FERNSEHEN / Telemann EINMISCHUNG
Ist die Weimarer Republik zugrunde gegangen, weil, wie eine deutsche Bild-Zeitung unlängst unter Absingen der Nationalhymne andeutete, »Pessimisten, Nörgler, Hysteriker und Halbkommunisten« sich nicht entblödeten, »den jungen Staat mies zu machen«?
Gelangten die Nazis an die Macht, weil, laut Bild-Hauptschriftleiter Boenisch, »die Intellektuellen« - zu denen er sich dankenswerterweise nicht rechnet »so leicht schwarz sehen«?
Oder kam alles historische Ungemach nicht vielmehr daher, daß die unabhängigen Mitteilungsmedien, die den Wächtern und Warnern der »Goldenen Zwanziger« zur Verfügung standen, mehr bibliophilen (die »Weltbühne") als publizistischen Wert besaßen?,
Womit wir bei der interessantesten Frage sind: Wäre die »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei« - noch nicht der »SS -Staat«, sondern jene parlamentarische Minderheit, die sich, mangels rechtsstaatlicher Vorstellungen, auf das Primat aller Arier und auf Zuwendungen etlicher Rhein-Ruhr -Industrieller stützte -, wäre dieses zarte Pflänzchen NSDAP vor 30 Jahren so fürwitzig aus dem Kompost gesprossen, wenn es dazumal eine »Tagesschau«, ein »Panorama«, einen »Report«, einen »Internationalen Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern«, kurz, wenn es schon das Deutsche Fernsehen gegeben hätte?
Ich glaube, angesichts der TV -Berichterstattung über die »SPIEGEL-Affäre« darf man die Frage verneinen.
Wer zusah, weiß: Zur selben Zeit, als zwischen den Schlagzeilen einiger ungeniereter Gazetten der Zorn darüber hervorlugte, daß die Bundesanwaltschaft nicht auch noch etwas von einer Verschwörung SPIEGEL - Kreml durchsickern ließ (warum sonst hätte Chruschtschow die Kuba-Krise zur Unzeit abgebrochen?), bemühten sich unsere Fernsehstationen, soweit sie für Nachrichten, Meinungen und Analysen zuständig sind, widerrechtsstaatlichen Anfängen zu wehren; entschiedener und mit weniger Aufwand an taktischer Heuchelei als manches der Widerborstigkeit verpflichtete Presseorgan.
Sogar der CSU-nahe Helmut Hammerschmidt ("Report"), von dem Gewährsleute wissen, daß er mit der gleichen Inbrunst, mit der er das Grundgesetz achtet, den SPIEGEL verabscheut, befleißigte sich - unter Anspannung sämtlicher Kinnbackenmuskeln - der Unvoreingenommenheit.
Werner Höfer sprang im Angesicht von zwölf Millionen Frühschoppengästen und mit dem Trinkspruch »Ich glaube, es ist kein Eingriff in ein schwebendes Verfahren, sondern eine sehr naheliegende Solidaritätsbekundung, wenn man den Herren (Rudolf Augstein und Conrad Ahlers) alles Gute für das nächste Lebensjahr wünscht« über den Graben einer Höfer-Titelgeschichte (SPIEGEL 50/1959).
Und daß keine Kamera zuschaute, als beim großen Schleier-Spitzen-Tanz der CDU/CSU vom 8. November nach Entäußerung auch des letzten Behangs kein Demokrat zum Vorschein kam, lag nicht an des Westdeutschen Rundfunks christlichem Schamgefühl, sondern war Pech: Der Bundestagspräsident hatte dem WDR auf dessen Ersuchen einzig das Abfilmen der Fragestunde gestattet. Das eigentlich Sehenswerte aber geschah, nachdem die Kameras bereits abgebaut waren.
Zur absichtlichen Einmischung seitens der Television kamen elektronische Zufälligkeiten: Eine lang vorher geplante Dokumentation von Friedrich Sieburg, »Im Licht und Schatten der Freiheit« (Baden -Baden, 11. November), das Fernsehspiel »Lokalbericht« (Stuttgart, 13. November), das am Exempel einer korrupten die Nützlichkeit einer unabhängigen »Skandal« -Presse aufzeigte, oder fernmündliche Spontan-Vorschläge wie: »Ich möchte meine Griechenlandreise an Franz-Josef Strauß abtreten« (ein Gewinner der Fernseh-Lotterie 1962, vierte Ziehung, 13. November).
Kein Zweifel mehr, das Fernsehen hat »heutzutage einen erschreckenden Einfluß auf die öffentliche Meinung« (Konrad Adenauer vor amerikanischen Journalisten).
Wellte man es beim Portepee fassen, würde es in seinem Dienst am Gemeinwohl sicherlich - noch weiter gehen und der Republik aus eisernen Personalbeständen einen Übergangskanzler borgen.
Dieser würde, wie könnte er anders, aus Köln stammen; würde die Altersgrenze, jenseits welcher ein Politiker in Deutschland für voll genommen wird, bereits überschritten haben; vor allem aber: Er würde über jenes Ausmaß an Humor verfügen, das es ihm ermöglicht, auf das Fraktionskommando »Hosen runter, auch wenn Dreck drin ist!« so anschaulich zu reagieren, wie es der Wahlmündige während vorkarnevalistischer Staatskrisen verlangen kann. Aber vielleicht möchte er lieber außerparlamentarischer Volkskomiker bleiben, der Willy Millowitsch.
Merke: »Es gibt kein anderes Land auf der ganzen Welt, in dem es so freiheitlich zugeht wie bei uns« (Hermann Höcherl, Bundesinnenminister).