FILM / SOWJET-UNION Einprägsame Größe
Endlich ist der große Rubljow aus den engen Museen, Klöstern und Kirchen geholt, vom Wachs der Kerzen und Lampen gereinigt und dem Volke übergeben worden.« So frohlockte 1964 ein sowjetischer Historiker -- im Cinéastenblatt »Iskusstwo Kino« war gerade der Drehbuchentwurf zu einem Film über den berühmtesten mittelalterlichen Ikonenmaler Andrej Rubljow (um 1360 bis 1430) erschienen.
Der Wissenschaftler hatte zu früh gejubelt. Zwar wurde das Manuskript, wie geplant, zwei Jahre später vom Regisseur Andrej Tarkowski, 33, verfilmt; dem Volk in der UdSSR jedoch wird das Künstlerporträt bis heute vorenthalten. Offizielle Begründung: Das 200-Minuten-Werk, nach Ansicht westlicher Kritiker eines der besten Lichtspiele seit Eisenstein, sei »historisch anfechtbar«, »zu naturalistisch« und vor allem »zu lang«.
Selbst nachdem der Regisseur seinen »Andrej Rubljow« um 14 realistische Minuten verkürzt hatte -- unter anderem mußte Tarkowski die Verbrennung einer lebenden Kuh. die Auspeitschung eines Hundes und einen von Tataren gefolterten Russen entfernen -, kam in Moskau nur eine einzige Vorstellung zustande: Im letzten Februar, gut zwei Jahre nach Beendigung der Dreharbeiten, durften Diplomaten, Kritiker und Funktionäre den Film sehen.
Und als der »Rubljow« aufgrund einer alten Abmachung zwischen de Gaulles Kulturchef André Malraux und der Sowjet-Ministerin Furzewa im Mai außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen von Cannes lief, reiste die UdSSR-Delegation ab.
Dennoch wurde der Film, in Cannes mit dem internationalen Kritikerpreis geehrt, von den Russen ins Ausland verkauft -- offenbar aus Versehen.
Denn als der Käufer, Frankreichs halbstaatlicher Verleih »Compagnie Française de Distribution Cinématographique« (CFDC), im November die Pariser »Rubljow«-Premiere vorbereitete, wollte Otar Teneschwill, Direktor des Vertragspartners »Sowexport« -- »Der Film ist noch nicht endgültig geschnitten« -, mit Unterstützung des Quai d'Orsay den Handel sogleich rückgängig machen.
Erst als die CFDC diese Pressionen publizierte, schwiegen die Russen -- rund 44 000 Franzosen haben seither den Leidensweg Rubljows, der in einem von Tataren verwüsteten Rußland die Renaissance-Malerei vorweggenommen hat, in vier Lichtspielhäusern erlebt.
Sie sahen ein »Meisterwerk« ("Le Nouvel Observateur") »von einprägsamer Größe« ("Financial Times")« eine Film-Biographie, »die der sowjetischen Filmkunst Ehre macht« ("Le Monde") und zugleich »eine Freiheitsbotschaft« ("Les Lettres françaises") bedeutet.
Vor allem aber sahen sie »Geschichte durch moderne Augen« (Tarkowski): Wie für seinen Maler-Helden Andrej Rubljow, der als erster einem (in dez« Moskauer Tretjakow-Galerie erhaltenen) »Jüngsten Gericht« humane, diesseitige Züge gab, ist auch für den Regisseur »die Tradition kein Fetisch«.
Tarkowski, der seinen ebenfalls in Rußland umstrittenen, genialischen Spielfilm-Erstling »Iwans Kindheit« ("Goldener Löwe« von Venedig 1962) ausdrücklich als Vorbereitung auf seinen »Rubljow« gedreht hatte, schildert einen modernen, gebrochenen Charakter:
Rubljow, Maler und Mönch, wird Zeuge von Sex-Orgien und Tataren-Überfällen auf eine Kathedrale. Er muß mit ansehen, wie ein russischer Großfürst Künstler blenden läßt -- sie haben eine Kirche ausgemalt und sollen diese Bilder künftig nicht mehr übertreffen können.
Rubljow wird als Spion ans Kreuz gebunden, von einer verliebten Frau jedoch befreit. Er begeht schließlich, um ein schwachsinniges Mädchen zu retten, sogar einen Mord. Danach hört er auf zu arbeiten, legt ein Schweige-Gelübde ab -- auch der Rubljow-Darsteller sprach einen Monat lang kein einziges Wort -- und wird erst als Helfer beim Guß einer tonnenschweren Friedensglocke wieder aktiv.
Der Ikonenmaler, das wollte Regisseur Tarkowski zeigen, siegt als Individualist in künstlerischer Freiheit. über seine unmenschliche Umwelt. Tarkowskis Rubljow ist das Gewissen der Gesellschaft.«
Doch einer solchen realistisch vorgeführten Gewissens-Erforschung -- das ist der wahre Grund für den jahrelangen »Rubljow«-Boykott -- ist die von den Stalin-Greueln kaum genesene Sowjet-Gesellschaft noch nicht gewachsen.
Darum bereitet sie ihrem besten Cinéasten ein Schicksal à la Pasternak. Solschenizyn und läßt selbst Mitläufer nicht ungeschoren: Weil Tarkowskis Regie-Kollege Andrej Michalkow-Kontschalowski am »Rubljow«-Drehbuch mitgearbeitet hat, darf er auch seinen eigenen Film, »Assias Glück« daheim nicht öffentlich aufführen.