Eiskalte Märchen - DER SPIEGEL
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BÜCHER Eiskalte Märchen

Hermann Kinder: »Liebe und Tod. 25 schöne Geschichten von A bis Z«. Haffmans Verlag, Zürich; 160 Seiten; 16 Mark. *
• aus DER SPIEGEL 51/1983
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Ein Computerspezialist namens J will sich unter einer Imaginationshaube Erleichterung vom grauen Alltag verschaffen und hat dann ein speziell seine Wünsche berücksichtigendes Programm entwickelt: »Mit der zugleich rassigsten wie anschmiegsamsten Frau, der mütterlichsten Tochterhure würde er verschmelzen in einer unteilbar gemeinsamen Naturempfindung«, die gipfeln möge in einer Kahnpartie unter verglühendem Sommerhimmel.

Aber noch bevor die Haube ausprobiert wird, kommt es zu einer Verwechslung. Eine Kollegin J's hat ihrerseits ein Programm vorbereitet. J vertauscht die Programme und erlebt sein blaues Wunder: Da steht plötzlich, breitbeinig und stark wie eine Tigerin, die Kollegin vom Terminal nebenan in seiner Vorstellung.

»He Schwanz, sagt sie ... boxt ihn, kinnreckend, rückwärts nieder auf den Kassentisch des Bootsverleihers« - greift ihm in die Hose, hebt die elektrische Heckenschere, legt ihre »messerscharfen Schenkel um seine Hüften« und fährt »die Maschinenpistolen aus ihren Brustwarzen aus«. In Panik reißt sich J die Haube vom Kopf und verheddert sich im Gewirr der Kabel. Am empfindlichsten Körperteil vom Kurzschluß getroffen, findet man ihn tot.

Hermann Kinder erzählt 25 solcher eiskalter Märchen aus der Moderne. Die ersten Experimente mit der dazu passenden, ironisch-kühlen Schreibweise unternahm er im 1981 erschienenen Roman »Der helle Wahn«. Aber damals versammelte er seine Geschichten noch unter einem sie verbindenden Thema: Sie waren Gleichnisse für die Wahnvorstellung gewisser Leute, in ihrem Mittelmaß stecke ein verkanntes Genie.

Sein neues kleines Buch dagegen wird nur noch vom Abc zusammengehalten - und einer an Sadismus grenzenden Erotomanie: Der Held der ersten Geschichte heißt A, der der zweiten B usw.; und ihre Geschichten handeln von so verschiedenen Begebenheiten wie dem »Abenteuer eines Radfahrers«, dem »Kampf der Narzißten« oder der »Verpuppung des Automaten«. Der Autor präsentiert sie als (Privat-)Apokalypsen über das Unschöne der Welt.

Hermann Kinder, 39, gefällt sich inzwischen in grenzenlosem Zynismus. »Auch dies«, schreibt er zum Schluß, »ist eine schöne Geschichte: Der Herausgeber, der Liebesbriefe zwischen Herder und seiner Braut stapelte, nachdem seine Ehe fehlgeschlagen war, Exemplare seiner Edition, stellte sich obenauf, legte die Schlinge um den Hals und trat die Bücher unter sich weg.« Und da, wo in anderen Märchenbüchern »Ende« steht, hat Hermann Kinder gezeichnet: einen Galgenstrick.

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