Eisiger Mix - DER SPIEGEL
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ROCKMUSIK Eisiger Mix

Die Jamaikanerin Grace Jones, einst ein hochbezahltes Photo-Modell, hat sich nun auch als singende Diskotheken-Kultfigur etabliert.
• aus DER SPIEGEL 29/1981
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Für ihre ersten Versuche, sich als Sängerin ins Gespräch zu bringen, hatte die Musikpresse nur Verachtung und Spott übrig: »Songs für swingende Eunuchen«, höhnte der Londoner »New Musical Express«, als Grace Jones, 28, ihre erste LP herausbrachte. Für ihr neuestes, inzwischen fünftes Album findet dasselbe Blatt nur noch Lob: »perfect.«

Mit der jüngsten LP, Titel: »Nightclubbing«, hat sich die Jamaikanerin, ehemals Photomodell bei »Vogue« und Partykönigin der New Yorker Schwulenszene, in eine hochmodische musikalische Pose geworfen: Der eisige Mix aus schrillen New-Wave-Rhythmen signalisiert wieder einmal eine Trendwende in der gerade 30jährigen Rockgeschichte.

Die Zeichen stehen nicht mehr so sehr auf Anklage und Aggression, sie weisen nun entschiedener auf einen narzißtisch-resignativen Überlebenskampf: Die neuen Tändeleien mit Stilvariationen um ihrer selbst willen, das verzweifelte Bemühen um Manieriertheit oder die Flucht in exotische Musikkulturen werden mit so zynischer Coolness serviert, als sei das genaue Datum des Weltuntergangs schon bekannt.

Zur Rush-hour der Endzeit liefert die Tochter eines karibischen Geistlichen die passenden Verkehrsdurchsagen: »Schieb' dich mit deiner langen schwarzen Limousine an meine Stoßstange ran, Baby«, zotet die grelle Grace auf ihrer Sommer-Single »Pull Up To The Bumper«, »und dann fahr' mitten rein, zweimal hin und zurück, das fühlt sich gut an.«

Bei ihren Live-Auftritten trägt das narzißtische Kunstgeschöpf ebenfalls stark auf und präsentiert sich in bizarren Posen und seltsamer Aufmachung: Grace auf einem Motorrad in Gummi, Grace gefesselt mit einer Lederpeitsche im Mund, Grace in Asbestklamotten mit meterbreiten Schultern und einer Brikett-Frisur: »Wenn ich was mache, dann mache ich es extrem.«

Als sie zwölf war, zog ihr Vater, ein strenger, frommer Mann, mit der Familie von Jamaika zur Missionsarbeit in den US-Staat New York um. In die von den Eltern ersehnte Bürgernähe geriet Grace jedoch nie. Nach einem flüchtigen College-Gastspiel und Schauspiel-Aktivitäten in Philadelphia ging sie nach Paris und landete als Photomodell auf den Covers wichtiger europäischer Modemagazine. Sogar das sowjetische Parteiblatt »Prawda« zeigte sie beim Vorführen schicker Totenkleider für den sterbenden Kapitalismus.

Nachdem sie, zurück in New York, ihren schmalen, 1,80 Meter langen Körper in völlig verrückten Nicht-Roben und unter verwegenen Anti-Frisuren in den Schickeria-Diskotheken Manhattans herumgezeigt hatte, beschloß sie, sich im Disco-Aufwind als Sängerin zu vermarkten. Bei ihrer hauptsächlich homophilen Nachtklub-Klientel fand sie mit dem Song »I Need A Man« auf Anhieb Verständnis.

Später drängte sie ihre ungeschulte, dunkel vibrierende Stimme Piaf-Schlagern ("La vie en rose") und Broadway-Schnulzen ("Send In The Clowns") auf, in jener »Mischung aus Sehnsucht und Wildheit, gebrochenem Herzen und Geilheit« ("Village Voice"), die Donna Summer zum Soul-Hausmütterchen und Amanda Lear zur Vorort-Discoteuse degradierte.

Als aber der Tanzmusik-Boom kurzfristig abflaute und viele Disco-Showpuppen sich den schnellen Ruhm abschminken mußten, ging Grace noch lange nicht in Sack und Asche, sondern bewies erst jetzt ihren verblüfften Kritikern im Rock-Lager, daß sie mehr war als ein singender Kleiderständer.

Mit der Elite jamaikanischer Reggae-Studiomusiker spielte sie für zwei Alben ("Warm Leatherette« und »Night-clubbing") eine Reihe vorzüglich arrangierter New-Wave- und Rhythm-and-Blues-Nummern ein und stilisierte sich auf den Plattenhüllen wie eine von Leni Riefenstahls nubischen Schönheiten, die gerade in den Weltraum abheben will.

»Politisch gesehen, bringt das, was ich mache, das Image der Frau nicht gerade voran«, bekennt die extravagante Sängerin kritisch. »Aber, vom Erfolg her betrachtet, ist es toll.«

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