Bücher Elan der Eingeweide
Als er noch um Gala, seine spätere Frau, warb, so erzählte Dali in einer frühen Autobiographie, habe er sich einmal von Kopf bis Fuß mit Ziegenscheiße eingerieben. Später richtete er ein nacktes Mädchen kulinarisch an: Er dekorierte die auf einem Tisch Liegende mit surrealistischen Objekten und leckeren Viktualien. Das war schon appetitlicher.
Sein neuestes Werk hat der heute 70jährige spanische Alt-Surrealist nun vollends der Gourmandise gewidmet. Es ist, in der Hauptsache, ein handfestes Kochbuch. Die nicht weniger kulinarischen Nebensachen sind opulente Illustrationen, Dali-Collagen, Ausschnitte aus Dali-Bildern und kurze Dali-Texte wie: »Dem Krebs des Paracelsus sollte man abgehackte Köpfe oder Rumpfstücke junger Märtyrer in heißem Blut beigeben.« Doch das mit diesen Worten eingeleitete Kapitel »Herbstliche Kannibalismen« hält nicht, was es dem lesenden Menschenfresser verspricht: Es folgen Rezepte wie »Bouillon mit Ei«, »Heringspüree« und »Sellerie gratiniert«.
Hausbacken sind die Rezepte des Salvador Dali jedoch keineswegs, das ist er seinem Ruf schuldig, und dafür garantiert auch die Herkunft der Kochbuchanweisungen: Dali hat sie sich zum Teil aus den feinsten und teuersten Pariser Restaurants besorgt. Entsprechend aufwendig wird da oft gekocht, und für die Durchschnittshausfrau ist ein »Perlhuhn Viroflay« nach Art von »Lasserre« kaum nachkochbar. Auch die »Aalpastete« aus dem gleichen Schlemmerlokal gehört zu den großen Schöpfungen der feinen Küche, an die sich vernünftigerweise nur Profis wagen.
Schließlich hat der exaltierte Gastro-Ästhet ("Die Schildwache des Ekels ist stets gegenwärtig") für die Vogelfreunde einen zwölffachen Schocker bereit: Auf ein Dutzend Artischockenherzen setzt er je eine gekochte Schwalbe, die vorher -- Horst Stern soll schützen! -- mit Gänsestopfleber gefüllt wurde.
Dennoch gibt es in Dalis Buch zahlreiche Rezepte, die man gern in einigen der vielen bürgerlichen Kochbücher wiederfinden würde. Das »Sauerkraut nach Art von Vater Hans«, mit Bier gekocht, ist eine vorzügliche Variante des meistens so einfallslos zubereiteten deutschen Stammgerichts. Nur die darin zwei Stunden lang mitgekochten Beefsteaks dürften am Ende ihre Eßbarkeit verloren haben.
Größere Popularität verdiente auch die -- beherzigenswerte -- Empfehlung Dalis, rohe Kalbsleber durchzupassieren und mit Rührei zu braten. Angenehm deftig ist sein »Ragoût vom Ochsenschwanz«, das gewiß auch gut schmecken wird, wenn man auf den vorgeschriebenen halben Kalbskopf verzichtet und statt dessen einen Kalbsfuß mitkochen läßt. Und wer sich von den appetitanregenden Photos verleiten läßt, den gefüllten Lammrücken des Restaurants »Maxim's« nachzukochen, wird feststellen, daß das eher aufwendig als schwierig ist.
Gelegentlich muß man dem kochenden Dali allerdings merkwürdige Inkonsequenz vorwerfen: Für einige Saucen verlangt er zeitraubende Fond-Zubereitungen und kostspielige Trüffelbeigaben, andere wiederum dickt er leichtfertig mit Mehl, oder er empfiehlt sogar Kartoffelpüree in Pulverform aus der Tüte.
Vielleicht erklärt das den Hinweis der Herausgeber, die Rezepte seien von einem »Meisterkoch erprobt« worden, »der indessen die strengste Anonymität zu wahren wünscht«. Jedenfalls findet sich auch für diese gastronomischen Greuel ein passendes Axiom des Salvador Dali: »Den Elan meiner Eingeweide halte ich für den höchsten Wegweiser.«
Deutschen Touristen, die sich mit Elan auf den Weg machen, um das in den »Diners« immer wieder zitierte »Bahnhofsrestaurant in Lyon« aufzusuchen, wird jedoch auch der beste Wegweiser nichts nützen: Beim Übertragen des Buches aus dem Französischen ins Deutsche hat der Berliner Propyläen-Verlag das Restaurant des Gare de Lyon nach Lyon an der Rhône verlegt -- trotz ganzseitiger Abbildung dieses außergewöhnlich schönen (wenn auch, was die Küche angeht, nicht so überwältigenden) Pariser Restaurants. Wahrscheinlich essen deutsche Lektoren auch in Paris nur in Pizzerias. Wolfram Sieheck