AUSSTELLUNGEN Ein bisschen doof
Über den »Flasche leer«-Spruch von Trapattoni lachte die Republik. Dann kam Horst Hrubesch, der nach dem EM-Spiel Deutschland - Rumänien holperte: »Das müssen wir noch mal paroli laufen lassen.«
Was aber ist davon zu halten, wenn ein Kulturmensch wie der Berliner Kurator Bodo-Michael Baumunk, 47, sich von albernen Kritikern belästigt wähnt und im besten Trapattoni-Deutsch formuliert: »Ich fühle mich ridikül«? Muss die Gelehrtenrepublik da nicht Revue bieten?
Keine Frage: Der Macher der »Sieben Hügel« ist in Bedrängnis. Fünf Jahre lang hat der Augenmensch rund 2000 Exponate »nach haptischen und auratischen Gesichtspunkten« ausgesucht, um die Geschichte des menschlichen Wissens zu dokumentieren. Ergebnis ist eine Data Morgana, die 28 Millionen Mark verschlang.
Dafür rumpelt und blitzt es nun im Martin-Gropius-Bau wie in einer »Wunderkammer« (SPIEGEL 19/2000). Japanische Roboter krabbeln neben Goya-Bildern, sumerische Keilschrifttafeln prangen neben Computerausdrucken. Höchstes Lob ("Focus": »Super-Schau") und vernichtende Kritik ("Zeit": »Dilettantisch, anmaßend, pseudo-philosophisch") hat die am 14. Mai eröffnete Parade geerntet, die letzten Freitag den 100 000. Besucher begrüßte.
Der größte Clou der Ausstellung ist eher unscheinbar. Seit Tagen drängen sich Trauben von Menschen vor einer kleinen Vitrine in der Abteilung »Glauben«. Neben Masken des Voodoo-Kults und tibetanischen Tempellampen liegen 16 merkwürdige Pijökel unter Glas. Daneben steht in schwarzen Lettern: »Mythos Khuza«.
Die Steinfiguren, Ringe sowie ein »kleiner Menhir zu kultischen Zwecken«, heißt es zur Orientierung, seien Relikte eines Steinzeitvolks vom Baikalsee, das traumatisch am Verlust der Mitte litt. Objekt 5/222 zeigt eine »Beschwerdefigur«, an die sich die wegen ihrer »legendären Melancholie sowie ihres sprichwörtlichen Missmuts« bekannten Ur-Sibirier wandten.
Doch die possierlichen Nörgler aus dem Osten haben nie existiert. Khuza ist Kunst, eine Erfindung des Karlsruhers Klaus Heid. Im Jahr 1995, während einer Reise auf die Insel Olchon im Baikalsee, habe er »wertlosen Krimskrams« eingesammelt und mittels der »suggestofiktiven Methode« umgedeutet, erzählt der Aktionskünstler.
Metalldichtungen der sibirischen Eisenbahn wurden so zu »Weltringen«. Presspappenmüll erklärte der Privatmythologe zu »Taschenorakeln«.
»Wegen dieser paar Krümel« (Baumunk), ohne Warnschild in der Hügel-Schau als Realien platziert, tobt nun ein Grundsatzstreit. Es geht um Ironie und tiefere Bedeutung, »Borderline-Archäologie« und die Grenzen der Ästhetik.
Losgetreten wurde die Debatte letzten Dienstag im Wissenschaftsteil der »Süddeutschen Zeitung«. Ressortchef Martin Urban entblößte Khuza als Schabernack und witterte einen Riesenbetrug. Geschickt erweckte der Bericht den Eindruck, als seien die Berliner einem Ethno-Kujau auf den Leim gegangen.
»Wie naiv! In Wahrheit war alles genauestens abgesprochen«- hallte es postwendend aus der Hauptstadt zurück. In Künstlerkreisen ist Heid, 42, als »Saboteur des Realen« gut bekannt. In Karlsruhe hat der studierte Mediziner einen Wegweiser nach Utopia aufgestellt. In seinem Werk »Heilkunst«, einem »Vademecum zur Pathologie des Kunstbetriebs«, empfiehlt er bei einem akuten Anfall von »Geniekult« ein Tässchen Kräutertee.
Wieder mal, hämte tags darauf die »Frankfurter Allgemeine«, sei einer »äußerst süddeutschen Zeitung« eine investigative Großtat gelungen. Der Khuza-Fake habe das Zeug, sich »zu einem Hauptstadtskandal auszuwachsen«.
Das Problem ist damit nicht vom Tisch. Zahlreiche Presseleute (auch des SPIEGEL) sind an den fiktiven Kultbröseln vorbeigelaufen. Im Ausstellungskatalog heißt es nur bräsig, Heid habe den Mythos aus »zusammengetragenen Fundstücken erschaffen - Fremdheitserfahrung als ästhetische Form und Erbe einer musealisierten Religion«. Ist das statthaft?
Nur im Internet, wo die Mär vom Khuza-Volk Dutzende von Seiten einnimmt, ist die Fälschung leicht durchschaubar. Erste Kunde von den traurigen Sibiriern, heißt es dort, habe der »Volkskundler« und Stuka-Pilot Karl Maria Görls geliefert. 1943 über der Krim abgeschossen, sei er, verfolgt von Tataren, ins Baikalgebiet geflüchtet. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1945 konnte er gerade noch ein Werk übers sibirische Neolithikum verfassen, ehe er an Malaria starb.
Suggestofiktiv geht es dann weiter: Heid zufolge erfanden die Olchon-Insulaner die Straße und eine Rechenmaschine. Gleichwohl plagte sie eine »Autoirritationskrise«. Um ihre Schwermut zu beheben, habe das Urvolk »La-Li-Lo« gesungen und einen »Vorläufer des Yoga« entwickelt. Über das Rechtssystem heißt es: »Die drakonischste aller denkbaren Strafen stellte für die Erwachsenen die Namenbeschneidung dar.« Nach dem »Versiegen des Ölfischs«, das die »erste uns bekannte Energiekrise auslöste«, wanderte das Volk aus.
Der Marburger Archäologe Karl Banghard half beim Ausschmücken der Künstlerfinte. Er berichtet im Internet über Khuza-Funde »zwischen Portugal und Jakutien«, zu der auch die »masurische Schwirrkörperkultur« zähle. Immerhin räumt der Autor ein, »dass die symbolische Beliebigkeit der Khuza-Ringe zunimmt, je weiter man sich vom Baikalsee entfernt«.
Reihenweise hat Heid mit seiner Persiflage Gutgläubige gefoppt. Seine Video-Vorführungen, mit denen er durchs Land tingelt, ziehen vor allem Esoteriker an. »Ich trete seriös auf, dann wird die Geschichte langsam aufgelöst«, erzählt er. Am Ende der Happenings macht das Publikum meist lange Gesichter.
Dennoch findet der Kobold bei den Altertumsforschern zunehmend Anklang. Im letzten Jahr war seine Krümelschau - ohne Vorwarnung - im Völkerkundemuseum von Freiburg zu sehen. Auch das Ausstellungsteam aus Berlin - ohnehin zum ästhetisierenden Wirrwarr neigend - zeigte sich begeistert. Nur der Co-Kurator Gereon Sievernich hielt lange dagegen: »Ich war dafür, einen Hinweis anzubringen.«
Wohl wahr. Fakten, Fakten, Fakten, aus fünf Jahrtausenden kataraktartig ineinander getürmt, stürmen auf den Besucher im Gropius-Bau ein. Baumunk spielt den großen Baal, der alles Wissen der Welt verschlingt und als multimediales Konfetti wieder ausspuckt.
Da bleiben Rülpser nicht aus. Als Bahnbrecher der Atomphysik feiert die Ausstellung nicht Ernest Rutherford, sondern dessen Namensvetter Daniel, der 1772 den Stickstoff entdeckte. Ein 3000 Jahre alter goldener Kultkegel aus Süddeutschland wird zum »Hut« erklärt. Chapeau!
Der Computerpapst Joseph Weizenbaum, der die Hügel am 16. Juni bestieg, fand die Schau »ein bisschen doof«. Der Grund: In einem der Schauräume wird sein - vor gut 30 Jahren entwickeltes - dialogfähiges »Eliza«-Computerprogramm präsentiert. Daneben steht eine Tafel mit den Lebensdaten des Urhebers: »Joseph Weizenbaum, 1923 bis 1999«.
Auch zu ihrem Hauptthema, der Zukunft, fiel den Museumsvisionären jede Menge Stuss ein. Allen Ernstes plädieren sie für eine umgehende Besiedlung des Mondes, weil »er nur drei Tagesreisen von uns entfernt« liegt und voller Rohstoffe stecke. Zudem wird gefordert, alte Autoreifen als Raketentreibstoff zu nutzen.
Angesichts solcher Platituden nimmt es nicht Wunder, dass die vorzeitlichen Griesgrame vom Baikalsee nicht weiter auffielen. »Das merkt doch jeder, dass hier Ironie waltet«, meint Baumunk zwar immer noch trotzig. Im Stillen hat er längst zum Rückzug geblasen: »Wir werden ein Schild mit der Aufschrift ,Achtung Satire' anfertigen lassen.«
Doch wo hinhängen? Kritiker der Ausstellung meinen: Am besten über die Eingangstür. MATTHIAS SCHULZ