TASCHENBÜCHER Elf Negerlein
Elf westdeutsche Verleger haben sich zu einem Unternehmen entschlossen, in dem wir jenen kühnen Wagemut am Werk spüren, mit dem Pioniere Neuland betreten«, witzelte die »Welt« in einer Glosse. »Natürlich betreten unsere Bahnbrecher nicht platterdings unberührten Boden: nur Unverständige werden ihnen das vorwerfen - auch Columbus traf Ureinwohner an, als er in Amerika landete, und gilt dennoch als Entdecker einer 'neuen Welt'.«
Was die »Welt« ironisch »Neuland« nannte, war der Plan von elf renommierten deutschen Verlagen*, gemeinsam einen zwölften zu gründen: den »Deutschen Taschenbuchverlag«. Die als »Pioniere« ironisierten Verleger wollen sich auf eigene Rechnung an einem Geschäft beteiligen, das andere Verlage, wie Rowohlt und Fischer, seit Jahren betreiben: das Geschäft mit Taschenbüchern.
Der 54jährige Dr. Joseph Caspar Witsch, Inhaber des Kiepenheuer-Buchverlags und Initiator des Taschenbuch-Unternehmens, reagierte auf die »Welt« -Glosse: »Als Pionier fühlt sich keiner von uns.« Aber: »Verlage, die auf dem eigenen Felde leistungsfähig bleiben wollen, müssen in Taschenbüchern machen.«
»In Taschenbüchern machen« bisher 34 deutsche Verlage, und zwar mit zum Teil beträchtlichem Erfolg: Die Gesamtauflage aller Taschenbuch-Reihen erreichte bereits bis 1957 eine Höhe von 64,7 Millionen Exemplaren. Den größten Anteil an dieser Auflage hat der Nachkriegserfinder der deutschen Taschenbuch-Produktion, der Rowohlt Verlag, der seit 1950 in zehn Jahren insgesamt 45 Millionen Stück ausstoßen konnte, an zweiter Stelle folgt der Frankfurter S. Fischer Verlag, der bis Ende 1959 rund 26 Millionen Exemplare herstellte.
Einige Autoren - so Cronin, Graham Greene, Pearl S. Buck, die Colette - erreichten noch in der Rowohlt -Taschenbuch-Ausgabe Auflagen von über einer Million; von den bisher 391 Titeln der Fischer-Bücherei kamen nicht weniger als 84 über die 100 000-Grenze.
Nun sind die Titel, die von Rowohlt, Fischer, List, Ullstein, Goldmann und anderen als preiswürdige Taschenbücher angeboten werden, soweit es sich um belletristische Literatur - also nicht um Lexika oder Dokumentationen - handelt, fast sämtlich zuvor in üblichen Buchausgaben erschienen, aber keineswegs immer bei denselben Verlagen, in deren Taschenbuch-Reihen sie später aufgenommen wurden.
Vielmehr haben die Taschenbuch-Verleger sich bei publikumswirksamen Büchern auch bei ihren Konkurrenten um Lizenzen für die Taschenbuch-Ausgabe beworben - zumeist mit Erfolg, sobald die Nachfrage nach der üblichen Buchausgabe zurückging. Dabei mußten und müssen die Taschenbuch-Verlage eine Lizenzgebühr zahlen, die in der Regel etwa zehn Pfennig pro verkauftes Taschenbuch beträgt.
»Das Taschenbuch«, so erkannte Verleger Dr. Witsch, der 1955 eine eigene Taschenbuch-Reihe an Ullstein verkauft hatte, »ist ein wichtiger Bildungsfaktor geworden.« An den Geschäftserträgen, die aus diesem »wichtigen Bildungsfaktor« fließen, möchte er in Zukunft wieder beteiligt sein. Witsch: »Ich glaubte damals, daß ein Taschenbuch-Verlag nebenherläuft.« Heute glaubt Witsch, daß nur das geballte Potential mehrerer potenter Verlage den Erfolg einer neuen Taschenbuch-Serie garantiere.
Für die Gründung eines Taschenbuchverlages mit 40 Veröffentlichungen jährlich sind - laut Witsch - im ersten Jahr nötig:
- eine Million Mark Produktionsinvestierung,
- 900 000 Mark für Generalkosten (Werbung, Vertrieb, Löhne der Verlagsangestellten, Büros) und
- 240 000 Mark für Autorenhonorare.
Jeder der elf beteiligten Verleger soll in die Deutsche Taschenbuch GmbH 40 000 Mark einbringen und bei Bedarf weitere 10 000 Mark zahlen. Als zwölfter Teilhaber soll der Geschäftsführer des Verlags - voraussichtlich Heinz Friedrich, 38, gegenwärtig Programmdirektor bei Radio Bremen, früher Cheflektor der Fischer-Bücherei
- figurieren, der seinen Gesellschafteranteil durch monatliche Gewinnprämien zu finanzieren beabsichtigt. Den Differenzbetrag zwischen den Startkosten von 2 140 000 Mark und dem eingezahlten Gesellschafterkapital von 440 000 Mark möchte Witsch durch Produktionskredite decken. Während Taschenbücher der traditionellen Reihen in der Regel zwischen 1,90 bis 2,20 Mark kosten, sollen die Ausgaben des Deutschen Taschenbuchverlags, die von 1961 an erscheinen, den Buchkäufern für 2,40 Mark angeboten werden.
Ebenso paritätisch wie das Risiko gedenken die zwölf Teilhaber des Deutschen Taschenbuchverlags auch den Gewinn unter sich zu teilen. Daß der neue Verlag ein lukratives Geschäft bedeute, unterliegt für Witsch keinem Zweifel: »Der Umsatz an Taschenbüchern steigt ständig.« Und: »Schauen Sie sich mal die vorjährigen Verlagsprogramme der elf Verlage an. Einige dieser Titel sollen sich die anderen erst einmal suchen.«
Unter den vorjährigen Herbstneuheiten der elf Verlage befanden sich neue Bücher so publikumswirksamer Autoren wie Albert Schweitzer (C. H. Beck), Heimito von Doderer (Biederstein), Ina Seidel und Friedrich Sieburg (Deutsche Verlags-Anstalt), Gerd Gaiser und Eugen Roth (Hanser), Edzard Scqhaper und Bruce Marshall (Hegner), Gertrud von le Fort (Insel), Heinrich Böll; Henry de Montherlant und Vicki Baum (Kiepenheuer), G. K. Chesterton (Kösel), Stefan Andres, Paul Eipper und Giuseppe Tomasi di Lampedusa (Piper) und Wolfdietrich Schnurre (Walter). Witsch: »Die Gründung des neuen Verlags erfolgte listigerweise in dem Augenblick, in dem das Taschenbuch nach Autoren verkauft wird.«
Nun haben die traditionellen Taschenbuch-Verlage ihrerseits zugkräftige Autoren genug. Allein: Von insgesamt 374 Titeln der roro-Romane sind 29 Lizenzausgaben von Büchern, die ursprünglich bei einem der elf Teilhaber des neuen Verlags erschienen waren. Der Fischer-Verlag hat für seine Taschenbücherei sogar insgesamt rund hundert Lizenzen bei einem der »elf kleinen Negerlein« (Ivo Frenzel, Chefredakteur bei der Fischer-Bücherei) erworben, die allerdings noch nicht alle realisiert worden sind. Zwar dürfen die beteiligten elf Verlage auch künftighin Lizenzen für Taschenbücher vergeben, aber erst, nachdem sie sie ihrem eigenen Taschenbuch-Verlag angeboten haben. Die Lizenzquellen der traditionellen Taschenbuch-Verleger sind also durch die Neugründung beträchtlich vermindert. Trotzdem sieht der Rowohlt-Verlag »keine Gefahr«, und der Fischer-Verlag verlautbart: »Der bedeutendste Lizenzgeber für die Fischer-Bücherei ist der S. Fischer Verlag. Ganz allgemein läßt sich feststellen, daß die Bedeutung der Lizenz-Ausgaben zurückgegangen ist.«
* Artemis-Verlag, Stuttgart; C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung / Biederstein Verlag, München; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; Carl Hanser Verlag, München; Jakob Hegner Verlag, Köln; Insel-Verlag, Wiesbaden; Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; Kösel-Verlag, München; Nymphenburger Verlagshandlung, München; R. Piper & Co Verlag, München; Walter-Verlag, Freiburg.
Verleger Witsch
»In Taschenbüchern machen«