WERKSTOFFE Elastischer Panzer
Mit einer russischen Panzerfaust des Typs RPC-7W und einer Maschinenpistole beschossen Terroristen im September letzten Jahres den stahlgepanzerten Dienst-Mercedes des US-Generals Frederick James Kroesen. Eine der beiden Panzerfaust-Granaten verfehlte ihr Ziel, die zweite schlug im Kofferraum ein, explodierte jedoch nicht.
So kamen der Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa und seine Ehefrau mit leichten Schnittverletzungen davon. Doch Günter Ermisch, Vizepräsident des Bundeskriminalamts, vermutete damals: Wenn die Terroristen »richtig getroffen hätten«, wären - trotz Stahlpanzerung - »alle Insassen weg gewesen«.
Denn die herkömmliche Stahlsicherung bietet nur bedingt Schutz bei bewaffneten Überfällen: Hohlladungsgeschosse aus Panzerfaust-Abschußrohren beispielsweise, wie sie von Terroristen benutzt werden, dringen auch durch Stahlpanzerungen bis zu 30 Zentimeter Stärke.
Panzerabwehr-Granaten aus ferngesteuerten Abschußgeräten durchschlagen sogar 50 Zentimeter dicken Stahl. Selbst gegen kleinkalibrige Stahlkernmunition schützen die üblichen 1,5 bis 2 Zentimeter dicken Stahleinlagen, wie sie bislang bei Auto-Panzerungen verwendet werden, nicht.
Stärkere Stahlplatten aber würden Fahrzeuge zu unbeweglich machen - ein Dilemma, das bisher nicht gelöst werden konnte.
Nun aber haben Experten ein Material gefunden, das diese Nachteile aufhebt und größere Sicherheit garantiert: Keramik, genauer Aluminiumoxidkeramik, verbunden mit Elastomeren, neuartigen Gummimischungen. Der neue Werkstoff wurde vom Düsseldorfer Papier-Unternehmen Feldmühle AG entwickelt und bereits von BMW in Autos eingebaut, so in den Dienstwagen des bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß.
Feinkeramik, hergestellt aus hochgereinigten Bestandteilen ganz gewöhnlichen Lehms, gilt bei Werkstoffexperten als Geheimtip: Das Material ist fast so hart wie Diamant, fester als Stahl, extrem hitzebeständig und eignet sich hervorragend zur elektrischen Isolierung. Umhüllungen für komplizierte Halbleiter ("Mikrochips"), Schneidwerkzeuge, Maschinenteile und künstliche Knochen werden aus Keramik gefertigt. Die japanische Firma Kyoto Ceramic verblüffte kürzlich mit der Mitteilung, ein von ihr gebauter Keramik-Motor (der ohne Kühlsystem arbeitet und bis zu 1200 Grad Celsius heiß wird) verbrauche 30 Prozent weniger Treibstoff als herkömmliche Antriebe.
Bei der Konstruktion ihrer Panzerplatten mußten die Feldmühle-Techniker das Problem lösen, hinlängliche Bruchfestigkeit mit ausreichender Elastizität zu kombinieren. Das gelang mit einer »Keramik-Metall-Verbundplatte«, bei der jeweils vier Keramik-Quadrate mit einvulkanisierter Gummizwischenschicht in Metallrahmen eingelassen sind.
Die Vorteile des Materials wurden in zahlreichen Tests erwiesen:
* Schon 2,5 Millimeter starke Keramikplatten, die auf 3,6 Millimeter dicken Alu-Trägern sitzen, stoppen, wie der Stuttgarter Waffenexperte und Polizeiberater Siegfried Hübner feststellte, »auch die stärkste, schnellste und durchschlagendste Munition aus Faustfeuerwaffen«.
* An acht Millimeter starken Platten auf sechs Millimeter Alu-Schicht prallen »ganz sicher« (Hübner) die Stahlkerngeschosse aus Sturmgewehren und Maschinenpistolen ab, die mit normaler Stahlpanzerung nicht aufzuhalten sind.
* Keramik-Schutzplatten von 22 Millimeter Dicke - statt mindestens 500 Millimeter Stahl - verhindern den Durchschlag von Hohlladungsgeschossen aus allen gängigen Panzerfaustwaffen.
Gedanken, ob sie die Panzerplatten des Papierherstellers in ihre Fahrzeuge einbauen sollten, machen sich nun beide potentiellen Hauptabnehmer in der Bundesrepublik: Daimler-Benz in Stuttgart, wo die meisten gepanzerten Limousinen bestellt werden, und das Koblenzer Beschaffungsamt der Bundeswehr.