-Maximen ("Die Liberalen mögen reden, die Royalisten müssen handeln") vorlesen, und vollends durch die neu geschriebenen Partien deutete er die Handlung um.

Goethes liberale Gräfin wird so zur machtbewußten Taktikerin, die einfältigen Bauernführer verwandeln sich in manipulierte Werkzeuge der Konterrevolution, der schwadronierende Anstifter, Dorfbader Breme, rückt zum scheiternden Idealisten auf.

Mit einer Frühform des Molotow-Cocktails« in deren Herstellung er die zaghaften Landleute unterweist, will Breme als einziger mehr erreichen, als die Herrschaft zu geben bereit ist: »eine Freiheit aus Fleisch und Blut«.

Doch von allen Mitstreitern verlassen, steht der Chirurgus am Ende so lächerlich auf der Zürcher Bühne, wie es auch Goethe geplant haben könnte: Am Tag nach der Revolution darf er die gnädige Gräfin zur Ader lassen.

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