Ein Sanierungsfall - DER SPIEGEL
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LITERATUR Ein Sanierungsfall

• aus DER SPIEGEL 43/2000
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Simon arbeitet als Betriebspsychologe im französischen Zweig eines Multis mit deutscher Zentrale, genannt SC Farb. Ein »Sanierungskonzept«, dem jeder dritte Angestellte zum Opfer fiel, hat er mit umgesetzt. Doch ausgerechnet der eisige Vordenker der Massenentlassung, Generaldirektor Just, scheint nun selbst ein Sanierungsfall zu sein: Er bunkert sich ein, zeigt Symptome schwerer Verwirrung. Simon wird mit einer vertraulichen Expertise über den offenbar depressiven Chef betraut. Der schwört, man wolle ihn »destabilisieren«, ja »eliminieren«. Im Roman des preisgekrönten belgischen Psychoanalytikers François Emmanuel, 48, beschleicht den Erzähler Simon »das Gefühl, in einem morbiden Spiel gefangen zu sein, dessen Regeln ich nicht kannte«. Hat Justs Wahnidee, so fragt er sich, womöglich einen wahren Kern? Von Justs Sekretärin und Ex-Geliebter erfährt er, dass dessen Vater an Nazi-Morden beteiligt war. Dann stößt er auf die anonymen Briefe, die seinen Chef verrückt machen. Sie zitieren zum einen Auszüge aus Originaldokumenten mit Gebrauchshinweisen für die Vergasungswagen, in denen die Nazis als »lebensunwert« eingestufte Menschen umbrachten: »Die Beschickung der Wagen beträgt normalerweise 9-10 pro m2«; Unterschrift: Just. Zum anderen enthalten die Briefe gewöhnliche Sätze aus einem Handbuch der Arbeitspsychologie - und aus beiden Quellen gemischte Wortlisten: »Anweisungen. Betriebsdauer. Reinigung. Umstrukturierung. Selektion. Technische Entlassung«. Absender der Briefe ist ein bei der »Sanierung« Entlassener - Opfer und Täter haben die Rollen getauscht. Simon begreift: Auf seine Weise soll auch er Menschen als ineffektive Elemente aufspüren und eliminieren. Unfähig zu seinem Job, wechselt er die Arbeit: Nun betreut er autistische Kinder. »Und ich glaube« - so endet das provokative, in Frankreich heiß diskutierte Buch -, »es gefällt mir inzwischen, an den Rändern der Welt zu existieren.«

François Emmanuel: »Der Wert des Menschen«. Aus demFranzösischen von Leopold Federmair. Verlag Antje Kunstmann,München; 100 Seiten; 29,80 Mark.

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