Einschiffung des Schreckens - DER SPIEGEL
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Einschiffung des Schreckens

Nahaufnahme: Auf großer Erinnerungsfahrt nimmt der Dampfer Fernsehen die Geschichte der »Wilhelm Gustloff« auf.
Von Nikolaus von Festenberg
• aus DER SPIEGEL 3/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Rahmen, wie er für die Vorstellung eines teuren Fernsehereignisses üblich ist: Nicht pompös und feierlich, aber erfüllt vom Stolz auf die eigene Arbeit haben sich Stars und Halbstars, ZDF-Hierarchen, Filmcrewmitglieder nach der ersten öffentlichen Vorführung ihres Zweiteilers vor der leeren Bühne der Hamburger Kammerspiele aufgereiht.

In diesem Haus weht Geschichte. Hier ist Wolfgang Borcherts heilloses Heimkehrerdrama »Draußen vor der Tür« 1947 uraufgeführt worden, hier hat Ida Ehre als Prinzipalin gewirkt, die sich wegen ihrer jüdischen Herkunft während des Kriegs hatte verstecken müssen.

Aber daran denken die Verantwortlichen für den TV-Film »Die Gustloff«, der Anfang März im ZDF zu sehen sein wird, nicht. Sie sind nach zweimal 90 Fernsehminuten zu Recht ergriffen von dem, was sie geschaffen haben, von der fiktionalen Schilderung der schlimmsten Schiffskatastrophe, die es je gegeben hat, vom Untergang der rund 9000 Menschen, darunter 4000 Kinder, ausgelöst durch drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots in der eisigen Ostsee am 30. Januar 1945.

Wo sonst vielleicht ein Hauch von Glamour aufkommen könnte, herrscht jetzt unter den Darstellern Ernst. Heiner Lauterbach und Kai Wiesinger - sie spielen ein gegensätzliches Brüderpaar auf der »Gustloff«, Nazibeflissener Kain der eine, mutiger Abel der andere - scheinen auch nach der Vorführung nicht aus ihren Rollen herauszukommen.

Die gleiche respektvolle Gedämpftheit bei den weiblichen Stars. Die Wirkung des Dramas reicht bis in die Gegenwart. Dana Vávrová, Valerie Niehaus, Ulrike Kriener, Anja Knauer erschienen in dem Film, als wären die toten Flak-Helferinnen, die gläubigen Nazi-Frauen, die verzweifelten Mütter von damals in den Gesichtern der heutigen Schauspielerinnen auferstanden. Gibt es im Reich der Ästhetik vielleicht unbewusste Brücken zum Gestern?

Doch dann kommt ein praktischer Mensch wie der Regisseur Joseph Vilsmaier zu Wort. Der erinnert daran, dass TV-Filme nicht auf Tränen gebaut werden, sondern auf handfester Arbeit. Historiendramen wie »Die Gustloff« sind kunstvolle Rekonstruktionen. Geschichte liefert den Nachgeborenen nicht frei Haus die Verfilmung ihrer selbst.

Der Drehbuchautor Rainer Berg spricht davon, dass historische Wirklichkeit »keinerlei dramatische Strukturen« habe, also der fernsehgerechten Verarbeitung bedarf. Guido Knopp, oberster Geschichtswart im Zweiten, wird den Zweiteiler mit einer zweiteiligen Dokumentation erklärend begleiten.

Das soll etwaige auf Authentizität fixierte Puristen beruhigen. Denn die könnten Anstoß daran nehmen, dass die Fiktion einen bösen Bordfunker (Detlev Buck) erfunden hat, der - von den Sowjets gedungen - mit einer gefälschten Meldung über entgegenkommende deutsche Verbände die Schiffsleitung gezwungen haben soll, die äußeren Markierungslichter einzuschalten, so dass das sowjetische U-Boot die »Gustloff« gut ausmachen konnte.

Wenn der große Unterhaltungsdampfer des fiktionalen Fernsehens Geschichte an Bord nimmt und ablegt, bleibt schwer Dramatisierbares zurück. Zum Beispiel, welche Last es für die Überlebenden ist, sich ein Leben lang in einer desinteressierten Nachkriegsgesellschaft an den Schrecken erinnern zu müssen.

Günter Grass hat in seiner Novelle »Im »Krebsgang« (2002) die Erinnerungsqualen der »Gustloff«-Betroffenen und ihrer Nachfahren bedichtet, ein krebsiges Vorund-Zurück, ein Akt, in dem die Familie Generationskonflikte austrägt. In den Hamburger Kammerspielen sieht es an diesem Abend so aus, als wäre die Einschiffung der Historie in die fiktionale Welt der dramatischen Bilder eine glatte Geschichte: einfach hinein und Leinen los.

Aber dann spricht ein alter Mann, Heinz Schön. Er war zum Zeitpunkt des Untergangs Zahlmeisterassistent auf der »Gustloff«. Er hat so gar nichts von der TV-Geläufigkeit. Er berichtet umständlich, was es für Mühen gekostet hat, die Toten der Katastrophe genau zu zählen. Bis 1997 hat das gedauert. Der Zahlmeister hat sein ganzes Leben Buch geführt. Aber er ist kein Buchhaltertyp. Er erinnert sich, wie er über den Teppich der halb Totgetrampelten auf das Deck gestoßen wurde. Alle wollten nach oben: »Das war ein Zustand, der nicht zu erklären ist.«

Er hat erlebt, wie ein Offizier einen Mann erschoss, der sich mit einem Kopftuch als Frau verkleidet hatte, um in ein Rettungsboot zu gelangen. Auf einem Rettungsfloß bat ihn ein Matrose mit gebrochenem Bein, er solle ihn töten. Schön hatte keine Pistole. Auf einem anderen Floß lag jemand, dem er den Arm unter den Kopf schob. Lange blonde Haare kamen ans Licht. Ein Mädchen. Es wollte mit ihm ein Vaterunser beten. Dann kam die Welle, die es fortriss. Schöns Stimme scheint zu versagen, aber er hat gelernt, die Erinnerung zu beherrschen.

Schön begrüßt den Zweiteiler. »Der Film sollte der Jugend bewusst machen, wohin Gewaltherrschaft, Krieg und Diktatur führen.« Der Fernsehdampfer mit den vielen Bildern und den richtigen Lehren geht auf große Fahrt. Die letzten Überlebenden bleiben zurück und grüßen. Sie sind so, wie sie immer waren: allein mit ihren persönlichen Erinnerungen, die durch nichts zu bewältigen sind.

NIKOLAUS VON FESTENBERG

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