Autoren Ein Splittern von Knochen
Am Palmsonntag des Jahres 1820 betrat in dem kleinen Vorarlberger Flecken Eschberg ein Schauprediger den Kirchplatz, um den Dörflern auf seltsame Weise Gottestreue einzupauken. Er sei, so verkündete Corvinius Feldau von Feldberg, ein »Apostel der Liebe«, jedermann, ob jung oder alt, solle sich sofort und hemmungslos dem »Rausch der Wollust« hingeben.
Eine solche Predigt schien den Eschbergern unerhört. Allen Zweiflern donnerte der Redner jedoch entgegen, das Ende sei nahe, ein »riesiges Mohrenheer« stehe bereits hinter den Bergen. Es sei höchste Zeit für die Liebe. Wer ein Weib habe, nehme es und lasse nicht mehr von ihm ab.
Erregung befiel die Menge, Seufzer und schrilles Gelächter erklangen. Corvinius wiederum begleitete sein apokalyptisches Geschrei mit den obszönsten Verrenkungen. Ja, er verstieg sich zu der Mahnung: »Wer auch nur eine Stunde seines Lebens ohne Liebe zubringt, dem wird sie im Fegefeuer dazugeschlagen.« Er selbst schlafe schon seit zehn Tagen nicht mehr. Mit den Worten »Wer schläft, liebt nicht!« brach der Prediger endlich erschöpft zusammen.
Unter den Zuhörern befand sich auch der 17jährige Johannes Elias Alder. Der junge Mann, so erzählt Robert Schneider, der Erfinder dieser Geschichte, habe die »ordinäre Absicht« des Redners gar nicht begriffen. Wohl aber sei er zutiefst berührt worden von dessen Liebesbotschaft. Tatsächlich nimmt sich der Jüngling den Satz »Wer schläft, liebt nicht« so zu Herzen, daß er daran zugrunde geht.
Daß es genau so und nicht anders kommen wird, erfährt der Leser von »Schlafes Bruder"*, dem ersten Roman des Österreichers Robert Schneider, 31, schon im ersten Satz. »Das«, so erklärt der Autor in feierlichem Ton, »ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.«
Robert Schneider nimmt den Schluß vorweg - und schafft doch damit erst die Spannung. Er berichtet vom Leben und Sterben eines Genies, eines Musikers, der am Biedersinn des Vorarlberger Bauernvolkes scheitert, der sich _(* Robert Schneider: »Schlafes Bruder«. ) _(Reclam-Verlag, Leipzig; 204 Seiten; 32 ) _(Mark. ) seiner Größe nicht einmal bewußt ist und dem am Ende die Kraft fehlt, um Elsbeth, dem über alle Maße geliebten Mädchen, seine Liebe zu erklären.
Ganghofer? Wimschneider? Nein, kein Heimatroman in gewohnter Manier. Schneider entfaltet das historische Panorama eines fiktiven Alpendorfes - und erzählt doch eine zeitlose Geschichte von Genie und Wahnsinn, von Gewalt und Leidenschaft.
Kitsch? Persiflage? Weder - noch, eher schon ein Märchen. Johannes Elias Alder erfährt im zarten Alter von fünf Jahren ein religiös anmutendes Erweckungserlebnis: Der Knabe steigt durch den Hochwald und betritt im Gebirgsbach einen vom Wasser abgeschliffenen Stein. Plötzlich wirken magische Kräfte auf sein Gehör. Er vernimmt den Klang fallender Eisflocken, dann die Körpergeräusche der Tiere des Waldes, den unruhigen Herzschlag seines Vaters. Schließlich erreichen ihn Töne aus dem ganzen Universum: _____« In Strömen unvorstellbaren Ausmaßes prasselten die » _____« Wetter des Klanges und der Geräusche auf die Ohren des » _____« Elias nieder. Ein irres Durcheinander von Hunderten von » _____« Herzen hub an, ein Splittern von Knochen, ein » _____« unglaubliches Getöne vom Schlucken, Gurgeln, Husten, » _____« Speuzen, Rotzen und Rülpsen, ein Glucksen von gallertigen » _____« Magensäften, ein lautes Platschen von Urin, ein Rauschen » _____« von Haupthaar und das noch wildere Rauschen vom Haar der » _____« Tierfelle, ein dünnes Singen, wenn Schweißtropfen » _____« verdampften, ein Gewetze von Muskeln, ein Geschrei von » _____« Blut, wenn Glieder von Tieren und Menschen stämmig » _____« wurden. Nicht zu reden vom wahnhaften Chaos der Stimmen » _____« und Laute des Menschen und aller Kreatur auf und unter » _____« der Erde. »
Das merkwürdige Hörerlebnis endet mit einem Klang, der das Leben des Knaben fortan beherrschen wird: »Es war das weiche Herzschlagen eines ungeborenen Kindes, eines Fötus, jenes Menschen, der ihm seit Ewigkeit vorbestimmt war. Es war das Herz seiner Geliebten.«
Elias sucht das Herz und findet Elsbeth. Er umwirbt sie und sublimiert seine ganze Liebe in Musik. Der sonderbare Jüngling avanciert zum Organisten der Dorfkirche, ohne je eine Note gelesen zu haben. Und Schneider läßt keinen Zweifel daran, daß sein Protagonist wirklich ein Genie ist. Er stellt ihn in eine Reihe mit Sokrates, Leonardo und Mozart. »Gott«, so beteuert der Erzähler, »schuf einen Musikanten«, dem es zur Erfüllung seines Werks nur an Förderung und Bildung gefehlt habe.
Denn das tumbe, von Inzucht zerrüttete Bauernvolk hat mit dem jungen Mann nichts Gutes im Sinn. Elias leidet. Doch wenn er sich an die Orgel setzt, so wird aus Schneiders Roman ein Stück geschriebener Musik. Toccaten und Fugen verwandeln sich in eine Sprache von suggestiver Bildmacht.
Virtuos zieht Schneider alle Register des professionellen Romanciers. Mit leichter Hand versprengt er Lokalkolorit. Vor allem aber verfügt seine Sprache über verwirrende Kraft und zuweilen atemraubende Eleganz.
Satzbau und Wortwahl streben zurück ins 19. Jahrhundert - und sind dennoch von Modernismen durchsetzt. Eben noch bedient sich der Autor der Vorarlberger Mundart, da stürzt schon eine Kaskade von Fremdwörtern durch den nächsten Absatz. Mal verbreitet er sich gönnerhaft im Pluralis majestatis ("Wir schließen die Blätter unseres Büchleins"), mal zürnt er über die Missetaten der von ihm selbst erfundenen Figuren.
Der altertümelnde Ton ist von befremdlicher Konstanz: Frauen betreten stets als »Weiber« die Bühne des Geschehens, und wenn Elias läuft, dann »schuht« er auch schon mal. Schneider erfindet Wörter, er erzählt so routiniert wie nur wenige Schriftsteller seiner Generation.
Der junge Autor lebt in Meschach, einem kleinen Dorf in Vorarlberg. Bisher schrieb er Drehbücher und kleine Theaterstücke. Das Manuskript von »Schlafes Bruder« reichte er bereits im vergangenen Jahr beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ein - erfolglos. In diesem Herbst nun nahm der Leipziger Reclam-Verlag den Roman ins Programm. Und die Buchhändler dankten es ihm: Trotz eines - für westdeutsche Verhältnisse - lächerlich geringen Werbeaufwands verkauften sie den schmalen Band bereits 40 000mal.
Ob Schneider seinen Roman nach bewährten Erfolgsrezepten gestrickt hat - diese Frage soll er sich selbst beantworten. Jedenfalls mag das Publikum spannende Romane in historischem Kostüm. Süskinds »Parfum« etwa wagt diesen Sprung in die Vergangenheit, Ransmayrs »Letzte Welt« ebenso.
Die Zeitmaschine hält den literarischen Markt in Schwung, sie reißt die Leser mit - um sie am Ende aber ratlos auszuspucken.
Denn was will Schneider überhaupt erzählen? Will er wirklich eine romantische Hymne auf die ewige Liebe singen? Seine Botschaft klingt seltsam genug: Tote können nicht lieben, also mag Elias auch nicht schlafen, denn der Tod ist des »Schlafes Bruder«; schließlich vertreibt er sich den Schlaf mit Tollkirschen, um dabei qualvoll zu krepieren - ist das ein Thema, auf das die Leser in diesem Herbst gewartet haben?
Nein, kein Thema, aber eine Attitüde. Indem Schneider sich so furios in seine Bilderwelt versteigt und seinen Helden vergöttert, befriedigt er das allgemeine Bedürfnis nach dem ultimativen Kick. Alles ist maßlos: Johannes Elias Alder, sein Genie, seine Liebe zu Elsbeth, zur Natur und Musik. Nur eine so geniale Phantasiegestalt löst offenbar noch die Hoffnung vieler Leser auf das besondere, das einzigartige Leben ein.
Robert Schneider bedient sein vom Alltag ermüdetes Publikum mit perfekter Illusion. Er verschafft ihm einen wilden Traum von außerordentlicher Schönheit, eine Geschichte voll von phantastischen Begebenheiten. Am Ende jedoch folgt ein böses Erwachen. Nichts hat Bestand, Erkenntnis stellt sich nicht ein. Schneiders Leser fallen in ihre Alltäglichkeit zurück.
Dieser Roman wird wie eine Droge wirken. Der Entzug ist bitter, groß aber auch der Bedarf nach neuem Stoff aus derselben Feder.
Martin Doerry
* Robert Schneider: »Schlafes Bruder«. Reclam-Verlag, Leipzig; 204Seiten; 32 Mark.