FILM Endlosschleife der Schuld
Vor dem Tod hat das Kino von jeher keine Angst. Wohl aber vor der Trauer. Denn sie lähmt die Menschen, statt sie zum Handeln zu bewegen. Sie verschlägt ihnen die Sprache, statt ihnen die Zunge zu lösen.
Nun hat ausgerechnet Nanni Moretti, der in seinen Filmen oft auf Achse ist und unentwegt redet, sich der Trauer angenommen: »Das Zimmer meines Sohnes«, diesjähriger Gewinner der Goldenen Palme in Cannes, zeigt eine emotionale Erstarrung, die zutiefst bewegt.
Ein Mann joggt durch die Hafengegend von Ancona: Giovanni alias Nanni Moretti, der in seinen Filmen »Liebes Tagebuch« (1993) und »Aprile« (1998) mit einer Vespa wie schwerelos über die Straßen von Rom glitt, spürt schon in den ersten Minuten seines neuen Films den harten Boden der Tatsachen. Der 48-jährige Regisseur und Darsteller, der seine Pubertät bis ins Rentenalter verlängern zu wollen schien, ist erwachsen geworden.
Giovanni ist Psychotherapeut, verheiratet und Vater zweier Kinder. Sein Sohn Andrea (Giuseppe Sanfelice) soll gestohlen haben. Doch er und seine Frau Paola (Laura Morante) glauben den Unschuldsbeteuerungen des 17-Jährigen. Dennoch stiehlt der Vater sich heimlich ins Zimmer seines Sohnes.
Er sieht sich um, zieht eine Schublade auf und schiebt sie sofort wieder zu. Er will wissen, was sich darin befindet, aber er weiß auch, dass es ihn nichts angeht. So beiläufig und zugleich eindringlich zeigt Moretti, was es bedeutet, die Privatsphäre eines anderen Menschen zu respektieren.
»Das Zimmer meines Sohnes« verbirgt viel vor seinen Zuschauern. Es gibt im Film mehrere Telefonate. Alle sind wichtig, einige gar lebenswichtig. Doch die Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung zeigt uns Moretti nie. Er will nicht zuletzt von der Abwesenheit erzählen.
Eines Tages fährt Andrea mit einem Boot aufs Meer. Bald darauf erfährt Giovanni, dass sein Sohn bei einem Tauchunfall ums Leben kam. Was genau passiert ist, wird weder hier noch später gezeigt. Wie die Geburt des eigenen Sohnes, die der Regisseur in »Aprile« euphorisch feierte, ereignet sich Andreas Unfall jenseits des Bildes.
Wenn es um Leben und Tod geht, vertraut Moretti seine Filme allein unserer Vorstellungskraft an.
Dennoch findet er auch Bilder für den Tod. Wenn der metallene Sarg, in dem Andrea liegt, verschweißt und verschraubt wird, zwingt einen der Film unablässig, wie paralysiert zuzuschauen. Gerade weil sich der Blick hier nicht abwendet, wirkt diese Sequenz in ihrer Sachlichkeit brutal.
Giovanni, der den Sarg schon aussuchen muss, bevor der Tod des Sohnes richtig in sein Bewusstsein gedrungen ist, findet keine Worte. Er will jemanden anrufen, greift zum Hörer, hängt wieder ein. In »Aprile« plapperte er munter drauflos, als er vom Krankenhaus die halbe Welt per Telefon an seinen Vaterfreuden teilhaben ließ.
In »Liebes Tagebuch« beschrieb Moretti amüsant, welche Verständigungsprobleme es geben kann, wenn Kinder für ihre Eltern Anrufe entgegennehmen. Auch im neuen Film ringen die Generationen um eine gemeinsame Sprache. Am Anfang tut sich Giovanni schwer, seinen Sohn zu verstehen. So ist es für ihn umso schlimmer, nicht mehr mit ihm reden zu können.
»Das Zimmer meines Sohnes« erzählt von den verzweifelten Versuchen der Familie, Antworten auf all die offenen Fragen zu finden, die man nicht beerdigen kann. Doch weil es meist keine Antworten gibt, müssen die Lebenden aufpassen, nicht selbst in Totenstarre zu verfallen.
An dem Tag, als Andrea starb, wollte Giovanni mit ihm joggen gehen, machte aber stattdessen einen Hausbesuch. Immer wieder scheinen Bilder von diesem Lauf, der niemals stattfand, vor Giovannis innerem Auge auf: eine Endlosschleife seiner Schuldgefühle.
Seine Frau Paola will das Mädchen kennen lernen, in das Andrea sich verliebt hatte. Nach seinem Tod traf ein Brief der Unbekannten ein. Doch alle Versuche, der Trauer zu entrinnen, führen immer wieder in sie zurück. Bis am Ende die Hoffnung ebenso plötzlich in das Leben der Familie hereinbricht wie vorher der Tod.
»Das Zimmer meines Sohnes« schlägt in Morettis Werk eine neue Richtung ein, trägt seine vorherigen Filme aber wie schon zurückgelegte Etappen in sich. Auf seine oft etwas penetrante Egozentrik verzichtet er diesmal. Früher vermengte er Privates und Politisches, kreiste um den eigenen Bauchnabel und wollte gleichzeitig seinem Land den Puls fühlen.
Das konnte einem, trotz aller Selbstironie, auf den Nerv gehen. Moretti baute in seine Filme immer wieder Totalen ein, in denen er sich fast verlor: als wolle er sich auf ein erträgliches Maß zurechtstutzen. Doch diesmal geht es nicht um ihn, sondern um ein universelles Thema. Und Moretti tritt hinter seine Rolle zurück.
In »Liebes Tagebuch« fängt er in einer Bar unversehens an, zu einem Schlager zu tanzen, der aus dem Fernseher tönt. Da ist er selbstverliebt. In »Aprile« hält er das Baby im einen Arm, einen Ghettoblaster im anderen und bewegt sich im Takt der Musik durch die Wohnung. Da ist er verliebt in seinen Sohn.
Nun, in »Das Zimmer meines Sohnes«, sitzt die Familie am Anfang zusammen im Auto und singt. Diese Einstellung dauert sehr lange, zu lange, aber man ahnt: Diesen Moment des Zusammenhalts muss man gut festhalten, weil er niemals wiederkommen wird. In diesem Moment liebt Moretti nur seine Figuren. LARS-OLAV BEIER