SOZIOLOGIE Eisernes Schweigen
Als sein Schwager an Magenkrebs erkrankt sei, so berichtet der Landwirt, habe er Freunden und Nachbarn gegenüber bis zum Tode des Patienten »eisern geschwiegen«. Selbst im Kreis der Verwandten habe niemand das Leiden richtig beim Namen genannt. »Da hat man«, erinnert er sich, »immer vorbeigesprochen.«
»Weil sie Angst haben, es könnte was rauskommen«, meint er, werde auch in den anderen Familien seiner Heimatgemeinde eine Krebserkrankung stets nach Möglichkeit geheimgehalten; dafür weiß der Bauer gute Gründe: Nachbarschaftliches Mitgefühl wird den krebskranken Dörflern meist erst zuteil, wenn sie schon auf dem Sterbebett liegen.
Sind sie noch halbwegs bei Kräften, werden sie nicht selten als Simulanten oder »Faulenzer« beschimpft. Speziell bei Frauen wird die Krankheit oft auch als Buße für einen einst lockeren Lebenswandel gedeutet: »Ja, die hat''s früher schön getrieben«, heißt es dann, »so ''ne Strafe mußte man der ja schicken.«
Wie das deutsche Landvolk mit seinen Krebskranken umgeht, was es über die Ursache der Krebskrankheiten und den Nutzen von Vorsorge und Behandlung denkt - das alles hat die Tübinger Volkskundlerin Jutta Dornheim in einem abgelegenen Dorf auf der Schwäbischen Alb zu ergründen versucht und jetzt in einer Studie mit dem Titel »Kranksein im dörflichen Alltag« veröffentlicht.
( Jutta Dornheim: »Kranksein im ) ( dörflichen Alltag«. Tübinger ) ( Vereinigung für Volkskunde e. V.; 308 ) ( Seiten. )
In jeweils mehrstündigen Gesprächen mit alten und jungen Dorfbewohnern förderte die Forscherin einen widersprüchlichen »Vorstellungskomplex Krebs« zutage, in dem halbverdautes Medizinwissen, Aberglaube, Todesfurcht und religiöse Bestrafungsängste zusammenfließen - ein irrationales Gemisch, das eine vernünftige Einstellung zum Krebs und den davon befallenen Patienten fast unmöglich macht.
Für die schwäbischen Landmenschen, notiert die Autorin, scheine der Krebs »so etwas wie ein Haken in der äußeren Welt zu sein, an dem sich ein übergroßes, aus äußeren und inneren Quellen gespeistes Angstpotential festmachen« könne: Viele von ihnen sehen in der unheimlichen Krankheit gleichsam dämonische Kräfte am Werk.
So ist bei den Alb-Bewohnern auch heute noch der Glaube verbreitet, Krebs werde unter anderem durch obskure »Erdstrahlen« oder den Einfluß unterirdischer »Wasseradern« ausgelöst. Zum Schutz gegen die vermeintliche Gefahr aus der Tiefe, der sie mit Wünschelruten nachspüren, haben sich manche Dörfler in ihrem Keller aus der Schweiz importierte »Entstörungsgeräte« installieren lassen.
Zugleich allerdings beschreiben vor allem ältere Dorfbewohner den Krebs als eine Krankheit, die irgendwie mit der Tuberkulose verwandt zu sein scheint. Unverkennbar, konstatiert Jutta Dornheim, habe das Erscheinungsbild der früher als Horror-Leiden gefürchteten, inzwischen besiegten Schwindsucht auch die bäuerlichen Vorstellungen von der Krebskrankheit geprägt. S.251
Bis heute etwa sind die Alb-Bauern den dunklen Verdacht nicht losgeworden, Krebs sei wie die Infektionsseuche Tuberkulose womöglich ansteckend. Daß sie Krebskranke wie einst Schwindsüchtige meiden und in die Isolation treiben, hängt laut Jutta Dornheim nicht zuletzt mit ihrer traditionell tief verwurzelten »Ansteckungsfurcht« zusammen.
Die Angst wiederum, als Infektionsherd ausgesondert und damit oft auch sozial deklassiert zu werden, zwingt krebskranke Dörfler, ihr Leiden tunlichst zu verbergen. Mitunter täuschen sie andere, harmlose Krankheiten vor - bei Prostatakrebs etwa »Wassergeschichten«.
Bei soviel Angst, als »Krebsmensch« öffentlich erkannt zu werden, ist die Bereitschaft der Dorfbewohner denkbar gering, sich an Vorsorgeuntersuchungen zu beteiligen. Allenfalls »wenn''s Pflicht wäre für alle«, meint einer, wären Früherkennungsmaßnahmen durchzusetzen; dann, hofft er, »würde das Reden eben wegfallen«.
Bleiben würde aber auch dann noch eine gehörige Portion Mißtrauen: In Sachen Krebs trauen die Landleute der ärztlichen Kunst nicht allzuviel zu. »Je mehr man rumrührt«, urteilt eine Dorfbewohnerin, desto »mehr rührt man auf«. Durch Vorsorgeuntersuchungen und erst recht durch chirurgische Eingriffe, bestätigt ihr Nachbar, werde nur »alles durcheinandergebracht« und der Tumor sozusagen »wild gemacht«. Wenn »man einen aufmacht« und »Luft dazu kommt«, meint ein anderer, »dann geht''s meistens rasch«; ohne Behandlung dagegen könne sich ein Tumor »verkapseln«, wobei der Patient möglicherweise noch »zwanzig Jahre« beschwerdefrei weiterlebe.
Hinter derlei konfusen, pseudowissenschaftlichen Erklärungen verbirgt sich bei den meisten Befragten die fatalistische Überzeugung, daß es letztlich doch so »kommt, wie es kommen muß«. Krebs, vermutet einer der Alb-Dörfler, sei im Grunde »einfach Pech« - »jeder kann es kriegen«.
Zwar glauben auch die Dorfbewohner, daß es möglich sei, dem Übel vorzubeugen; dabei sind die wichtigsten Mittel die gleichen, die auf dem Land seit jeher auch gegen die Tuberkulose empfohlen werden - frische Luft und gehaltvolle Kost. Doch zugleich scheint in ihren Gesprächen mit der Tübinger Forscherin immer wieder der Gedanke durch, daß eine Krebserkrankung nicht nur als Pech, sondern auch als verdientes Schicksal, etwa als Strafe für frühere Verfehlungen zu betrachten sei.
Zumal bei den Alten im Dorf ist die schwelende Krebsangst gelegentlich mit - meist nur vage angedeuteten - Erinnerungen an Kriegserlebnisse verknüpft, bei denen es um Gewalttaten oder sexuelle Fehltritte geht. Häufig und ebenfalls verschleiert taucht der Verdacht auf, es S.252 gebe eine Beziehung zwischen »Unterleibskrebs« und sexueller »Überaktivität« bei Frauen.
Ganz deutlich artikuliert wird der vermutete Zusammenhang zwischen Sex und Krebs, wenn die Alten auf das heute ungezwungenere Geschlechtsleben der Jugend zu sprechen kommen. Daß »die Pille den Krebs fördert«, halten sie allesamt für erwiesen; auch daß die Jugendlichen »schon so früh anfangen«, erhöht nach ihrer Überzeugung das Krebsrisiko. »Schon im Schulbus geht''s los«, klagen sie, »das ist doch nicht normal.« Die Folge für die nächsten Generationen, fürchten sie, werde eine rapide Zunahme der Krebserkrankungen sein.
Und wenn der Krebs eines Tages wie die Schwindsucht und andere Menschheitsplagen endgültig besiegt würde? Daran können die Alb-Dörfler nicht so recht glauben. Ausschließen wollen sie es, bei aller Skepsis, zwar nicht; einige fordern immerhin, der Staat müsse in die Krebsforschung »viel mehr Geld reinschmeißen«.
Doch die Skepsis überwiegt. »Auf den Grund kommen sie doch nicht«, meint eine Bäuerin. Die historische Erfahrung, daß auf die Schreckenskrankheit Tuberkulose der Krebs als neue Geißel folgte, hat die Dörfler resignieren lassen. Jetzt, sinniert ein anderer, »wo man die Lungenkrankheiten so ziemlich im Bann hat, ist auf einmal das da.«
Würde der Krebs tatsächlich besiegt, mutmaßt ein dritter, »käme wieder eine andere Krankheit«, etwas »wo der Mensch dran stirbt«. Das sei wohl so eine Art »Naturgesetz«. Sonst nämlich, glaubt er, »wüßte die Menschheit ja vor Übermut nicht mehr, was sie überhaupt noch treiben soll«.
S.250Jutta Dornheim: »Kranksein im dörflichen Alltag«. TübingerVereinigung für Volkskunde e. V.; 308 Seiten.*