MUSIK Einsame Exkursionen
Vor seinem Konzert bemüht sich der Solo-Pianist, sein musikalisches Gedächtnis auszuradieren. Wie ein Neugeborener. der noch nie eine Melodie gehört hat, will er vors Publikum treten; kein musikalischer Erinnerungsfetzen darf bei der ein- bis zweistündigen Tasten-Wanderung seine »tonile Spontaneität« beeinträchtigen.
»Ich versuche, den Denkprozeß auszuschalten. Ich möchte mich hinsetzen. als ob ich nie zuvor Klavier gespielt hätte«, sagt Keith Jarrett, 34. der amerikanische Komponist, Piano-Virtuose und Improvisations-Künstler.
Mit seinen phänomenalen Alleingängen am Klavier, bei denen er nur dem spontanen Einfall folgt, hat Jarrett den Nerv eines breiten Publikums zwischen Tokio, Paris und New York getroffen. Wo er auftritt (für Gagen bis zu 40 000 Mark), sind die Säle ausverkauft.
Jarretts suggestive Klang- und Melodie-Erfindungen sprechen Rockfans an und Klassik-Ereaks; auch bei undogmatischen Jazz-Anhängern wirkt die Magie des Solo-Künstlers. Jarrett fasziniert »mit Sechziger-Jahre-Ideen von Spontaneität und Freiheit« ("The New York Times").
Mit brillanter Technik fabuliert der kleine, drahtige Mann mit den Afrolocken und dem schmalen Oberlippen-Bart seine Piano-Erzählungen aus einem anscheinend unerschöpflichen Reservoir an Kompositions-Ideen; er bewegt sich dabei quer durch die Geschichte und Geographie der Klavier-Musik. Jarrett ist eine »Konzertattraktion wie vor ihm nur die Virtuosen der »ernsten« Musik« ("FAZ").
Auch die Mitschnitte seiner Solo-Konzerte pro Jahr hat er zwischen 10 und 20 Auftritte -- sind gefragt. 230 000mal wurde die Drei-Platten-Kassette »Solo-Concerts Bremen Lausanne~ ~on 1973 verkauft; das Doppel-Album vom »Köln Concert«, 1975 veröffenlicht, hat eine Auflage von 500 000 Exemplaren erreicht. Der Verkauf hält an -- ein »in der Branche unerhörter Erfolg« ("Die Weltwoche").
Das bislang ehrgeizigste Phono-Produkt mit Jarretts einsamen Piano-Exkursionen, das monumentale Zehn-Platten-Album »Sun Bear Concerts«. hat seit Oktober letzten Jahres 25 000 Käufer gefunden. Auf 20 Plattenseiten hält der Wälzer fest, was die übersprudelnde Phantasie des Ausnahme-Pianisten 1976 in fünf Konzerten einer Japan-Tournee rhapsodiert hat.
Die ungewöhnliche Platten-Sammlung dokumentiert, was der Besucher einzelner Jarrett-Konzerte nur ahnen kann: daß der agile Tasten-Artist bei jedem Auftritt ein völlig neues musikalisches Gebilde schafft, daß jeder Klavierabend unwiederholbar ist.
Jarrett schwelgt in lyrischen Klang-Tableaux, die in den Farben europäischer Piano-Romantik und impressionistischer Gespinste aufstrahlen. Er entfernt sieh in die entrückte Gelassenheit indischer Raga-Improvisationen und wechselt in schwarze Boogie- und Gospel-Figuren. Er versenkt sich in fernöstliche Meditations-Formeln.
Dynamisch läßt Jarrett Melodie-Kürzel in Wellenbewegungen aufbrausen und abebben. Er streichelt das Instrument im Pianissimo oder treibt es bis an die Grenzen seiner Lautstärke, wenn er kräftig mit beiden Händen in Akkordfolgen wühlt. Bevor die Rechte hymnisch eine neue Melodie ausformuliert, repetiert er mit der Linken -- manchmal bis zum Überdruß -- triviale Baß-Ostinati.
Dabei fährt ihm seine Musik so in die Glieder, daß er sich auf dem Podium wie ein Zappel-Philipp gebärdet: Mal beschreibt sein Oberkörper Kreisbewegungen, daß die ausgestreckten Arme kaum die Tastatur erreichen, mal sieht es aus, als wolle er in den Flügel kriechen. Und fast immer keucht und stöhnt er dazu und explodiert in Lustschreien, oder er begleitet in Unisono-Gesang besonders schöne Melodie-Linien.
Jarretts Solo-OEuvre läßt kaum noch erkennen, daß der vielseitige Dauerklavierspieler das Improvisieren im Jazz gelernt hat. Nur gelegentlich swingt die Musik oder stützt sich auf Jazz-Harmonien, und nur selten verrät seine Spielweise, daß seine Pianisten-Karriere, nach klassischer Ausbildung im Geburtsort Allentown, Pennsylvania, in den Jazzklubs von Boston und New York angefangen hat.
Dort war er in die Bands des Schlagzeugers Art Blakey und des Multi-Instrumentalisten Roland Kirk eingestiegen, und als wichtigsten Einfluß für seine grenzüberschreitende Stil-Vielfalt rühmt er heute seine frühere Präsenz auf Jazz-Kleinbühnen.
Nach Tourneen mit der Combo des Saxophonisten Charles Lloyd, in der er mit seinen fröhlich perlenden Läufen das Rockpublikum der Hippie-Ära begeistert hatte, erlebte Jarrett den Durchbruch in einer der Bands des Trompeten-Stars Miles Davis.
Bei ihm spielte Jarrett, ein Verächter elektrifizierter Musik, auf elektrisch verstärkter Orgel. Seinen Flirt mit dem verpönten Jazzrock entschuldigt er: Die Musik von Miles Davis »war elektronisch konzipiert. Es gab keinen anderen Weg, das zu spielen, was bei Miles entstanden war«.
Jazzgeschichte schrieb Jarrett mit seinem 1976 aufgelösten Quartett, in dem die US-Musiker Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Motian mitgewirkt hatten. Mit dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek geht er immer noch zwischen Solo-Auftritten auf Tournee und pflegt das Jazz-Idiom.
Weltweit populär wurde Jarrett aber erst, als er seine genialischen Solo-Konzerte zu absolvieren begann. Die Begegnung mit dem Münchner Platten-Produzenten Manfred Eicher, auf dessen renommiertem ECM-Label er unbeschränkte Aufnahme-Möglichkeiten fand, setzte 1972 eine der erstaunlichsten Musiker-Karrieren der Gegenwart in Gang.
Jarrett gilt als unzugänglich, kühl und arrogant. Um so bescheidener wirkt, wenn der Piano-Star im Begleittext zur »Solo Concerts«-Kassette anmerkt: »Ich glaube nicht, daß ich etwas schaffen kann, aber ich glaube, daß ich Kanal sein kann für das Kreative. Ich glaube an den SCHÖPFER, und so ist dies SEIN Album durch mich für Sie, mit so wenig dazwischen, wie es auf dieser Medien-bewußten Erde möglich ist.«