FILM Endlose Nacht
Reisen bildet. Wenn aber ein Reisender am letzten Tag, wo er sich schon sehr arg auf das eigene Bett freut, auf einem fernen Flughafen hängen bleibt, vier Stunden lang, acht Stunden lang, zwanzig Stunden lang, eines Streiks wegen oder weil eine womöglich pestkranke Ratte im Frachtraum rumort oder ein Virus den Bordcomputer zerbröseln lässt: Dieser Reisende kehrt nicht als besserer Mensch zurück, denn in der kollektiven Frust-Erfahrung lernt er seine Leidensgenossen kaum von ihrer besseren Seite kennen.
Wie auch? Da hängt man Stunde um Stunde zunehmend zermürbt und verschwitzt in einer überheizten Abflughalle oder an einer Bar herum, beduselt von Gratisdrinks, die jede Airline ihren gestrandeten Passagieren spendiert, um einer Meuterei vorzubeugen, und labert sich leer. Aha, Sie waren also für Hochtief auf Montage in Dschidda und haben echt live eine Enthauptung miterlebt? Und Sie haben sich bei der Bundeswehr in Somalia einen Sonnenbrand geholt? Interessant! Der frühpensionierte Beamte aus dem Schwabenland verrät, wie er nun als erotischer Schnäppchenjäger die Rotlichtbezirke des Orients durchstreift, das Oberlehrerpaar aus Thüringen schildert, wie sie einmal beide nachts im thailändischen Dschungel von einem gewaltigen Dünnschiss heimgesucht wurden, und der junge Aussteiger beschreibt, wie es bei einer Nutte im hintersten Slum von Manila stinkt. Interessant!
Wenn dann aber der Reisende glücklich doch wieder zu Hause ist und in der Firmenkantine oder am Tresen ganz arglos von dieser schwitzig-klebrigen Flughafenwartehallen-Misere erzählen will, winken die besten Freunde nur genervt ab: Bitte nicht! Kennen wir selbst! Vergiss es!
So etwa ergeht es auch dem Kinobesucher, der in »Manila« war und, wenn er davon erzählen will, an der Frage aufläuft: So what? Die endlose Nacht einer Jet-Ladung deutscher Chartertouristen, die vor dem Heimflug in Manila auf der Strecke geblieben sind, schildert »Manila« mit großer Hautnähe, atmosphärischer Dichte und Intensität, also unerbittlich, ohne Abschweifung oder Ausflucht. Kein Hitzefrei. Mutig und gnadenlos wird da der Banalität dieser Situation und des Daseins überhaupt ins Auge geblickt: Der Film versammelt die Gestrandeten zu einem exemplarischen Gruppenporträt der hässlichen Deutschen.
Auf dieses Sujet hätte kein anderer Autor als Bodo Kirchhoff verfallen können, der Deutsche in der Fremde seit 20 Jahren zu seinem zentralen Erzählthema macht und dabei zwangsläufig zum Fachmann für die ganze Miserabilität des Homo germanicus geworden ist. Unübertrefflich das Motto, das er »Manila« mitgegeben hat: »So weit Sie auch reisen, Sie bleiben immer ein Schwein.«
Sich selbst hat Kirchhoff, etwas gekünstelt, in das Film-Ensemble hineinkomponiert in Gestalt einer amerikanisch-jüdischen Journalistin (dargestellt von Elizabeth McGovern), deren Reportagethema seit 20 Jahren Deutsche im Ausland sind: denen sie notfalls bis auf den Bismarck-Archipel nachspürt. Als Filmfigur ist sie absurd unglaubwürdig, doch als Person ist sie die einzige, die im Lauf dieser vielstündigen zermürbenden Warterei etwas wagt, das ihr mehr als Heulen und Zähneklappern bringt: ein Quickie mit dem attraktivsten Burschen weit und breit (Jürgen Vogel).
Eine Schicksalsgemeinschaft kann man die Schar der »Manila«-Opfer nicht nennen, dafür ist »Schicksal« ein viel zu großes und schönes Wort; sie sind ja keinen Augenblick an Leib oder Leben oder gar Seele gefährdet. Sie haben Pech gehabt, das ist alles, und sitzen nun bis auf weiteres in der Patsche. So what?
Für Romuald Karmakar aber, dessen erster Spielfilm »Der Totmacher« 1995 die höchsten Preise gewann, ist diese Patsche eine Katastrophe: Seinen Figuren fehlt jede Fallhöhe, er aber hat sie, und sein hoch ambitioniertes Projekt »Manila« dümpelt unrettbar in Banalität dahin. Was immer Karmakar an atmosphärisch verdichtender Kamera-Eleganz und Regiekunst aufwendet, gibt den Figuren keinen Mehrwert, keine Aura, die etwas wie ein Geheimnis in ihnen vermuten ließe.
Warum sollte man auf sie neugierig sein? Kirchhoff ist mit diesen Unglücksmenschen fertig, wenn er seine (ästhetischen, nicht moralischen) Vorurteile gegen sie erschöpft hat; seine Dialoge sind das Mürbegebäck eines emsigen Reisenotizbuchschreibers, und mit diesen Krümeln im Mund klingen sogar erstklassige Schauspieler oft wie ihre eigene Zweitbesetzung.
Als Rettung aus der Spannungslosigkeit der Grundsituation haben sich Karmakar und Kirchhoff den Auftritt eines Gaststars ausgedacht, eines allseits vergötterten Fernseh-Kriminalisten: Sein bloßes Erscheinen hätte alles Elend vergessen gemacht und den Reisenden einen Urlaubshöhepunkt beschert, eine Epiphanie, bei deren Schilderung die Freunde daheim am Tresen oder beim Dia-Abend mit den Ohren geschlackert hätten. Unglaublich!
Die Kontur dieser Erscheinung könnte wohl nur ein einziger Star ausfüllen: der weltberühmte TV-Kriminalkommissar-Darsteller deutscher Zunge, Horst Tappert, in seiner vollendeten Nussknackerhaftigkeit. Schon Manfred Krug wäre eine Nummer zu klein gewesen. Der feingliedrige alte Herr aber, der die Figur tatsächlich darstellt (Eddi Arent), kann nur eben eine Ahnung davon vermitteln, wie viel, wie unsagbar viel dem Film fehlt zu dem, was er sein möchte.
Reisen bildet. Doch wem passiert, was in »Manila« passiert, der kann nicht einmal etwas daraus lernen - außer, zu Hause zu bleiben. Aber da kann ihm ja auch die Decke auf den Kopf fallen. So mag es einem mit »Manila« ergehen wie dem Oberlehrer aus Apolda bei Nacht im thailändischen Busch: »Das war weiß Gott keen Vergnügen, das war schon 'ne Erfahrung.« URS JENNY