LITERATUR Eine Heimzahlung
M ax Eisenstein und Martin Schulse sind alte Freunde und gemeinsame Besitzer einer Kunstgalerie in San Francisco. Auch Martins Heimkehr nach Deutschland kann dem innigen Verhältnis nichts anhaben - wie der erste Briefwechsel der beiden, Ende 1932, zu zeigen scheint. Max nimmt es dem Männerfreund nicht einmal übel, dass der nach einer Affäre mit seiner Schwester Griselle, einer jungen Schauspielerin, zu Frau und Kindern zurückgekehrt ist. Aber bereits in Martins zweitem Brief im März 1933 ist die Rede von einer Urgewalt namens Hitler: »Der Mann ist wie ein elektrischer Schock ... Ein Führer ist erkoren!« Schon bezeichnet Martin deutsche Landsleute gegenüber dem Juden Max als »Menschen meiner Rasse«. Der Briefpartner aus Kalifornien sorgt sich dagegen über antisemitische Brutalitäten - und vor allem um Schwester Griselle, die in Berlin Theater spielt. Kurz darauf verbittet sich Martin - er hat bereits eine Nazi-Karriere gemacht - jede weitere Korrespondenz. Aber Max beschwört ihn verzweifelt, bei der Suche nach Griselle zu helfen: Mit dem Stempel »Adressat unbekannt« hat er einen Brief an die Schwester zurückerhalten. Als Max wenig später erfährt, dass SA-Leute Griselle erschlagen haben, nachdem Martin der jüdischen Ex-Geliebten die Tür wies, zahlt er den Verrat heim: In einer Briefserie weckt Absender Eisenstein ("Der Gott Mosis stehe Dir zur Seite") mit mysteriösen Zahlenkombinationen ("bestelle die folgenden Reproduktionen: Picasso, 17 auf 81, rot; van Gogh, 5 auf 42, weiß") systematisch den Argwohn der Nazi-Zensur. Vergebens fleht nun Martin um Mitleid: »Willst Du, dass ich vor die Wand gestellt werde? Ich werde aufs Amt zitiert. Sie zeigen mir Deine Briefe und fordern, ich solle ihnen den Code geben.« Der letzte Brief an »Mr. Martin Schulse« kommt im März 1934 aus München zurück - »Adressat unbekannt": Eine lakonisch-perfekte, wenn auch fiktive Brieferzählung erreicht, 62 Jahre nach dem amerikanischen Original, endlich die Leser in Deutschland.
Kressmann Taylor: »Adressat unbekannt«. Aus dem Amerikanischenvon Dorothee Böhm. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 70 Seiten;20 Mark.