Enge Bindung - DER SPIEGEL
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Tourismus Enge Bindung

Amerikas Touristiker hofieren neuerdings die zahlungskräftiger gewordenen Farbigen. Deren Lieblingsziel: Schwarz-Afrika.
• aus DER SPIEGEL 4/1973
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Bis 1964 durften sie nicht einmal in denselben Motels wie die Weißen übernachten, nun sollen die Schwarzen Sitz an Sitz mit ihnen in den Urlaub fliegen.

Amerikas Travel-Agenten haben eine neue Geldquelle erschlossen: den Spezialtourismus für Neger.

In Reisebüros, die ausschließlich schwarze Kundschaft betreuen, umwerben große Fluggesellschaften wie TWA, American oder United Air Lines die US-Farbigen mit Sonderpreisen und Spezialarrangements.

Und um die neuerwachte »black Wanderlust« ("Washington Post") weiter auszumünzen, locken Touristik-Manager die Neger durch Anzeigen in den Reiseteilen der »schwarzen« Gazetten. sowie durch Werbespots in Funk und Fernsehen in die ehemals verbotenen Freizeitparadiese der Weißen, nach Las Vegas. Hawaii oder Disneyland.

Denn nie zuvor in der Geschichte der Vereinigten Staaten war die schwarze Minderheit so zahlungskräftig wie heute. Statistiker haben errechnet, daß 1970 ein Viertel aller schwarzen Familien, bei denen in der Regel beide Ehepartner arbeiten, über 10000 Dollar in der Lohntüte hatten.

Obwohl das noch immer sehr viel weniger ist als weißes Mittelklasseeinkommen, erscheint es den Touristik-Managern doch genug, um davon etliches in ihre Kassen abzweigen zu können: 1972, so errechneten sie, reisten Schwarze für rund 800 Millionen Dollar; in diesem Jahr sollen sie bereits über eine Milliarde bringen.

Gleichwohl kehren viele Farbige noch immer nur zögernd da ein, wo sie so lange unerwünscht gewesen waren. »Schwarze«, so behauptet Clarence Markham jr., Herausgeber des »Negro Traveler«, der über 40 Jahre lang den schwarzen Reisemarkt und schwarze Reisegewohnheiten beobachtet hat, »haben vor allem Angst, beleidigt zu werden. Wenn sie eine Situation nicht kennen, bleiben sie weg«. Markham: »Wir wollen willkommen sein.«

Entscheidungshilfe bei der Wahl von Reiseroute und Reiseziel bieten meist farbige Reisebüro-Angestellte. denn von ihresgleichen glauben sich die schwarzen Globetrotter am unvoreingenommensten beraten. »Schwarze Amerikaner«. so ein farbiger Agent in Washington. »wählen ein Reiseziel lieber, wenn ihre Freunde bereits einmal dort waren und sich wohl gefühlt haben. Wenn sie aber unfreundlich behandelt wurden, dann spricht sich das herum. und kein Schwarzer setzt dort einen Fuß mehr auf den Boden.

Beliebt sind Reisen nach Mexiko, Jamaika, den Virgin Islands, Barbados, Haiti und Trinidad -- Länder mit farbiger Bevölkerung, die sozusagen vor der Tür liegen und doch außerhalb der Vereinigten Staaten. Außerdem haben viele US-Farbige Verwandte, die es im Laufe der Zeit dorthin verschlagen hat.

Von den überseeischen Ländern sind England. Frankreich und Italien populär, weil die GIs sozusagen Gratisreklame für diese Länder betrieben haben; auch Israel steht ziemlich oben auf der Beliebtheits-Liste. Eine New Yorker Reiseagentur bestätigt, daß beinahe ebenso viele Schwarze wie amerikanische Juden Pilgerreisen ins Heilige Land buchten.

Wegen der Rassenprobleme meiden fast alle Organisatoren Südafrika und Rhodesien; aber auch Südamerika. Asien, Australien und die Ostblockstaaten. Dafür haben Reise-Experten eine zunehmende Beliebtheit von schwarzen Kreuzfahrten in der Karibischen See notiert.

Doch das Mekka aller schwarzen Auslandsreisenden ist und bleibt die Heimat ihrer Ahnen: das schwarze Afrika.

Während weiße Afrikareisende erfahrungsgemäß zuerst den Norden und dann den Osten, Süden und Westen des schwarzen Erdteils besuchen, reisen US-Neger zuerst nach Westafrika. »Die meisten Sklaventransporte nach Amerika«, so erklärt ein schwarzer Reisemanager die Vorliebe, »starteten in Westafrika. Deshalb haben wir eine besonders enge kulturelle Bindung zu dieser Region.«

Die Pilgerreisen ins Land der Väter sind nicht eben billig. Vierzehn-Tage-Flüge mit Ausflügen kosten nach Accra (Ghana) 606 Dollar. nach Lagos (Nigeria) 684 Dollar und nach Nairobi (Kenia) 808 Dollar.

Einer der Hauptanziehungspunkte der afrikanischen Westküste ist für die US-Farbigen das westafrikanische Nationalgericht, scharfgewürzter Reis mit Fleischstücken. Mit anderen afrikanischen Rezepten wurde es seinerzeit von Negersklaven in die neue Heimat importiert und steht dort nun als sogenanntes »Soul Food« auch bei weißen Feinschmeckern auf dem Speisezettel.

Vor allem aber ist es das neue Selbstbewußtsein der schwarzen Rasse. das Amerikas Neger in die Heimat der Väter zieht »Ich fühlte mich so willkommen«, berichtete ein Afrika-Tourist aus Washington. »Sie fragten mich, warum ich mir so lange Zeit gelassen habe, nach Hause zu kommen.«

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