Ein Tempelschänder des Marxismus - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 90

Ein Tempelschänder des Marxismus

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über den Sartre-Schüler Andre Gorz Der Pariser Theoretiker Andre Gorz ist der Howard Hughes der europäischen Linken: Er läßt sich nicht photographieren. Der gebürtige Wiener war bisher als Autor radikaler Gewerkschaftsliteratur bekannt. Mit seinem Ketzer-Buch »Abschied vom Proletariat« ist er nun überraschend aus der »Sankt Marx«-Kirche ausgetreten.
• aus DER SPIEGEL 16/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Privatmann wirkt der zum Franzosen konvertierte Österreicher Andre Gorz wie eine Franz-Kafka-Gestalt: alleine, wortkarg und sensibel; widerstandslos hager. Politisch hat der leise Einzelgänger, der mit seiner englischen Frau Dorine im kaputtsanierten 13. Arrondissement von Paris wohnt und mit seiner originellen Idee eines »Reformismus von unten« an den Münchner Rätesozialisten und Shakespeare-Kenner Gustav Landauer erinnert, ein Leben lang Widerstand geleistet.

Er war mit seiner Schreibmaschine ein Architekt des Pariser Mai und hat, wie die Italienerin Rossana Rossandra und der Deutsch-Belgier Ernest Mandel, die zum Teil kopflastigen Theorien der europäischen Neuen Linken auf die Füße gestellt. Mit Büchern, die das Gesprächsangebot eines unter seiner Ohnmacht leidenden Intellektuellen an engagierte Gewerkschaftskreise waren und längst Klassiker sind: »Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus«; S.221 »Der schwierige Sozialismus«; »Die Aktualität der Revolution.«

Anders als die illustren Repräsentanten der »Neuen Philosophie« ist der linke Moralist, dem auch seine Feinde das Zeugnis ausstellen, aufrichtig bis ins Mark zu sein, kein Hätschelkind der Patrone. Der Hauptkanal des französischen Fernsehens steht ihm nicht zur Verfügung; im Radio hört man ihn selten; in den Pariser Salons trifft ihn kein Mensch. Aber er ist als einer der Herausgeber der von Jean-Paul Sartre begründeten radikal-linken Zeitschrift »Les Temps Modernes« und unter seinem (zweiten) Pseudonym Michel Bosquet als Redakteur des linken »Nouvel Observateur« bekannt.

Seine deutschen Leser hatten ihn nach dem Begräbnis der Außerparlamentarischen Opposition zu Anfang der siebziger Jahre aus den Regalen gestellt -- bis er vor vier Jahren mit seiner rot-grünen Fibel »Ökologie und Politik« in ihr Gedächtnis zurückkehrte. Nun sind in deutscher Sprache zwei Bücher von ihm erschienen, die eine völlig unterschiedliche Resonanz haben. Die theoretische Streitschrift »Abschied vom Proletariat«,

( Andre Gorz: »Abschied vom Proletariat«. ) ( Deutsch von Heinz Abosch. Europäische ) ( Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 160 ) ( Seiten, 16,80 Mark. )

in dem ausgerechnet Gorz mit der Arbeiterklasse bricht, ist in studentischen Seminaren zu einem Kultbuch ausgerufen worden. Die in Frankreich bereits 1958 veröffentlichte Autobiographie »Der Verräter

( Andre Gorz: »Der Verräter«. Deutsch von ) ( Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, ) ( Frankfurt am Main; 320 Seiten; 12 ) ( Mark. )

wird eher wie ein Ladenhüter behandelt. Beides ist ein Fehler.

Andre Gorz wurde in Wien geboren: als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer katholischen Sekretärin, die ihrem Angetrauten die »mindere Rasse« nie verziehen hat. Den Vater hat der Junge wegen seiner Pedanterie gehaßt, wegen der »Schaffhausen-Uhr, die er jeden Abend kontrollierte« und in die Reparatur bringen ließ, sobald die Abweichung von der Exaktheit »fünfzehn Sekunden betrug«. Seine Mutter, die ihm mit einer als Liebe getarnten Fürsorge-Allgegenwart »seine Glieder verklebte«, wegen ihres verrückten Geltungsdranges, den vergilbte Photos festhalten: »Ein Jahr alt, mit Spitzen aufgeputzt, später im Bademantel an einem Strand der Adria, um zu zeigen, daß man genug Kleider hatte; mitten im Sommer mit Mantel und Handschuhen.«

Im Wien des rechtsautoritären Kanzlers Kurt Edler von Schuschnigg erlebt der Gymnasiast die ersten Stechschritt-Experimente des Faschismus, dessen Männlichkeitskult er als die ersehnte Chance entziffert, den ihn schwach und ängstlich machenden Imperativen der Mutter zu entkommen. Aber als 1938 die Hitler-Offiziere Österreich S.223 heim ins Reich holen, erwacht er aus seinem Kindertraum: die Familie des Nazi-Juden aus Verzweiflung ist gezwungen, in die Schweiz überzusiedeln.

Die äußere Emigration wiederholt sich als inneres Exil. Als 16jähriger entdeckt Gorz, »daß er verdammt alleine« und sein Leben eine »Fälschung« ist. Er hat diese Fälschung zu korrigieren versucht, indem er sich mit den Symbolen der Sieger identifizierte: mit »dem blonden Siegfried gegen den schwarzen Hagen«. Aber die Sieger hätten auf ihren ungerufenen Bewunderer gepfiffen und ihn irgendwann vergast.

Also heckt er einen anderen Selbstbetrug aus und geht unter die Verlierer. Er fährt mit dem Finger über die Landkarte (an Brasilien und China vorbei) und beschließt, künftig in der Mentalität eines wie er selber am Boden liegenden Landes zu denken; sich mit jener »eigensinnigen Verbissenheit« die fremde »Substanz« einzuverleiben, mit der er als Kind »gebetet hatte": Franzose zu werden, »so wie man ins Kloster geht«. Mit seiner Absage an Deutschland verrät er die Barbarei der Gemütlichkeit. Mit Frankreich erobert er sich lesend ein imaginäres Paradies, das er die Kultur par excellence nennen wird: Baudelaire und Malraux, Giraudoux und Proust. Sein literarisches Paulus-Erlebnis heißt Jean-Paul Sartre. Die verhaßten Eltern hatten »sein Schielen mit Brillen geheilt, sein Lispeln mit einer Spange aus Metall, sein Stottern durch mechanische Übungen«. Nun bevölkert mit dem schielenden Sartre ein Demiurg seine Träume, von dem die zufrieden durch den Zweiten Weltkrieg gekommenen lackierten Leute sagten, daß er sich in der »Scheiße einer schrankenlosen Freiheit« suhle. Dieser Mann, der sich nicht benehmen kann, sondern dem er später dabei zusehen wird, wie er »die Asche seiner Zigarette auf die Weste des Professors fallen ließ und den Wein auf den Ärmel des Richters schüttete«, nennt Gorz in seiner Autobiographie Morel.

Als der durch »Das Sein und das Nichts« berühmt gewordene Papst des Existentialismus zu Vortragszwecken 1946 auch die Schweiz bereist, ist Gorz der vielleicht einzige im Land, der sich wie im Rausch mit allen Schriften des Philosophen »infiziert« hat. In einem überfüllten Kino ergattert er einen Stuhl an seiner Seite und fordert ihn zwei oder drei Stunden lang mit Fragen heraus. Morel überhört sie nicht. Schon acht Tage danach kommt es zur Privataudienz in einer Genfer Kneipe. Nach Sartres Abreise ein Brief, wie Liebende ihn sich schreiben: der verträumte »Sartrien« schickt ihn nicht ab.

Doch dann verläßt er die Schweiz, bezieht Quartier in Paris und nimmt den Namen Andre Gorz an. Der einsame Autodidakt, der von sich selbst in seiner Autobiographie lange nur in der dritten Person zu sprechen wagte und sein Scheitern als so total empfand, daß er noch nach dem Kriegsende in den »Uranium-Schwitzkasten« des Kongo auswandern wollte, »um seine Lebenserwartung um die Hälfte zu verringern«, hat gelernt, ohne zu erröten »Ich« zu sagen.

Mit seiner Autobiographie »Der Verräter« hat Gorz dieser Karriere einen Spiegel aufgestellt: ein Buch, das wie die Leben, denen es sich an die Fersen heftet, ein Labyrinth ist.

Die philosophisch-literarische Lebensbeichte eines Intellektuellen, der Courage hat mitzuteilen, daß er dem Rätselraten seiner Freundin, »ob er ihr böse wäre, wenn sie mit einem anderen schliefe«, die gleiche Bedeutung zumißt wie der vergleichsweise abstrakten Vermutung, nach der die Innenarchitekten »mit den Großbürgern unter einer Decke« stecken.

Schließlich die Dankadresse eines Meisterschülers, der sich (auch in seinem noch nicht ins Deutsche übersetzten 608-Seiten-Traktat »Fondements pour une morale") zu seinem genialen Lehrer wie der Sekretär zum Weltgeist verhält. Als überzeugter Existentialist und als Sympathisant des (amtlichen) Marxismus. Auf den letzten Seiten seiner Autobiographie nämlich hat Gorz nicht nur seine Nationalität, sondern auch seine Klasse verraten, nicht nur das »deutsche« Österreich, sondern auch das Bürgertum. Im berühmten Streit zwischen Sartre und Maurice Merleau-Ponty über die politische Rolle des linken Intellektuellen greift er entschieden für Sartres »Ultrabolschewismus« (Merleau-Ponty) Partei. Sartre hatte der Intelligenz vorgeschlagen, der Arbeiterklasse zu dienen, und er hatte die Arbeiterklasse mit der Kommunistischen Partei identifiziert.

Der seiner Unterwerfung gerade entkommene Andre Gorz sekundiert diesem Vorschlag mit der Bereitschaft zu neuem Gehorsam; mit seiner Selbstverleugnung im Dienst der Emanzipation: »Alleine« sei der Intellektuelle ein Nichts. Niemals werde sein literarischer Protest »den Lauf der Geschichte korrigieren«, wenn er nicht vom »historischen« Protest einer »Klasse getragen wird, die aufgrund ihrer Lage revolutionär ist«. »Wenn eine solche Klasse nicht existiert oder ... ihre revolutionäre Berufung eingebüßt hat«, bleibe ihm »nichts übrig als zu schweigen«. Für die KP jedoch habe er »sein Leben zu riskieren«, einerlei ob sie »ihn ignoriert oder verhöhnt«. Der nur seinem Verstand vertrauende Literat sei ein »Komödiant«.

Im »Abschied vom Proletariat« hat Gorz nun auch, um im Bild zu bleiben, die Arbeiterklasse verraten. Nicht nur die relativ brave deutsche Arbeiterschaft: die eisern-zufrieden die »Bild«-Zeitung liest, an ihren sogenannten Kampftagen mit Onkel und Tante ins Grüne fährt und beispielsweise mit Herrn Hauenschild von der IG Chemie einen gelben Gewerkschaftsführer bezahlt.

Indem Gorz ebenso den französischen Kollegen adieu sagt, gibt er auch eine Arbeiterklasse auf, die das bürgerliche Frankreich des General de Gaulle immerhin an den Rand des politischen Ruins gebracht hat, deren Mehrheit sich auf zwei große linke Gewerkschaften verteilt, und deren Avantgarde in der monatelang selbstverwalteten Uhrenfabrik Lip gezeigt hat, daß sie sich S.226 nicht nur für die 6 vor dem Komma interessiert.

Aber schon in »Ökologie und Politik« hatte Gorz die andere Seite der Medaille präsentiert und den beiden linken Arbeiterorganisationen vorgerechnet, was in Frankreich ohne ihren Protest passiert: »Ich wagte nicht vorauszusehen«, daß der (französische) Kapitalismus »die Umwelt mit gleicher Gewalt verwüsten würde wie die Erdölbarone von Texas oder die Bergwerksherren von Virginia, indem die Loire in ein Tal des Atoms, die Seine und die Rhone in radioaktive Kloaken verwandelt werden; daß er das Pariser Häusermeer mit einer chemischen Dunstglocke bedecken würde, in der die aus Los Angeles eintreffenden Besucher bald ihren vertrauten Smog wiedererkennen; daß die französische Vorstadt den barbarischen Stadtlandschaften von Buffalo oder Detroit (inzwischen) zum Verwechseln ähnlich ist«.

Im »Abschied vom Proletariat« ist aus dieser Enttäuschung über die politisch-kulturelle Phantasielosigkeit der Arbeiterschaft die Enttäuschung über ihren heimlichen Friedensvertrag mit der kapitalistischen Fabrikordnung geworden.

Die Ohnmacht des Arbeiters deutet Gorz als die normale Folge eines sozialökonomischen Systems, in dem die persönlich erfahrbare Herrschaft des Kapitalisten oder Chefs, gegen deren Maßnahmen man sich noch »dramatisch« zur Wehr setzen konnte, von einer scheinbar »subjektlosen Macht« ersetzt worden ist: von leidenschaftslosen Technokraten, die ihre Interessen hinter einer unangreifbaren »Sachordnung« verbergen; eines Systems, das die autonomen Unternehmen längst zu Ausführungsorganen übergeordneter Konzern-Entscheidungen degradiert und damit den auf intimen Betriebskenntnissen der Arbeiter basierenden Syndikalismus völlig geräuschlos zerschlagen hat; eines Systems, das die Kunstfertigkeiten der alten »Berufe« in den Hobbykeller verdrängt und nur noch austauschbare Qualifikation honoriert, die jeder Kreativität den Garaus machen.

Mit seinem Verrat des Proletariats verrät Gorz auch den Klassiker Karl Marx. Denn mit Marx wurde die Theorie in die Welt gesetzt, daß die Arbeiterklasse der Agent einer revolutionären Mission ist: ungeachtet ihres jeweils aktuellen Bewußtseins und ihrer politischen Niederlagen. Aber diese Theorie (sagt Gorz heute) sei schon im 19. Jahrhundert eine Legende gewesen. Die wirklichen Arbeiter: materiell ausgeplünderte und seelisch zugrunde gerichtete »Ungeheuer«. Die revolutionäre Arbeiterklasse: nur in den Träumen des Doktor Marx zu Hause; eine aus geschichtsphilosophischen Halluzinationen zusammengewürfelte Kopfgeburt, deren Heiligsprechung den Marxismus wie eine Kirche aussehen lasse. Aus S.227 dieser Kirche ist Andre Gorz nun ausgetreten. Jacques Julliard hat ihn darum im »Nouvel Observateur« einen Tempelschänder genannt: einen Atheisten des Sozialismus.

Der Tempelschänder geht vor allem mit zwei Irrtümern des Kirchenvaters ins Gericht. Marx hatte darauf gesetzt, daß der Kapitalismus über die ökonomischen Krisen stolpern werde. Gorz notiert verblüfft, daß der Krisen-Kapitalismus die geheimnisvolle Kraft erworben habe, »die Nichtlösung seiner Probleme zu beherrschen«.

Marx hatte gehofft, mit dem rasanten Fortschritt der Produktivkräfte (Erfindungen, Technik, Wissenschaft) falle der Arbeiterschaft das Baumaterial für das »Reich der Freiheit« in den Schoß. Gorz stellt resigniert fest, daß die moderne Technologie auf die Bedürfnisse der Arbeiter keine Rücksicht nimmt und in erster Linie zur Zufriedenheit des Kapitals funktioniert. Fazit: völlig im Gegensatz zur Marxschen Prophetie sei es den Herrschenden gelungen, »die Fähigkeit des Proletariats, sich seiner schöpferischen Souveränität bewußt zu werden, bis auf die Wurzel zu zerstören«.

Gegen diese Religionskritik, deren Pionier keineswegs Gorz ist, kann kein mit Verstand begabter Mensch etwas einwenden. Und mit Sicherheit weiß der belesene Andre Gorz ganz genau, daß auch seine attraktive These, Marx habe das revolutionäre Bewußtsein des Proletariats bei Kerzenschein am Schreibtisch erfunden, eine Mixtur aus Richtigem und Falschem ist: »Die heilige Familie« etwa rechtfertigt die These tatsächlich, »Der Bürgerkrieg in Frankreich« widerlegt sie eher. Kein Kultbuch ohne wackelige Sensationen.

So erklärt Gorz die Kritik der politischen Ökonomie mit der Überzeugungskraft eines einzigen Nebensatzes für tot. So hält er sich über die Maßen lange mit einem alten Hut auf: mit der Verwandlung von »personaler« in »funktionale« Macht. So argumentiert er mit einem arg kurzsichtig auf den charismatischen Führer und äußere Symbole (Uniformen, Abzeichen) fixierten Faschismus-Begriff.

Zu den schöneren Stellen des Buches gehört der an George Bataille erinnernde Sozialentwurf: die Utopie einer »dualistischen Gesellschaft«, die den von der protestantischen Ethik des Kapitalismus als »unrentabel« verachteten Tätigkeiten wie dem Fest wieder mehr Freizeit sichert, ohne die Aussteiger-Illusion zu wiederholen, man könne unangenehme Arbeit ganz abschaffen; die mit der Gigantomanie des in Ost und West herrschenden Industriesystems bricht, ohne in der Idylle des alternativen »small is beautiful« zu schwelgen, denn »kein Telephon, Mikroprozessor, keine Sperrschichtphotozelle können im Rahmen einer Familie oder Gemeinschaft hergestellt werden«; die keinen autoritären Staat mehr kennt, aber gegen S.229 die Staatsverdammung der Anarchisten für die Verkehrspolizei eintritt.

Wer sind die Baumeister dieser Sozialutopie, wenn schon die Arbeiterklasse nur noch ein »Schlachtenbummler« der Geschichte ist? Eine spannende Frage! Was Gorz hier dem Leser zumutet, ist ein starkes Stück.

»Tatsächlich ist diese (mit Begriffsmonstern überfrachtete) Theorie der »neoproletarischen Nicht-Klasse«, die bei Gorz in den Garten Eden einer »Nicht-Gesellschaft« unterwegs ist, der faszinierendste Beitrag des Buches: ein faszinierender Nonsens. Derselbe Autor, der eben noch Marx vorgehalten hat, sein missionarisch talentiertes Proletariat sei ein Schreibtisch-Produkt, zieht, wie der Zauberer das Kaninchen aus dem Zylinder, nun seinerseits eine »auf Anhieb (!) ihrer selbst bewußte« Population aus dem Gelehrten-Ärmel.

All jene Brüder und Schwestern nämlich, die »vom Stempel der kapitalistischen Produktionsweise« nicht geprägt, sondern »gegenwärtig und virtuell, permanent und zeitweilig, total und partiell arbeitslos« sind: die »Lumpen«, die Ferienlager-Animateure, die »im Herbst bei der Weinlese« aushelfenden Abiturienten. Wem Andre Gorz ein politischer Lehrer war, der traut sich kaum, die zentralen Behauptungen seiner neue Theorie im Originalton zu zitieren: »Im Unterschied zur traditionellen Arbeiterklasse ist diese Nicht-Klasse befreite Subjektivität« ... »Denn nur sie verkörpert gleichermaßen die Ablehnung der Akkumulationsethik und die Auflösung aller Klassen.«

Mag schon sein, daß die »Lumpen« sich für 20 Mark unter dem sanften Banner der Gorzschen Sozialutopie versammeln; aber auf jedem beliebigen Großstadtbahnhof läßt sich im Handumdrehen auch das Gegenteil beweisen: für 21 Mark malen die armen Teufel an Plakaten für die Neo-Nazis mit. Mag schon sein, daß die Ferienlager-Animateure auf die »Akkumulationsethik« der Kontore und Büros pfeifen. Aber die »befreite Subjektivität« wird weder im Sonnenstudio noch im Club Mediterranee trainiert.

S.220Wehrmacht am Radetzky-Denkmal.*S.221Andre Gorz: »Abschied vom Proletariat«. Deutsch von Heinz Abosch.Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 160 Seiten, 16,80Mark.*Andre Gorz: »Der Verräter«. Deutsch von Eva Moldenhauer. SuhrkampVerlag, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 12 Mark.*

Harald Wieser
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 90