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O'NEILL Ein Spinner

• aus DER SPIEGEL 32/1957
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Nur mit Tinte«, so bedauerte ein schwedischer Kritiker nach der Uraufführung des nachgelassenen Schauspiels »A Touch of a Poet«, habe der amerikanische Dramatiker Eugene O'Neill dieses Stück geschrieben. Das Schauspiel war im März dieses Jahres, einer Testamentsverfügung des Autors entsprechend, vom Stockholmer »Königlichen Dramatischen Theater« uraufgeführt worden, das vorher schon zehn Dramen dieses »modernen Äschylos« ins Rampenlicht gebracht hatte. In der vergangenen Woche wurde das Stück unter dem Titel »Fast ein Poet« zum erstenmal auch in deutscher Sprache gespielt - als theatralisches Kernstück der diesjährigen Festwochen im österreichischen Salzburg.

Das vorletzte Stück, das aus O'Neills Nachlaß zutage gefördert worden war, »Eines langen Tages Reise in die Nacht«, ist - nach einem Bekenntnis des Autors - »mit Blut und Tränen« geschrieben worden. Es enthielt eine echte Sensation: Das ganz autobiographische Schauspiel enthüllte vor breitem Publikum zum erstenmal die Geschichte der von häuslichen Trinker-Exzessen und vom Verfall der morphiumsüchtigen Mutter verdüsterten Jugend O'Neills (SPIEGEL 10/1956).

»A Touch of a Poet« - wörtlich übersetzt etwa: »Ein Anhauch von einem Dichter« - ist dagegen kein autobiographisches Stück. Es endet - was bei O'Neill selten ist - beinahe versöhnlich. Der Held des Stückes namens Cornelius Melody, Sohn eines irischen Schankwirts, ist ein ehemaliger Major, der 1809 im Feldzug gegen Napoleon einen Tag lang eine gute Figur machte und dafür von dem britischen Feldherrn Wellington dekoriert wurde. Im übrigen war und ist er ein Schürzenjäger und Taugenichts, der wegen dunkler Affären den Dienst quittieren und schließlich nach Amerika auswandern mußte.

In Amerika nimmt der abgedankte Offizier den Gastwirts-Beruf seines Vaters auf, kommt aber von seinem mehr eingebildeten als historischen Heldenruhm nicht wieder los. Er kultiviert einen Adels-Tick, rezitiert Verse des englischen Dichters Lord Byron und verachtet das Yankeepack um sich her.

Äußeres Zeichen seiner vermeintlichen Noblesse ist eine goldstrotzende Uniform, in der er sich alltags vor drei als Zuhörer dressierten Saufkumpanen und sogar vor dem eigenen Spiegelbild produziert. Außerdem hält sich dieser Treuhänder des englischen Gentleman-Ideals in einer, wie ihm scheint, heruntergekommenen Umwelt ein Vollblut im Stall, während seine Frau dem Krämer die Rechnungen schuldig bleiben muß. Auch dieses Luxus-Roß ist ein Traumwelt-Symbol des Iren,

Aus dieser Traumwelt aber wird der Schankwirt an einem einzigen Tage ins Parterre der Realitäten zurückgestoßen. Der alte Casanova blitzt bei der Frau eines reichen Yankees, der er sich zu nähern sucht, schmählich ab und wird wenige Stunden später jämmerlich verprügelt. Die Tragödie dieses einen Tages kuriert den Mann offenbar vollkommen. Er zerschlägt den Spiegel, vor dem er als ein zweiter Lord Byron posierte, erschießt das Vollblut und gelobt Besserung.

Das nachgelassene O'Neill-Stück sei, fand Friedrich Luft nach der Stockholmer Uraufführung in der »Welt«, »die Geschichte eines Spinners ... Er ist eine Art Dichter«. Aus diesem Umstand leitet sich wohl auch die schwer übersetzbare Titelzeile »A Touch of a Poet« ab - die Schweden übertrugen sie frei in »Ett stycke poet« ("Ein Stück Dichter"). Ursula und Oscar Fritz Schuh, die Übersetzer ins Deutsche, wählten auf Wunsch der Erben O'Neills den Titel »Fast ein Poet«.

Einige Kritiker glauben, das für O'Neill ungewöhnlich optimistische Ende des Schauspiels-der Schankwirt (Attila Hörbiger) versöhnt sich mit seiner demütigen Frau; seine Tochter (Aglaja Schmid) darf einen amerikanischen Jüngling heiraten - sei durch die Funktion begründet, die dem Stück »Fast ein Poet« in einem umfassenden Dramenzyklus zugedacht war.

Bei diesem Zyklus handelte es sich um ein O'Neill-Projekt von riesenhaften Ausmaßen. Der Dichter plante, in insgesamt neun Schauspielen eine Art Dramatisierung von 150 Jahren amerikanischer Geschichte zu geben, wobei einzelne Dramen, nach dem Vorbild der Antike, länger als abendfüllend werden sollten. Der Vierakter »A Touch of a Poet« ist eines der kürzeren Teile dieses Dramen-Kombinats, das in seiner Gesamtheit unvollendet geblieben ist. Der 1953 in Boston gestorbene Dichter Eugene O'Neill hat aus diesem Zyklus nur drei Stücke fertiggestellt, die Vorarbeiten zu den anderen sechs Dramen aber in einem Anfall von Mutlosigkeit und Verzweiflung vernichtet. Seine Witwe erinnert sich an dieses Autodafé: »Wir zerrissen die Blätter Stück für Stück, und es war, als ob wir unsere eigenen Kinder in Stücke rissen ...«

Von den drei Dramen, die vor dem Scheiterhaufen bewahrt blieben, ist »Ein Mond für die Beladenen« (Originaltitel »A Moon for the Misbegotten") zum erstenmal in Deutschland ebenfalls unter der Regie Oscar Fritz Schuhs aufgeführt worden, der nun auch die Inszenierung des Schauspiels »Fast ein Poet« verantwortet.

Das dritte Drama des Zyklus, das bis dahin als verloren gegolten hatte, kam inzwischen ebenfalls ans Licht. Es handelt sich um ein Stück mit dem Titel »More stately mansions« - wörtlich übersetzt: »Mehr prächtige Häuser"*. Dr. Gierow, Intendant des Stockholmer Königlichen Theaters, hob das Manuskript vor einigen Monaten überraschend aus den Tiefen des O'Neill-Nachlasses und gab bekannt, es handele sich dabei um »ein beinahe grimmiges Stück«.

An eine Uraufführung des beinahe grimmigen Stücks ist freilich fürs erste nicht mehr zu denken. Das aus dem Nachlaß neuentdeckte O'Neill-Drama - das Stockholmer Königliche Dramatische Theater will damit im nächsten Jahr das Dutzend seiner O'Neill-Premieren voll machen - bedarf umfänglicher Kürzungen. Eine ungekürzte Aufführung würde etwa zehn Stunden dauern.

* Der Titel kann auch »prächtigere Häuser« bedeuten.

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