KUNST Ein Hooligan im Hippodrom
Der Bildhauer steht am Abgrund. Die Füße im märkischen Sand, hält Olaf Metzel den rasierten Schädel tapfer in den rauen Februarwind und überblickt von der Oberkante einer steilen Böschung aus das Berliner Brachland zwischen Kanzleramtsneubau und Lehrter Stadtbahnhof. Ein Schritt beiseite, und er würde zur Spree hin abrutschen.
Metzel, 49, steht hier zur Probe: An diesem Platz und mit dieser Position hat er buchstäblich Großes vor. Eine 12 bis 13 Meter hohe Skulptur will er ans südliche Flussufer des so genannten Spreebogens platzieren, und zwar ähnlich kippelig, wie er das jetzt schon mal in eigener Person vormacht. Sein Thema: labiles Gleichgewicht in Randlage.
»Ein Optimum der Kunst« für die Hauptstadt erwartet - mit guten Gründen - das Preisgericht, das Metzels Idee vergangenes Jahr im Namen des Landes Berlin, der Bundesregierung und des Bundestags zur Ausführung empfohlen hat. Kostenrahmen: 1,5 Millionen Mark. Zeitplan: bis 2002, Verzögerungen nicht ausgeschlossen. Nun erlauben bewegte Computersimulationen in einer Metzel-Ausstellung des Darmstädter Instituts Mathildenhöhe eine erste Anschauung von dem Projekt*.
Ein riesiges Knäuel aus blinkenden Metallsträngen schiebt sich über den Rand einer Stützmauer. Zumal bei Nacht dürfte
es phantastisch-irreal wirken - wenn die Gitterstruktur von innen angestrahlt wird. Wie ein Ufo, das unversehens im »Niemandsland« gelandet ist.
Dieser Werktitel kennzeichnet zunächst einmal den Standort der Plastik in einer geplanten Grünanlage - mit Blickkontakt zum mächtigen neuen Kanzleramt, aber innerhalb des abgesteckten Spreebogen-Terrains möglichst weit weg davon. Denn das lang gestreckte Beton-»Band des Bundes« empfindet der Bildhauer geradezu als »die Mauer in groß«; sogar Eduardo Chillidas sechs Meter hohe »Berlin«-Skulptur werde vor der Kanzleramtsfassade zur »Anstecknadel am Jackett« verniedlicht.
Metzels doppelt so große Arbeit aus verzinktem Stahl soll sich gegen die Monumentalbauten »massiv« und zugleich »filigran« behaupten. Aber natürlich: Eine Revoluzzer-Gebärde kann auch sie nicht werden. Schon darum nicht, weil sie gleichfalls in öffentlichem Auftrag entsteht.
Metzel, Wahlmünchner aus Berlin, ist ein politisch agiler Künstler im Niemandsland zwischen Staatstreue und Protest. Statt plakativer Botschaften liebt er mehrdeutige Hinweise auf soziale Spannungsfelder - auf die Gefahr hin, die Beliebigkeit zu streifen.
1987 schon hat er Kurfürstendamm-Passanten mit einer virtuos aus Absperrgittern aufgetürmten Pyramide verunsichert, die an ortsspezifischen Krawall erinnerte, neuen provozierte und schließlich von der Polizei vor erbosten Bilderstürmern geschützt werden musste. Darmstädter Ausstellungsbesucher werden nun auch einen schimmernden Edelstahl-Canyon durchschreiten und sich - falls Metzel nicht doch noch anders entscheidet - durch das Geräusch auf Metall kratzender Fingernägel nerven lassen. Zu dem Titel »Ich kann''s nicht mehr hören« dürfen sie getrost auch andere Empfindlichkeiten assoziieren.
Dem Berliner »Niemandsland« verpasst der Künstler beiläufig den Namenszusatz »Umsonst - draußen«. Das heißt: Außerhalb jeder Museums-Bannmeile, ohne Eintritt zu zahlen, können sich alle an dem neuen Wahrzeichen treffen - müßige Touristen, gestresste Politiker und auch Arbeitslose aus Moabit, dem Wohnviertel jenseits der Spree. Warum, fragt Metzel , sollte der Platz nicht zu einer Art »Speaker''s Corner« werden?
Er selber verbindet das Gelände mit einer starken Kindheitserinnerung: Als ungefähr Zehnjähriger kam er mit einem älteren Bruder vom Neuköllner Elternhaus zu Fuß hierher, um in der benachbarten Kongresshalle eine Filmvorführung zu sehen; es lief »Mon oncle«, Jacques Tatis Persiflage auf moderne Alltagstechnik.
Doch der parodistische Jux machte dem Jungen nicht halb so viel Eindruck wie die schöne neue Filmwelt der durchkonstruierten Villen und der zauberischen Apparate selbst - nahtlos passend zur flotten Zeitgeist-Architektur der Kongresshalle ("Schwangere Auster"), die dann im Kopf des kindlichen Betrachters »so richtig rumging«. Ein paar hundert Meter östlich bot der grenznahe Spreebogen den Anblick einer unkrautüberwucherten Trümmerwüste, Niemandsland eben. »Etwas unwirklich« fand Metzel beides.
Für sein Projekt hat er mittlerweile auch der älteren Geschichte des Terrains nachgeforscht, und er ist dabei auf Entwürfe des königlich-preußischen Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné gestoßen. Der hatte strenge Weisungen des Hofes zu befolgen, fand aber wichtig, dass »auch dem Vergnügen der Einwohner sein Recht widerfahre«. 1840 plante er einen Exerzierplatz vor dem Brandenburger Tor, dazu Alleen- und Buschwerk-Pflanzungen. Metzel entnahm der Skizze eine - in seiner Terminologie - »ovale« oder, wie Kunsthistoriker korrekter sagen, »hippodromartige« Grundrissform.
Hippodrom ist gut. Das reimt sich auf »Velodrom«, und eine verkleinerte, doch befahrbare Radrennbahn hat Metzel 1998 tatsächlich in die Festung des toskanischen Städtchens Montalcino eingebaut. Überhaupt gibt er seiner Arbeit gern eine sportliche Note. Selbst ist er leidenschaftlicher Fußballspieler, speziell zu Flanken von links begabt, allerdings inzwischen leicht kurzatmig. Was Wunder, dass er den athletischen Wettkampf auch ganz allgemein als ein Sinnbild für gesellschaftliche Konflikte nutzt.
In Darmstadt lässt er jetzt sogar zwei ursprünglich getrennte Installationen neu aufgemischt gegeneinander prallen: Die expressiven Trümmer eines Basketball-Spielfelds scheinen gerade aufs Heftigste mit einer hochgradig verwüsteten Zuschauertribüne kollidiert zu sein. Als sein eigener Hooligan lässt Metzel bei der Arbeit mit Kettensäge, Trennscheibe und Vorschlaghammer genüsslich »Aggressionen raus« - freilich, sagt er, »sehr kalkuliert«.
Das soll auch im Berliner »Niemandsland« so sein. Metzel hat das Lennésche »Oval« am Computerbildschirm zunächst in die Senkrechte gekippt und dann durch Drehung zu einer eleganten dreidimensionalen Form vervollständigt. Die wiederum säbelt er schräg durch wie eine Leberwurst und verschiebt die obere Hälfte gegen die untere. Wie weit er dabei gehen darf, ohne die Balance zu verlieren, wie schräg der Schnitt zu führen ist und wie bedrohlich die Skulptur über die Mauerkante ragen kann, müssen ihm Statiker erst noch ausrechnen.
Am Ende bleibt nur »reine Bildhauerei": Auch nach der kühl kalkulierten Störung ist dem Künstler das Gebilde aus dem Computer zu glatt; darum will er die zehn Zentimeter starken Rohre schließlich mit Maschinenkraft rabiat verbiegen.
Am Rechner allein ist das nicht ausreichend zu programmieren. Bild-Hauer Metzel freut sich schon lebhaft auf »ein paar Knautschproben am Modell«.
JÜRGEN HOHMEYER
* 4. März bis 29. April. Katalog im Verlag Silke Schreiber; 208Seiten; 50 (im Buchhandel 78) Mark.