Ein Gott namens Bob - DER SPIEGEL
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LITERATUR Ein Gott namens Bob

• aus DER SPIEGEL 35/2003
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Wenn die Menschen gleichzeitig den Azteken-Mythos Quetzalcoatl, Jesus Christus und Bob Marley als Götter verehren, kann man sicher sein, dass es auf der Erde etwas anders aussieht als heute. In der postapokalyptischen Welt, die der amerikanische Autor Denis Johnson, 54, in seinem Roman »Fiskadoro« zusammenträumt, sind nur noch Fragmente alter Glaubenssysteme und Gesellschaftsstrukturen erhalten geblieben. Auf den Florida Keys, jener Inselkette am äußersten Südostrand der USA, hausen im späten 21. Jahrhundert nach einem Atomkrieg versprengte Stämme in den Ruinen der alten Zivilisation. Mit einer Klarinette taucht der ungehobelte Fischerjunge Fiskadoro bei einem grüblerischen asiatischen Musiker auf, um bei ihm in die Lehre zu gehen. Aus scheinbar zufällig hingestreuten Erzählsplittern fügt sich allmählich die Szenerie ihres alltäglichen Daseins, und der Leser spürt, wie die zwei und ihre Familien leben, fühlen, ticken. Elegant variiert Johnson dabei das Leitmotiv von Tod und Wiedergeburt einer Gesellschaft: Was bleibt nach dem Ende der Geschichte? Johnsons Antwort: Hunger, Angst und Begehren, die Lust am Rausch und die Trauer um die Toten, das tägliche Schwätzchen und der Glaube an höhere Mächte.

»Fiskadoro«, bereits 1985 in den USA und 1990 erstmals in Deutschland erschienen, liegt nun in einer überarbeiteten Ausgabe vor. Sie macht dieses Frühwerk des Autors, der seit seinem Erzählungsband »Jesus'' Son« (USA, 1992) als Wiedergänger der drogenberauschten Beat-Dichter gefeiert wird, erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. In einer zugleich handfesten und surrealen Prosa, die diese Welt so klar und dennoch unfasslich wie eine Fata Morgana vor dem Leser erstehen lässt, macht Johnson aus seinem trügerisch einfachen Stoff eine Meditation über die Bedeutung von Gedächtnis, Geschichte, Kultur und Spiritualität für den Menschen: ernsthaft und doch versponnen genug, um einem Gott namens Bob Marley zu huldigen.

Denis Johnson: »Fiskadoro«. Aus dem Amerikanischen von UteSpengler und Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Reinbek; 256Seiten; 19,90 Euro.

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