FERNSEHEN / Telemann EIJEIJEIJEIJEI
Tierpsychologen werden bestätigen, daß es ein leichtes ist, Meerschweinchen dazu anzuhalten, gewisse akustische Signale mit gewissen erfreulichen (Fütterung) oder unliebsamen Geschehnissen (Elektro-Schock) in Gedankenverbindung zu bringen. Und was für den niederen Nager gilt, das gilt erst recht für Telemann.
Es war in den dreißiger Jahren, als er - ein Milchbart noch - jäh den Eindruck gewann, daß es mit der Politik in Deutschland nichts Gedeihliches auf sich habe. Und was röhrte in dieser seiner Erleuchtungsminute aus dem Volksempfänger? »Merci, mon ami, es warrr wunn-derschön...«
Als es in den vierziger Jahren Phosphorbomben graupelte, was brauste da wie Orgelklang über Schutt und Asche? »Davon geht die Welll-t nicht unter... »
Und als in den fünfziger Jahren ein bayrischer Vollblutpolitiker für bundesministrabel erachtet wurde, was erscholl zur nämlichen Zeit und mit des nämlichen Basses Grundgewalt durch die Kinosäle? Das »Ave Maria« von Gounod.
Verständlich, daß Telemann, sonst nicht schreckhaft, zusammenzuckte, als ihm in den sechziger Jahren das
TV-Debüt der sechzigjährigen Monumental-Schwedin Zarah Leander verheißen wurde. Lehrte ihn doch bittere Erfahrung: Oma est omen.
Die Begegnung ("Zarah Diva«, Köln, 26. November, Erstes Programm) ging partiell vonstatten: Zuerst tauchte der Dauerdiva Augenpartie aus dem Schirmdunkel, sodann gaben sich Mund und Nase, ja, schließlich ein statthaftes Fleckchen Dekolleté zu erkennen - nur Zarahs Körperkonturen blieben bis zuletzt in schattiger Ungewißheit. Dort, wo die vertikale Leibesmitte zu denken war, hatte der Dekorateur als Orientierungshilfe ein wenig Flitter befestigt. Das mußte genügen. Nicht zum Gaffen, zum Lauschen war man bestellt.
»Was wisss-en Männnärrr, die Männnärrr von Liebe! Sie schmeißen Geld hin und sagen: Na und?« klagte die Umrißlose und fuhr ohne Scheu vor dem StGB-Paragraphen 175b fort: »Manchmal: möchten wir schreiiiin, doch wir weinen alleiiiin
- und kommen langsam vom Mann
auf den Hund.«
Wenn freilich partnerpflichtige Gesänge wie »Es kommt einmal ein Mannn-e, ein Mann für mich« erklangen, wurde die Szene mit sechs »Jungs vom Ballett« angereichert, die dem Altstimmwunder zu rhythmisch gereichter Zigarettenglut, gymnastischer Umrankung und späterotischem Kredit zu verhelfen sich rackerten.
»Komm, komm, komm, komm, komm!« lockte die Umgaukelte während einer Tanzpause. Doch kaum hatte der Flor potentieller Enkelknaben unter ihrem Busen Obdach gefunden, heischte sie so scham wie schalkhaft: »Nein, nein, nein, nein! Macht euch in Ordnung, wir müssen arbeiten!«
Und das alles mit dem Timbre einer Märchentante, die den bösen Wolf aus Rotkäppchen« besonders eindrucksvoll interpretieren möchte.
Nur als es galt, skandinavischer Heißblütigkeit Spielraum zu schaffen, bedurfte es keiner Beihelfer.
»Er heißt Wall-demar und hat schwarzes Haar« quoll es dumpf aus ihren Tiefen, und zunehmend bacchantischer: »Wallde-marrrr! Eijeijeijeijei!« Und dabei warf sie, als »Heimchen am Herd« kostümiert, synkopisch mit Sauerkraut. »Walldemaaaaar...«
Ein einmaliges Fernseherlebnis! Wäre selbst Telemann geneigt gewesen zu konstatieren - hätte Diva Zarah nicht hart gekontert: »Ich sag' nicht Adieu,
ich sag': Auf Wiedersehn«. Dies aber zwingt zu folgender Untersuchung:
Ist Frau Leander ein sozialer Härtefall? Gibt es materielle Gründe, die dem Sender Köln ein Neu-Engagement zur Christenpflicht machen? Nein.
Besteht ein ideelles Gebot, ihr Wiederauftreten zu gewährleisten? Hatte sie bislang - infolge Kriegswirren oder anderer höherer Gewaltakte - zu wenig Gelegenheit, ihrem Sangeskünstlertum Genüge zu tun? Abermals nein.
Wenn also das karitative Moment der Relevanz entbehrt - warum dann fahrlässig ein Comeback via Television in den Bereich des Möglichen rücken?
Mag sein, daß Telemann sich irrt; daß zwischen den Tieftönen der schwedischen Kolossal-Nachtigall und den Wirr- und Fährnissen deutscher Politik kein ursächlicher Zusammenhang besteht. Mag durchaus sein.
Aber sollte man einem Aberglauben, der so wenig Mühen und Kosten verursacht wie dieser, nicht wenigstens eine Chance geben?
Merke: »Vor Hexkunst und Zauberstück', Zipperlein, ander Wehdam und Schlagflüß' bewahr' uns der heilige Dionys!« (Alte Beschwörformel.)
Zarah Leander